17f / Tree Of Them
Tree Of Them Spielzeit: 40:03
Medium: CD
Label: Eigenprodution, 2010
Stil: Ambient/Avantgarde

Review vom 18.12.2010


Joachim 'Joe' Brookes
Frédréric Merk dreht mit seinem Projekt 17f den Spieß um. Der Musiker, Arrangeur, Komponist und Remixer arbeitet mit Bands wie Charlotte Parfois, Girls In The Kitchen oder Hemlock Smith zusammen. Nun sind einige Bandmitglieder bei 17f aktiv. Neben Musikern aus genannten Gruppen ist darüber hinaus zum Beispiel noch der Ney-Spieler Kudsi Erguner zu hören. Er hat unter anderem mit Peter Gabriel gespielt und der Bassist Julien Grandjean ist ansonsten auch bei Opak tätig. Das Kollektiv wird durch den Drummer Arnaud Sponar, der mit seiner eigenen Band Goodbye Ivan Musik macht, vervollständigt.
Der Titel des in Eigenregie produzierten Albums »expresses the trinity between a man, his father and his son ...«
Das liest sich vergleichsweise harmlos. Die "Tree Of Them"-Musik könnte auch zu einem psychodramatischen Film passen, dessen Drehbuch noch gar nicht geschrieben wurde. Depression, Boardline, Burnout wären Stichworte der erregend traurigen Musik, in der es dann temporär doch Licht am Ende eines Alptraum-Tunnels gibt.
17f kreiert Stimmungen von der Enge einer Zwangsjacke und der psychedelischen Weite eines Ozeans. Eine ausgewogene Mitte existiert nicht. Die Musik pendelt zwischen Realitäten und Surrealitäten, laut sowie leise, erreicht dabei allerdings nur einmal die Stille.
Wenn Michael Frei (Hamlock Smith) für den sechsten Track als Vokalist gelistet wird, dann singt der Mann auch. In anderen Nummern hört man einige Stimmen, die nicht aus der Heizung kommen. Im Gegensatz zu allen anderen Stücken ist "Aiga II" das mit knapp über siebzehn Minuten zentrale Opus der Platte. Die Song-Komponisten, auf dieser CD allesamt als Akteure tätig, streben unter anderem nach musikalischer Integration. So wird man Ohrenzeuge von geschickt implantierten Floyd'schen Klangwelten aus deren Frühphase.
Die Musik ist sowohl minimalistisch wie auch opulent arrangiert. Verschiedene Saxofone oder Kudsi Erguners Ney (leider nur im Opener "Le Sexe Faible" zu hören) bilden zum Teil wahnwitzige Soundlandschaften in Kooperation mit diversen Keyboards oder Synthesizern. "Aiga II" ist ein relaxter und dennoch lauter Aufschrei der Emotionen. Zum Teil wünscht man einen guten Freund herbei, an dem man sich festklammern kann. 17f fesselt den Hörer in seiner tonalen Welt und dennoch braucht man jemanden, der einem verdeutlicht, dass noch ein Hier und Jetzt existiert. Um es noch deutlicher zu machen: Im expandierten Ende des Tracks ist Laurent Estoppeys Tenorsaxofonbeitrag eine jazzig improvisierte Darbietung der gepflegten Zügellosigkeit.
Im letzten Stück zaubert Merk zu Klängen einer singenden Säge sowie mit Nylonsaiten bestückter akustischer Gitarre und Vogelgezwitscher eine äußerst persönliche Sichtweise auf einen 'Engel'. "Angel" ist beklemmend-schöne Psychedelic, die ihre Wurzeln in den Siebzigerjahren hat und die letzten dreißig Sekunden sind nur noch ganz leises Vogelgesäusel und schließlich ... Stille.
Wie eine kontrastierende Buchstütze zur anschließenden Nummer kann man "Le Sexe Faible" ansehen. Schrill, chaotisch und unsortiert ist das dynamische Stück Musik. Mit wenigen Pianotönen und sphärischen Hintergrundklängen der Ney entwickelt sich ein akustisches Schauspiel der Schallwellen-Konfusion. Das erste Stück ist ein Wolf im Schafspelz. Das Piano bleibt minimalistisch aktiv und plötzlich öffnet sich der Blick lautstark in eine nicht enden wollende Episode aus gesprochenen Worten und Sopransaxofon. Es hat den Anschein, als sorgen Schlagzeug und Bass dafür, dass das Geschehen nicht aus den Fugen gerät: "Le Nain II".
In "For A While" singen Merk und die Säge zu abermals schönen Pianoklängen und mit dem Einsetzen der Rhythmusfraktion kann man im Zusammenhang mit der 17f-Welt glatt von Pop sprechen. "Receipt" ist eine Mischung aus dunklem Elektro-Groove und verfremdetem Stimmengewirr. In das Stück implantierte man kurze Intermezzi aus Drumsolo, Schreien und Wortfetzen. Beim zweiten Zwischenspiel rockt eine E-Gitarre.
17f respektive Frédéric Merk baut mit "Tree Of Them" eine individuelle Klangwelt auf. Das Album schafft den Spagat zwischen experimenteller sowie psychedelischer Musik und noch viel mehr. Die Platte ist bestimmt nicht für jede Tagesform geeignet und dennoch vereint 17f scheinbar kontroverse Welten unter einem beeindruckenden Dach. Der Rundling ist kein Placebo, sondern eine effektive, auditive Droge. Das musikalische Universum kann man nicht begrenzen.
Line-up:
Frédéric Merk (vocals, guitar, bass, other instruments)
Michael Frei (vocals - #6)
Kudsi Erguner (ney - #1)
Laurent Estoppey (tenor saxophone - #6)
Tassilo Jüdt (soprano saxophone - #2,6)
Julien Grandjean (bass - #4)
Gérald Rochat (drums - #1,3)
Laurent Jaussi (bass - #2,3,6)
Arnaud Sponar (drums - #2,4,6)
Tracklist
01:Le Sexe Faible (3:17)
02:Le Nain II (4:50)
03:For A While (5:51)
04:Receipt (3:59)
05:Racine (2:05)
06:Aiga II (17:07)
07:Angel (2:55)
Externe Links: