Against Me! / White Crosses
White Crosses Spielzeit: 50:16
Medium: CD
Label: Sire Records / Warner, 2010
Stil: Rock, Punk

Review vom 05.08.2010


Moritz Alves
Der Ausruf 'Sell Out!' gilt in Punk-Kreisen gemeinhin als Höchststrafe für eine Band, wird damit doch angeklagt, dass sich die Musiker durch eine angeblich kommerzielle Ausrichtung von ihren musikalischen und ideologischen Wurzeln entfernt haben. Eine solche Entwicklung wird von Hardlinern als Verrat an der Szene angesehen.
Das neue Against Me!-Album "White Crosses" scheint das jüngste Beispiel für dieses Phänomen zu sein, tauchen derartige Unkenrufe doch in diesem Zusammenhang erstaunlich häufig auf und liegen in der insgesamt gemäßigten, radiotauglichen Ausrichtung der Scheibe begründet. Diese Orientierung der Truppe um Mastermind Tom Gabel scheint gerade Fans der ersten Stunde sauer aufzustoßen und ist somit weit mehr, als diese beinharten Anhänger nach dem Vorgänger "New Wave" (2007), der diesen Stilwechsel schon teilweise zeigte, hinzunehmen gewillt sind.
'Sell Out!' heißt es nun somit aus vielerlei Richtung, und es wird sich das Maul über den glatten, angeblich überproduzierten Sound und die poppigen Songstrukturen zerrissen. Sicher, mit der wilden, unbändigen Punk Rock-Wut von z.B. "Reinventing Axl Rose" (2002) hat "White Crosses" augenscheinlich überhaupt nichts mehr am Hut. Chefdenker und Bandkopf Tom Gabel ist mit der Zeit wohl einfach reifer geworden und hat sich musikalisch wie ideologisch weiterentwickelt. Dies gibt er im Text der ersten Single, die bezeichnenderweise den Titel "I Was A Teenage Anarchist" trägt, auch unumwunden zu: »I was a teenage anarchist, but the scene got too rigid« heißt es da genau so wie »The revolution was a lie«. Der Song zeigt somit einen erwachsen gewordenen Menschen, dessen Ideale zwar noch grundsätzlich vorhanden sind, jedoch nicht mehr unbedingt so offensichtlich zu Tage treten wie in der Vergangenheit.
Und so enthält "White Crosses" noch immer sehr gut, kritische Texte (z.B. "Suffocation", "High Pressure Low", "Rapid Decompression" oder der Titeltrack), gibt darüber hinaus aber verstärkt Einblicke in das Seelenleben Tom Gabels - Songs wie "Because Of The Shame", "We're Breaking Up" oder "Ache With Me" beweisen dies, und zählen darüber hinaus zu den besten Kompositionen des Albums.
Raues, ungehobeltes Liedgut wie beispielsweise "Pints Of Guinness Make You Strong" (von "Reinventing Axl Rose") mag anno 2010 bei Against Me! Nicht mehr geschrieben werden, dafür kommt jetzt die folkige Songwriter-Schlagseite Tom Gabels wesentlich deutlicher zum Tragen. Sein intensives, emotionales Liedgut mag durch den Einsatz von Piano oder Akustikgitarre und nicht zuletzt den superben Gesangsmelodien vielleicht weniger Biss haben und leichter ins Ohr gehen als früher. Das heißt aber andererseits noch lange nicht, dass der Mann seine Wurzeln komplett verleugnen würde. Schlecht finden kann man "White Crosses" somit höchstens als völlig engstirniger Punk, der einer Band sowieso nur minimale Entwicklung zugesteht.
Parallelen zu Bruce Springsteen, New Model Army, The Gaslight Anthem und aktuellen Green Day werden bei der Rotation des Silberlings nur allzu oft deutlich und entfalten dadurch eine unglaubliche, ungeahnte Magie. 'Sell Out!' hin oder her - der Punk-Gedanke war jedoch schon immer der, genau das zu machen, wonach einem der Sinn steht. Nichts anderes tun die vier Musiker hier und machen eine gute Figur dabei.
Mir gefällt "White Crosses" in seiner Gesamtheit jedenfalls richtig, richtig gut! Als unbedingte Anspieltipps möchte ich deshalb besonders "Because Of The Shame", "Suffocation", "We're Breaking Up", "Ache With Me", "Bamboo Bones", "Bob Dylan Dream", "Lehigh Acres" sowie den Titeltrack hervorheben. Dass sich darunter auch Bonus-Tracks befinden ist umso schöner, stammen diese doch aus den Sessions zum Album und fügen sich nahtlos ans reguläre Material an - die ganze Scheibe klingt somit wie aus einem Guss und ich frage mich, weshalb die vier Zugaben nicht gleich offiziell in die Trackliste integriert worden sind, zumal eine Singer/Songwriter-Perle wie "Bob Dylan Dream" (eine augenzwinkernde Verbeugung vor dem Meister) nochmals sehr deutlich zeigt, in welche Richtung sich die Band mittlerweile entwickelt hat.
Fazit: "White Crosses" ist ein unglaublich vielschichtiges, wertvolles, zeitgemäßes Rock-Album geworden, an dem auch jeder weltoffene Punk-Fan Gefallen finden sollte. Anders gesagt: Wem The Gaslight Anthem und die neueren Green Day-Alben gefallen, der wird auch Against Me! Und "White Crosses" lieben.
Line-up:
Tom Gabel (vocals, guitar)
James Bowman (guitar, backing vocals)
Andrew Seward (bass, backing vocals)
George Rebelo (drums, backing vocals)

Zac Rae (additional keyboards)
Tracklist
01:White Crosses (3:36)
02:I Was A Teenage Anarchist (3:14)
03:Because Of The Shame (4:21)
04:Suffocation (3:55)
05:We're Breaking Up (3:56)
06:High Pressure Low (4:11)
07:Ache With Me (3:38)
08:Spanish Moss (3:51)
09:Rapid Decompression (1:46)
10:Bamboo Bones (3:33)
11:One By One [Bonus Track] (3:35)
12:Bob Dylan Dream [Bonus Track] (2:57)
13:Lehigh Acres [Bonus Track] (3:31)
14:Bitter Divisions [Bonus Track] (4:02)
Externe Links: