Anathema / We're Here Because We're Here
We're Here Because We're Here Spielzeit: 58:14
Medium: CD
Label: Kscopemusic (Edel), 2010
Stil: Atmospheric Rock


Review vom 30.05.2010


Andrea Groh
"We're Here Because We're Here" - 'wir sind hier, weil wir hier sind' - das klingt irgendwie nach Selbstfindung. Stellt sich die Frage, wo oder was ist das 'hier' und wie oder warum sind Anathema dorthin gelangt, wo beginnt der Weg und wo endet er? Schauen wir einmal zurück:
Anfang der 90er gab es in England drei Pionierbands mit der Idee, finstere Musik mit Wohlklängen zu verbinden, Dunkelheit mit Schönheit: Paradise Lost, My Dying Bride und Anathema. Sie alle fingen mit schweren, harten Riffs und Grunzgesang an, verbanden dies jedoch mit melancholischen und melodischen Elementen, u. a. mit Frauengesang.
Dies wurde dann als Doom/Death, teilweise auch als Gothic Metal (nach der zweiten Scheibe der Lostis) bezeichnet. Interessanterweise entfernten sich alle drei Bands mit der Zeit stark von ihren Wurzeln, wobei jede ihren eigenen Weg ging, ihren eigenen Stil fand.
Gegründet 1990 in Liverpool, zunächst unter dem Namen Pagan Angel, wurde der Bandname aber bald in Anathema ('Kirchenbann, Verfluchung') geändert.
Die ersten Veröffentlichungen erschienen bei Peaceville: "Serenades" (1993), "Crestfallen" (Mini-CD), "The Silent Enigma" (1995), "Eternity" (1996) und Alternative 4 (1998). Schon auf dem Debüt befand sich ein ungewöhnlicher Song, mehr als 20 Minuten lang und äußerst ruhig. Ähnliches, wenn auch nicht mehr ganz so extrem umgesetzt, fand sich auch auf den Nachfolgern. Mit der Zeit gab es personelle Veränderungen, die sich wohl auch auf die musikalische Ausrichtung auswirkten, die Reduzierung der Death Metal-Elemente bewirkten.
Anathema wechselten zu Music For Nations, die drei Alben herausbrachten: "Judgement" (1999), "A Fine Day To Exit" (2001) und "A Natural Disaster" (2003).
Die Wandlung, die die Band in diesen 10 Jahren machte, war schon ziemlich heftig. Wer dem als Fan folgen wollte, musste schon eine gewisse musikalische Bandbreite und Toleranz aufweisen. Die Inspiration kam nun z. B. von Pink Floyd und Radiohead. Wobei mir persönlich sowohl die alte dunkle Phase gefällt, ich aber auch die neuen, ruhigen Werke zu schätzen weiß, mein klarer Favorit war bisher "Judgement".
Nach einer Pause melden sich Anathema nun 2010 mit dem Statement "We're Here Because We're Here" zurück, mittlerweile bei Kscopemusic. Nun zurück zur Eingangsfrage: Was bedeutet 'Here' in diesem Fall?
Einerseits machen sie da weiter, wo sie aufgehört hatten, andererseits scheint die Palette der Einflüsse erweitert worden zu sein. In erster Linie ist es ruhige, emotionale, verspielte und verträumte Musik, oft sanft plätschernd, aber es wird auch mal Tempo zugelegt, wirkt fast schon unruhig ("Summernight Horizon"). Als Gegenpol dazu gibt es z. B. das sanfte, beinahe schon sphärisch wirkende "Angels Walk Among Us", bei dem H.I.M.s Ville Valo als Gastsänger auftritt oder "Presence", das größtenteils aus gesprochenen Worten mit Keyboardklängen unterlegt besteht, aufgelockert durch weiblichen Gesang von Lee Douglas.
Wer aufmerksam zuhört, entdeckt viele Feinheiten. Auch wenn einiges im ersten Moment ruhig und schlicht erscheinen mag, offenbart es bei genauerem Betrachten (Anhören) viel Tiefgang und Substanz, nach der Devise 'Stille Wasser sind tief'. Man kann die Musik in gewisser Weise vorwiegend als soft bezeichnen, weil so gut wie keine aggressiven Gitarren oder Geschrei dabei sind, jedoch nicht als seicht im Sinne von anspruchslos.
Bilder tauchen vor meinem geistigen Auge auf: Bilder von Sommerwiesen, Ähren, die sich im Wind biegen, sanft plätschernde Bäche, die aber auch über Stromschnellen fließen, Bäume, Steine und vieles mehr. Anathema nehmen mich mit auf eine Reise, die mir die Schönheit der Natur zeigt, die Wege des Lebens. Die Musik wird dabei zum Transportmittel, das wie der Wind über die Landschaft streicht. Das erzeugt ein intensives, durch den Klang hervorgerufenes Erlebnis, welches berührt und beeindruckt.
"We're Here Because We're Here" könnte bedeuten, 'wir sind nun dort angekommen, wo wir sein wollen' oder 'wir sind, was wir sind, weil wir das sein wollen' oder, oder
Eins ist auf jeden Fall sicher: Anathema 2010 sind wieder 'here' und das auf eindrucksvolle Weise. Den drei Cavanagh-Brüdern ist ein großartiges Stück britischer melancholischer Musik gelungen, zeitlos, vielschichtig, grenzüberschreitend und eigenständig. Dieses zeigt uns nicht nur, dass mit Anathema wieder zu rechnen ist, sondern definiert ihre aktuelle stilistische Position.
Tja, und der 'test of time' wird zeigen, ob ich zukünftig diese Scheibe wählen werde, wenn die Frage nach meinem Favoriten der Band gestellt wird.
Line-up:
Vincent Cavanagh (vocals, guitars)
Daniel Cavanagh (guitars, vocals, keyboards)
Les Smith (keyboards)
Jamie Cavanagh (bass)
John Douglas (drums)
Lee Douglas (additional vocals)

Guest musicians:
Ville Valo (additional vocals - #5)
Dave Stewart (string arrangements)
Tracklist
01:Thin Air
02:Summernight Horizon
03:Dreaming Light
04:Everything
05:Angels Walk Among Us
06:Presence
07:A Simple Mistake
08:Get Off, Get Out
09:Universal
10:Hindsight
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