Thomas Kraft (Hg.) / Beat Stories
Beat Stories 382 Seiten, Klappenbroschur
Medium: Buch
Erschienen im Blumenbar Verlag, 2008
ISBN 978-3-936738-36-0,
17,80 Euro


Review vom 20.10.2008


Norbert Neugebauer
Jeder von uns hat seine Geschichte, wie es bei ihm anfing. Als ihn die Rockmusik packte und seither nicht mehr losließ. Die 'Sozialisation', wie es mein verehrter Kollege Olli nennt, die Initation, die Erweckung oder was auch immer. Rock als Offenbarung und Weltanschauung. Der Abschied von der Kindheit, der Ruf von Freiheit und Revolution und für Manche auch das frühe Ende einer vielversprechenden Karriere. Und natürlich der Sound der pubertären Triebe, aus denen oft allzu schnell und heftig Sex&Drugs&Rock'n'Roll wurden.
Thomas Kraft hat die Geschichten von 79 Kolleginnen und Kollegen gesammelt, die sich nur allzu gut an ihre entscheidende Begegnung mit der Rockmusik in ihrer Jugend erinnerten, die meisten Kinder der 68er-Zeit, des großen gesellschaftlichen Umbruchs. Und die in den späten sechziger und siebziger Jahren, diesem wilden Jahrzehnt, für immer geprägt wurden. Oft geht es auch um markante Situationen, in denen bestimmte Stücke oder Bands eine entscheidende Rolle gespielt haben.
Unter den Autoren finden sich bekannte Szene-Journalisten und Moderatoren aus dem weiten deutschen Sprachraum, von der hintersten Schweiz bis nach Ostberlin, die sich ihren "Beat Stories" hingeben. Sie tun dies auf unterschiedlichste Weise, von analytisch berichtend, über melancholisch verklärt, bis zu literarisch anspruchsvoll. Nicht immer besonders peppig, öfters auch recht langatmig und in einem Sprachstil, der nicht unbedingt für dieses Genre passt. Aber durchgehend authentisch und interessant. Sicher nicht nur für die nostalgischen Zeitgenossen unter uns, sondern hoffentlich auch für die, die jüngeren Musikfans, die gern 'back to the roots' hören. Für mich, den selbst in dieser Zeit Aufgewachsenen, waren die Erzählungen eine angenehme Urlaubslektüre. Natürlich oftmals auch ein Flashback, mit der erstaunten nachträglichen Erkenntnis des in der Rock-Diaspora lebenden Landeis, wie oft sich die geschilderten Gefühle mit den eigenen jener Tage deckten.
» Ich verstand kein einziges Wort. Aber dann: Singin' We will, we will rock you. Alles klar. Darum ging's. Natürlich. Hammer! Ich war hin und weg und bin sicher, dass ich dieses Album mehr als 200 mal gehört habe. Ich roch an dem Innencover, ich malte Buchstaben nur noch in der perspektivischen Schrift, die ich darauf fand. Ich trank mein erstes Bier zu Queen. WummWummWumm! Die nächsten drei Jahre befand ich mich fest in der Hand von Freddy (sic!) und seinen Freunden.«
(Jan Weiler: Als Queen noch Könige waren)
Eine Straffung hätte dem Buch sicher gut getan, nicht jede Geschichte ist wirklich originell und lesenswert. Aber insgesamt ist "Beat Stories" ein gelungenes Stimmungsbild über jene Zeit, als die junge Rockmusik eine ganze Generation bewegte und somit ein willkommenes Projekt. Eine gute Portion Rock-Literatur, die auch nach so langer Zeit aktuell ist. Der Herausgeber ist im Vorwort und mit einer eigenen Erzählung vertreten, im Anhang werden alle Autoren kurz vorgestellt, zu einem Text gibt's Erläuterungen.
Thomas Kraft liest in einer zweiten Staffel dieser Tage wieder aus "Beat Stories" in Norddeutschland und im bayerisch-fränkischen Raum. Mehrfach wird er von anderen Autoren des Buchs begleitet und dazu gibt's Mucke, mitunter auch live. Natürlich mit der »besten Musik aller Zeiten«, was alles andere als einen trockenen literarischen Abend verspricht. Im Gegenteil, bisher ging's mitunter recht heftig zu, wie etwa im Bootshaus Bamberg (der Geburtsstadt Krafts) im Juni, als der Herausgeber selbst Platten auflegte.
Inhalt:

Alex Capus: Stones und Stripper (The Rolling Stones)
Tanja Dückers: A Day In The Life (The Beatles)
Gregor Hens: Die meisten Worte fehlen noch (Nico)
Silvio Huonder: Die dunkle Seite des Mondes (Pink Floyd)
Ulrich Woelk: Eden (Iron Butterfly)
Roland Spiegel: The Who, vier Räder und eine tückische Leidenschaft (The Who)
Marlene Streeruwitz: Ach. Die Doors (The Doors)
Ulrich Peltzer: Born On The Wrong Side Of Time (Taste)
Roland Koch: Canned-Heat-Blues (Canned Heat)
Manfred Metzner: Als der Sommer noch ein Sommer war (Lovin Spoonful)
Peter Stephan Jungk: Die Geräusche der Liebenden (Herman's Hermits)
Otmar Jenner: Die rote Gitarre (Beach Boys)
Franzobel: Kannibale und Liebe
Fabienne Pakleppa: Souvenirs, Souvenirs (Johnny Halliday)
Werner Fritsch: Black Earth Blues (Jimi Hendrix)
Bernhard Setzwein: Nothing Left To Loose (Janis Joplin)
Matthias Politycki: Jungsmusik für Jungs, die gern Männer gewesen wären (Ten Years After)
Kathrin Schmidt: Vom Duft, vom Schall und vom Rauch (Cat Stevens)
Karl Forster: Sie spielten nur einen Sommer lang (Blind Faith)
O. P. Zier: Freiheit in Lend (Cream)
Barbara Honigmann: Ocean Boulevard bei Berlin (Eric Clapton)
Walter Famler: Whatcha Gonna Do About It (Small Faces)
Frank Witzel/Klaus Walter/Thomas Meinecke: Preservation Act (The Kinks)
Arno Frank Eser: Man trifft sich immer zweimal im Leben. Oder noch öfter (Hardin & York)
Thommie Bayer: Orange oder giftgrün? (Leonard Cohen)
Jan Koneffke: Mein Bob Dylan (Bob Dylan)
Bert Papenfuß: Abend über Dächern
Gerd Holzheimer: Die andere Seite des Lebens (Jefferson Airplane)
Ferdinand Schmatz" "Hast Du schon etwas von Tolkien gehört?" - "Ja, von Led Zeppelin." (Led Zeppelin)
Bernhard Lassahn: Anders als die anderen (Procol Harum)
Franz Dobler: Stimmen Maschinen Gewehre (Soft Machine)
Werner Pieper: Das Kraut rockte
Sonja Rudorf: Sternschnuppen (The Mamas & the Papas)
Norbert Scheuer: This Machine Kills (Donovan)
Hans Pleschinski: Swinging Wacholder
Thomas Kraft: Twin Guitars (Wishbone Ash)
Nicola Bardola: Talk Talkbox! (Peter Frampton)
Roderich Fabian: Starman (David Bowie)
Thomas Palzer: Deconstructing Lou (Lou Reed)
Thomas Meinecke: Re-Make / Re-Model (Roxy Music)
Volker Kaminski: Give Me Life! (Van der Graaf Generator)
Silvia Szymanski: Wie man singt, wenn man durch die falsche Tür gegangen ist (Laura Nyro)
Martin Halter: Wir müssen hier raus (Eric Burdon)
Egon Günther: Don´t Look Back (Captain Beefheart)
Helmut Krausser: Some saintly shrouded men (Genesis)
Mirko Bonné: Die Narzissen (Genesis)
Norbert Niemann: Plastic People (Frank Zappa)
Oliver Platz: Starsailor (Tim Buckley)
Birgit Kempker: Weil der Kopf ein Räuber ist und eine Prärie (Townes van Zandt)
Hellmuth Opitz: Der geschliffene Stein (Uriah Heep)
Ingo Schramm: Schwarzer Samstag (Black Sabbath)
Sabine Thomas: Sommer '76 (Deep Purple)
Axel Sanjosé: Nach der Sintflut ist vor der Sintflut. Rainbow, eine Begegnung (Rainbow)
Karl Bruckmaier: Rocking In A Free World (Status Quo)
Jan Weiler: Als Queen noch Könige waren (Queen)
Tanja Langer: Mädchensommer (James Brown)
Arne Rautenberg: Sooo Good (Sly & The Family Stone)
Uwe Kolbe: The Temptations im Radio (The Temptations)
Doron Rabinovici: Mister Master Blaster (Bob Marley)
Carl-Ludwig Reichert: Now Is The Time To Turn The Record Over (Jim Kweskin Jug Band)
Burkhard Spinnen: Kopf im Ohr (Steely Dan)
Heribert Hoven: To Every Thing, Turn, Turn, Turn, There is a season (The Byrds)
Gunna Wendt: Last Waltz At "Lonestar Café" (The Band)
Günther Fischer: Der Traum vom guten Amerika (The Eagles)
Leopold Federmair: Wie man dem Rost entgeht (Neil Young)
Martin Hielscher: It Ain't Carrying Me No Load (J. J. Cale)
Albert Ostermaier: Kein X für ein U (Lynyrd Skynyrd)
Perikles Monioudis: Die Originalkopie (Lake)
Erwin Einzinger: Nicht allzu viel Wetter machen (Nick Drake)
Michael Wildenhain: Am Strand
Rainer Moritz: Ein handfester Stehblues (Lobo)
Alexander Müller: Triff Dich besser nie mit den Residents (The Residents)
Rainer Merkel: Eine sozialpädagogische Erfahrung (Yes)
Nevfel Cumart: Give A Little Bit (Supertramp)
Andrea Heuser: The Happy Days When We Were Going Nowhere (Gentle Giant)
Frank Goosen: Französische Küsse in dunklen Hauseingängen (Dire Straits)
Ingo Schulze: Popikone
Georg M. Oswald: TV-Eye (Iggy Pop & The Stooges)
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