At War With Self / Acts Of God
Acts Of God Spielzeit: 56:05
Medium: CD
Label: Sluggos Goon Music, 2007
Stil: Progressive

Review vom 15.05.2007


Ulli Heiser
Vor etwas mehr als zwei Jahren stellten wir At War With Self, das Projekt um den Ex-Gordian Knot-Gitarristen vor. Seit dieser Zeit und dem Album Torn Between Dimensions hat sich einiges geändert. Dass "Acts Of God" kein Instrumentalalbum mehr ist, mag da noch die geringste Abweichung sein. Schaut man dagegen das Line-up an, wird man sofort fündig, denn außer Glenn ist von der Urbesetzung niemand mehr dabei. Mit im Boot sind nun Damon Trotta (u.a. Isaac Hayes und Bernie Worell), Mark Sunshine, Steve Decker, Manfred Dikkers, James Von Buelow sowie Dave Archer.
Liest man sich durch, was uns Glenn vor zwei Jahren im Interview erzählte, dann ist die 'Erneuerung' des Personals gar nicht soo verwunderlich:
»Im Moment ist At War With Self ein reines Studioprojekt. Ich sehe es nicht als eine 'wirkliche' Band, in dem Sinne, dass als nächstes einige Line-up-Wechsel zwischen den einzelnen Veröffentlichungen vorgenommen werden. Mit jeder Veröffentlichung möchte ich das Projekt ein wenig in eine Richtung bewegen, und ich denke, unterschiedliche Musiker sind dafür ein wichtige Voraussetzung. Die nächste Veröffentlichung muss vielleicht nicht von einem Trio stammen.«
Stilistisch hat sich einiges geändert, aber unbedingt festhalten möchte ich, dass die Musik mitnichten für die Massen taugt. Das war beim Vorgänger schon der Fall, ist aktuell nicht anders, und wenn man sich das Interview zu Gemüte führt, kommt man zu dem Schluss, dass sich daran auch in zukünftigen Werken nichts ändern wird. Dem aufmerksamen Hörer wird zwar einiges abverlangt, aber wenn der Zugang erst mal gelegt ist, kann man bei jedem Songdurchgang Neues entdecken. Fast möchte ich sagen, dass "Acts Of God" bei jedem Anhören 'anders' wirkt.
Akustische Gitarrenspielereien im Opener wiegen einen erst mal 'in Sicherheit', bis wuchtige, synthetische Schläge eine gespenstische, bedrohliche Dramaturgie aufbauen und hinüberleiten zu "911". Die akustische Gitarre wird mit flinken Fingern gespielt und begleitend eingesetzt, prog-metallische Riffs und -Strukturen klinken sich ein und der aufpeitschende Grundtenor der Nummer wechselt sich ab mit beruhigenden und unerwartet melodiösen Linien. In Assoziation mit dem traurig berühmten Datum wirkt der Track auf mich, als ob es die Bilder im TV noch einmal zu sehen gäbe, man aber nicht hinschaut, sondern via Musik das Drama mit anderen Sinnen erneut 'erlebt'.
"Threads" funkt, wartet mit Vocals auf und wenn sich metallische Gitarren 'einfetzen', der Bass bedrohlich pumpt und gewaltige Drumschläge die Membranen tanzen lassen, sollte man von Lautsprecher auf Kopfhörer wechseln, denn dann ist man mittendrin und kann die eingestreuten, sphärischen Momente aus perfekter Nähe genießen. Mit Stimme auch der Folgetrack "Ursa Minor", aber hier reitet der Gesang erst mal auf psychedelischen Wogen, und die sich hart und brutal ins Geschehen riffende Gitarre lässt der Nummer eine angenehme Gemächlichkeit.
"End In Blue" knüpft tempomäßig am Vorgänger an, wirkt aber mehr ambient... bis es dann psychedelt und At War With Self zeigen, dass man die musikalische Idee des Experimentierens nicht dem Massengeschmack opfert. Unter den Ohrmuscheln fühlt sich das an, als werde man schmerzfrei durch einen riesigen Fleischwolf gedreht. Fast süß beginnen Streichinstrumente "Martyr", aber latentes Bass- und Schlagzeug'gezappel' machen einem bewusst, dass irgendwas auf der Lauer liegt, um die Strings in Bälde aufzumischen. Kaum geschrieben, passiert das auch in Form einer Gitarrenattacke, die von kakophonischen Mitangreifern begleitet wird. Ein Break leitet über zu einer an "Tubular Bells" erinnernden Sequenz. Wie im richtigen Leben, liegen auch hier Schmerz und Wohlsein nah beieinander. Ein geordnetes Durcheinander mit abgrundtiefem Bassgebrabbel und 'Normalhörer' in den Wahnsinn treibendem Aufbäumen aller sich in Reichweite befindenden Instrumente und Elektronika.
Dagegen kann man "No Place" den Willen attestieren, den Hörer wieder runterzuholen. Auf einem nicht gerade als einfach zu bezeichnenden Rhythmus, treiben die Vocals gemächlich dahin; vergleichbar einer alten Flaschenpost im ufernahen Wellengesäusel.
Eine Mischung aus Funk und Jazz trägt den Namen "Choke Loud". Gewaltige Wände aus Gitarre, Synthesizer und weiß der Geier was noch bauen sich rasch auf und empfindliche Naturen, die geradlinigen Metal, braven Blues oder klassischen Rock zu ihrer musikalischen Hausmannskost zählen, danken mit erleichtertem Augenaufschlag für den Einsatz des Kopfhörers.
Als ob die Band versöhnen möchte, beginnt der Rausschmeißer mit einer Slide-Gitarre, erinnert im Gesang an eine Mischung aus Robert Plant und Zakk Wylde und ansonsten auch an die psychedelischen, ruhigen Zep-Nummern; wenngleich bei At War With Self der Frequenzkeller allerdings in einer anderen Liga zu Hause ist. Träge dahinrollende Basslinien wabern wie Trockeneisnebel in einer surrealen Folterkammer und dann wird fast doommäßig "When The Saints Go Marching In" intoniert. Eine 'weit weg' brüllende Stimme setzt sich kanonartig dazu. Die Vocals werden aggressiver, aber auch etwas weggemischt und Instrumente, Transistoren und Schaltkreise schrauben sich nach vorne. Das ist eine Hammernummer. Ach was sag ich, Hammer. Vorschlaghammer, Dampframme passen da wohl eher.

Glenn Snelwar ist eine Bank wenn es darum geht, Musik zu kreieren, die zum einen so weit als möglich vom Volk entfernt ist, zum anderen aber auch ungeübte Ohren zu begeistern weiß... wenn man der Musik eine Chance gibt.
Als Label zeichnet Sluggos Goon Music, ein Kollektiv aus Musikern und Technikern, welche, fernab der oftmals die musikalische Richtung bestimmen wollenden Majors, ihr eigenes Ding durchziehen, ohne dass jemand rein redet. Das mag der Grund sein, wieso die CD nur über CD Baby erhältlich sein soll.
Gewidmet ist das Album dem verstorbenen Voivod-Gitarristen Denis 'Piggy' D'Amour
Line-up:
Glenn Snelwar (acoustic & electric guitars, mandoline, e-bow, synths, string arrangements and programming)
Damon Trotta (bass guitars, vocals, synths, resonator guitars, e-bow, didgeridoo, programming)
Mark Sunshine (vocals)
Steve Decker (drums)
James Von Buelow (guitars, programming)
Manfred Dikkers (drums)
Dave Archer (synths)
Tracklist
01:Acts Of God (3:37)
02:911 (5:02)
03:Threads (6:01)
04:Ursa Minor (6:47)
05:End In Blue (7:23)
06:Martyr (6:35)
07:No Place (7:43)
08:Choke Loud (4:19)
09:Refugee (8:33)
Externe Links: