Michael Tenten:
Wenn die Bilder weh tun, warum ist man dann nicht vor Ort und versucht, sie zu verhindern?
Michael Tenten Im Rahmen des Reviews zu dem Sampler "A Tribute To Sea Shepherd - For The Ocean" wurden wir auf Michael Tenten und die Operation Grindwal 2014 der Tierschutzorganisation Sea Shepherd vor den Färöer-Inseln aufmerksam.

Nachdem er von diesem Einsatz zurückgekehrt war, gab uns Michael Tenten ein Interview via Mail. Noch unter dem Eindruck dieser Impressionen stehend, berichtete er von der Lage vor Ort - von seinen Beweggründen, an dieser Aktion teilzunehmen und diesen karitativen Sampler zu realisieren...



Interview vom 13.11.2014


Steve Braun
RockTimes: Hallo, Michael! Vielen Dank erstmal, dass Du Dir etwas Zeit für uns nimmst. Du hast an der Operation 'Stoppt den Grindwalmord 2014' teilgenommen und bist mit dem Segelschiff Pegasus vor den Färöer-Inseln gekreuzt. Gib uns doch mal einen kurzen Stimmungsbericht: Was war Eure Mission und wie ist die Lage derzeit vor Ort?
Michael: Hallo, ebenfalls! Die Operation Grindstop 2014 mit der Pegasus haben wir am 29. August verlassen, da wir mit schwerem Wetter zu rechnen hatten. Allgemein ist die Situation auf den Färöern nicht wirklich zu vertreten. Die Färöer an sich sind sehr nette Leute, unter denen es jedoch auch 'schwarze' Schafe gibt. Bei einem Einsatz dieser Art ist man konstant auf Alarmbereitschaft - ein 'Grind' [Anmerk.: Grindwaljagd] kann immer passieren. Man schläft nicht wirklich und steht dauernd unter Strom, die Patrouillen sind teils lang, teils wetterbedingt recht kurz. Man fährt grundsätzlich mit einem schlechten Gefühl wieder zurück, weil man weiß, dass in dieser Zeit Grindwale oder Delfine gesichtet werden könnten.
RockTimes: Konntet Ihr erneut - wie 2011 - erfolgreich die Grindwaljagd verhindern oder kam es zu Zusammenstößen mit Walfängern und/oder der (dänischen?) Staatsmacht?
Michael: Es kam zu mehreren Zusammenstößen mit der dänischen Marine. Vierzehn Volunteers wurden verhaftet, als sie an Land versuchten, einen Grind, der bereits ausgerufen war, zu verhindern. Die Bootcrews, die daran beteiligt waren, wurden ebenfalls von einem RIB [Feststrumpfschlauchboot] der dänischen Marine verfolgt und im Hafen schließlich gestellt. Als Delfine nahe der Inselgruppen gesichtet wurden, verfolgte die Marine auch die Crew der Spitfire und nahm sie gefangen! Mitte September waren fast alle Boote mit dem Ziel konfisziert, diese erst zu Verhandlungen nach Ende der Operation Grindstop wieder frei zu geben! Es wurden während der Operation ca. 33 Grindwale und fünf Entenwale getötet! Die Entenwale sind über Nacht gestrandet und wurden am Morgen direkt getötet. Entenwale gehören zu den seltensten Walen, die es gibt, und ihre Tötung kann durch nichts gerechtfertigt werden!
RockTimes: Gemeinhin bekommt 'Mensch' den Allerwertesten nicht hoch, bevor er selbst betroffen ist. Was war für Dich der Auslöser, aktiv einzugreifen - Dich quasi mit Deinem Leben in die Waagschale zu werfen und dahin zu gehen, wo es letztlich richtig 'wehtun' kann?
Michael Tenten Michael: Gut, ich bin ja schon länger im Umweltschutz aktiv. Ich glaube einfach, sehr viele Menschen, die nur gelegentlich davon lesen, wissen nicht wirklich, was alles direkt vor der Haustür passiert! Wenn man einmal gesehen und gefühlt hat, wofür man kämpft, ändert sich vieles im Leben! Da ich von klein auf viel im Wald war und allgemein sehr naturverbunden bin, ist mir dies sehr wichtig. Als ich vor ca. acht Jahren das erste Mal richtig aktiv eingegriffen habe - damals war es nur in den Wäldern oder Flüssen vor Ort - fing alles an. Man schaut hin! Vor sechs Jahren wurde ich informiert, dass an der Uni in Tübingen ein Stockwerk zur Primatenforschung umgebaut wird. Daraus wurde dann meine erste öffentlich aktive Sache! Ich schrieb Ärzte gegen Tierversuche an und wir gingen auf die Straße.
Vor fünf Jahren kam mir eine Aktivistengruppe, namens Sea Shepherd, zu Ohren und ich informierte mich. Als alter Wal-Liebhaber nahm ich Kontakt auf. Die freundlichen Kollegen kamen so oft es ging zu unseren Ayscobe-Gigs, mit Info- und Merch-Ständen, und ich bekam mehr von der Arbeit mit. In diesem Jahr ging ich dann endgültig mit auf eine Operation und erfüllte mir damit einen lang ersehnten Traum: direkt auf dem Meer zu arbeiten. Was bisher Beach Clean-up oder Waldaufräumen, Rehe und Hasen aus Nylonleinen befreien waren, wurde zu einem unbeschreiblichen Trip! Einer langen Reise von Sylt über Norwegen zu den Shetlands (26 Stunden, bei acht Bft [Beaufort, Einheit der Windstärke], fünf bis sieben Meter hohen Wellen) und von dort zu den Färöern. Man denkt nicht darüber nach, ob es 'wehtut'. Man wird zum Verbündeten der Wale. Ich weiß nicht, wie man es beschreiben soll - ist gar keine so leichte Frage. Vielleicht sollte man hier eher die Gegenfrage stellen: Wenn die Bilder weh tun, warum ist man dann nicht vor Ort und versucht, sie zu verhindern?
RockTimes: Gibt es eine Persönlichkeit, die Dich bezüglich ihres konsequenten Engagements inspiriert und beeinflusst hat?
Michael: Auf jeden Fall, einige sogar! Das Wichtigste war das Buch "Die Letzten ihrer Art" von Mark Carwardine und Douglas Adams. Douglas hat Save The Rhino gegründet. Mark ist meiner Meinung nach der beste Zoologe und Tierschützer, den die Welt je gesehen hat! Das Buch "Wale und Delfine" gilt als das kompetenteste seiner Art. Mark unterstützt viele Projekte: Kakapo-Rettung, Save The Rhino und unzählige mehr! Er ist oft vor Ort, hilft bei der Zählung, auch bei der Aufklärung! Mit Mark kann man die härtesten Whale Whatching-Touren machen, die es gibt. Sehr informativ - ist auch ein Vorhaben, das ich mir noch erfüllen muss! Und zuletzt natürlich Paul Watson. Seit der Dokumentation "Der Öko-Terrorist" habe ich mich mit diesem Menschen sehr beschäftigt. Es gibt wenige, die ihr Leben schon öfters riskiert haben und nicht das Handtuch warfen - er gehört dazu!
RockTimes: Ihr kämpft ja nicht nur gegen die Fischfangindustrie, sondern auch gegen jede Menge flankierende Ignoranz durch die Politik der jeweiligen Anrainerstaaten. Hast Du manchmal das Gefühl, dass dieser Kampf wohl kaum zu gewinnen sei? Dass die Erde, so wie wir sie kennen, eigentlich bereits verloren ist?
Michael: Ich denke, dass zur Zeit ein gewisses Umdenken stattfindet. Viele fangen an, über ihr Essen nachzudenken - sehr vielen ist Mikroplastik schon ein Begriff! Also, es geschieht etwas. Um die Erde an sich mach ich mir keine Sorgen, die Gute hat schon einiges an Massensterben hinter sich, Meteoriten-Einschläge, so ziemlich alles... die fängt einfach wieder von vorne an! Ich mach mir eher um das momentan existierende Leben Sorgen und darum, ob wir es schaffen, unsere, für uns so nötige Umwelt derart zu schonen, dass sie uns am Leben halten kann.
RockTimes: Wann hat das Projekt A Tribute To Sea Shepherd - For The Ocean in Dir gedanklich Gestalt angenommen?
Michael: Leichte Frage. Die Idee kam mir im September 2013. Es war einfach die Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten, der mit meinem ganz normalen Leben zu tun hat. Ich bin Musiker...
RockTimes: Wie hast Du diese ganzen, stilistisch oft sehr unterschiedlichen Musiker ins Boot bekommen? Brauchte es viel Überzeugungsarbeit oder waren sie sofort 'Feuer und Flamme'?
Michael: Kurze Antwort - es gab keinerlei Probleme, alle waren sofort dabei. Was unglaublich ist und mich sehr stolz macht! Es ändert sich was!
RockTimes: Nach welchen Kriterien hast Du die Bands - und letztendlich auch die Songs - für diesen Sampler ausgewählt?
Michael: Das waren ganz verschiedene... Es sollten natürlich bekannte Bands dabei sein, wobei mir Frank Wilkens sehr geholfen hat. Mir war aber auch das Thema 'Ozeane' an sich wichtig, wo ich mir bekannte Bands fragte, ob sie ein Stück dafür schreiben könnten. Der Alexander Keck von Bellaphon hat mir noch zwei Bands vorgeschlagen und ich hab den Song von Shanghai Guns sofort geliebt. Am Ende hab ich mir die Stücke öfters angehört und die Reihenfolge entstand mit der Zeit. Ich finde, die Platte ist schön rund geworden. Ich finde es sehr schön, dass wir einen deutschen Text über das Plastikproblem mit dabei haben, der sehr deutlich beschreibt, wie es in den Meeren aussieht. Darum war mir Krautalarm mit "Kontinent Plastik" sehr wichtig!
RockTimes: Mir war beim Hören der CD bereits aufgefallen, dass zumindest zwei der Songs extra für diesen Anlass geschrieben worden waren...
Michael: Es wurden sogar noch mehr Songs extra für den Sampler geschrieben. Ayscobe "The Ocean", Bodyguerra "Think It Over", Krautalarm "Kontinent Plastik" und Neurotox "Wir klagen an".
Michael Tenten RockTimes: Was wäre der 'Break-Even-Point' - der Punkt, ab dem Du sagen könntest, "A Tribute To Sea Shepherd - For The Ocean" war ein voller Erfolg?
Michael: Wenn wir viele Nachpressungen haben und es ein stabiles Projekt wird. Eine "...Vol. 2" ist geplant und wird auch gemacht, wenn sich dieser erste Sampler als ein erfolgreiches Projekt für Sea Shepherd bestätigt. Zudem will ich in naher Zukunft ein Projekt für Save The Rhino beginnen. Diese CD war jetzt mal der erste Versuch, der hoffentlich eine stabile Basis für die Nachfolgeprojekte bietet und letztlich auch genügend Umsatz für Sea Shepherd einbringt, damit Operationen und Equipment bezahlt werden können.
RockTimes: Könntest Du Dir vorstellen, mit einigen der beteiligten Bands ein Tribute-Konzert für Sea Shepherd zu stemmen?
Michael: Ein kleines Konzert ist derzeit schon in Planung, aber ich will auf jeden Fall ein größeres Event in naher Zukunft in Angriff nehmen!
RockTimes: Hat Dir eigentlich Deine Musik während dieser Aktion im Nordatlantik gefehlt oder warst Du mit jeder Faser Deines Körpers ein 'Sea Shepherd'?
Michael: Während der Operation Grindstop war ich nebenher auch noch mit Ayscobe beschäftigt. Eher online, aber Texte schreiben etc. sind eine willkommene Abwechslung gewesen.
RockTimes: Ist Deine persönliche Mission Operation Grindstop 2014 beendet oder geht es für Dich nun weiter?
Michael: Die Operation an sich ging bis Oktober - wir waren bis September dabei! Nächstes Jahr ist etwas mehr geplant, wir suchen momentan Finanziers für ein größeres Schiff, das auch in anderen Ländern arbeiten kann. Geplant ist Norwegen, Island und natürlich Grindstop 2015!
RockTimes: Mal angenommen, irgendeine Nixe würde Dir des Nächtens an der Reling der 'Pegasus' erscheinen und Dir einen Wunsch freistellen. Was wäre Deine Wahl?
Michael: Dass das Morden endlich ein Ende hat und Walherden wieder bis zu einem Tag brauchen, um an einem einzigen Boot vorbei zu schwimmen! Privat bin ich mit meinem kleinen Leben vollkommen zufrieden!
RockTimes: Besten Dank, Michael, dass Du uns Einblicke hinter das Projekt "A Tribute To Sea Shepherd - For The Ocean" ermöglicht hast. Wir wünschen Dir ganz viel Erfolg!
Wir danken Iris Klabunde von CMM für das Zustandekommen dieses Mailinterviews sowie die Bilder.
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