Birth Control / Here And Now
Here And Now Spielzeit: 68:51
Medium: CD
Label: Look At Me, 2016
Stil: Rock

Review vom 13.02.2016


Jürgen Bauerochse
Wie inzwischen ja hinlänglich bekannt sein dürfte, tut sich bei der deutschen Rocklegende Birth Control in Sachen Fortbestehen so Einiges (siehe auch unsere News vom 05. Februar). Die Band wird definitiv auch ohne Bernd 'Nossi' Noske weitermachen, was nach dessen
überraschenden Tod am 18.02.2014 lange Zeit in Frage stand, denn mit ihm ging die letzte Identitätsfigur der Band, die seit Jahrzehnten in einem Atemzug mit dem Gruppennamen gehandelt wurde.
Auch in Richtung CD-Veröffentlichungen tut sich wieder etwas, denn die letzten Studioaufnahmen mit dem legendären Drummer/Singer, die Nossi kurz vor seinem Ableben noch fertiggestellt hatte, sind nun endlich fertig gemixt und gemastert und werden am 18.03.2016 unter dem Titel "Here And Now" veröffentlicht. Die Aufnahmen der elf neuen Songs erstreckten sich von Mitte 2011 bis Ende 2013, wobei Nossi die letzten noch fehlenden Drum- und Gesangsparts im Dezember '13, also ganz kurz vor seinem plötzlichen Tod, fertigstellen konnte. So ist "Here And Now" leider das Vermächtnis an einen der bedeutendsten deutschen Rockmusiker der jüngeren Vergangenheit geworden.
Für das Cover-Artwork konnte wieder der Amerikaner Jim Warren gewonnen werden, mit dem der 'Wallbreaker' Eckhard Gallus schon bei seinen Bluesgaragen- Livesamplern zusammengearbeitet hat. "Here And Now" erscheint im Digipak mit 16-seitigem Booklet mit allen Texten, Fotos der Bandmitglieder und dem 'Dead Rock Heads'-Bild Nossis von Ole Ohlendorff. Für die Liner Notes zeichnete Uli Twelker verantwortlich.
Doch nun zur Musik auf diesem Silberling. Die Spielzeiten der elf Songs bewegen sich zwischen 4:28 und 8:17 Minuten, haben also die gewohnte Länge, um der Band genügend Freiraum an ihren Instrumenten zu lassen.
Der Opener "Lost In The Sea" ist gleichzeitig der längste Titel von "Here And Now" und ist mit seinen so typisch rollenden Keyboards ganz charakteristisch für den Birth Control-Sound. Herrliche Soloeinlagen an Orgel und Gitarre und dazu Nossis Gesang, verstärkt durch klasse Background Vocals machen den Song gleich zu einem Höhepunkt des Albums. Mit einem schweren Riff beginnt "12 Steps", bevor sich die Grundstimmung etwas ändert und mit ruhigem Gesang weitergeht und 'Ludi' Ettrichs Gitarre richtig einsetzt. Zahlreiche Tempowechsel bestimmen den Song, und im Mittelteil breitet sich ein kombiniertes Keyboard/Gitarren-Solo aus. Hart rockend und mit Piano-Untermalung kommt "Me And My Car" rüber. Die Leadgitarre lässt ein markantes Solo vom Stapel, bevor das Stück mit mehrstimmigem Gesang wieder zum Grundthema zurückfindet. Am Ende des Songs greift Albie Donelly mit einem kurzen aber prägnanten Saxofonsolo ins Geschehen ein. Ob der Hörer das haben muss, sei mal dahin gestellt.
Eine erste Atempause gibt es dann bei "Run Away With Me", das man schon fast als Ballade bezeichnen kann. Leicht vor sich hinköchelnd setzt Nossi seine Vocals ein, bevor erneut die Leadgitarre den Solopart übernimmt und einen sehr gefühlvollen Alleingang startet. Ein klasse Song voller Feeling. Und es bleibt sehr gefühlvoll. "The Witch" wird bestimmt von einer extrem ruhigen Gitarre, die zuweilen etwas an Peter Green zu seiner "In The Skies"-Zeit oder an Snowy White erinnert. Dieses Instrumental ist für mich das absolute Highlight des Albums.
Doch mit "Wasting My Time" gibt es gleich wieder richtig auf die Ohren. Der Song swingt und rollt was das Zeug hält und ist der wohl eingängigste Titel des Silberlings. Birth Control pur, wie wir sie lieben!
Doch nun wird es sogar funkig. Für meine Begriffe ist "Right Place, Wrong Time" etwas zu gekünstelt ausgefallen. Sehr viel Elektronik und ein bisschen eintönig. Es will nicht so richtig funken. Nachdem "I Would Not Want To Be You" straight vor sich hinrockt und beim Hörer die Fußwippe in Bewegung setzt und "Rat In My Flat" mit grundsolider Gitarrenarbeit glänzt, folgt mit "Truth Is Mine" der Song des Albums, bei dem Peter Föller die Lead Vocals übernommen hat. Durchaus gelungen, obwohl mir der letzte Zündfunke fehlt, zumindest bis Martin Ettrich zum Solo an den sechs Saiten ansetzt.
Mit einer Piano-Einleitung beginnt "Live In The Here And Now". Irgendwie passend platziert, denn Nossis Gesang hört sich in dieser Ballade irgendwie wie ein Abschiedsgesang an, was er ja leider auch ist. Man wird beim Hören nachdenklich, zumindest bis sich das Stück dann permanent steigert und schließlich in einem zündenden, leichten Inferno endet, bei dem einmal mehr die Leadgitarre die Führung übernimmt.
Insgesamt ist "Here And Now" ein grundsolides Album geworden, das allerdings ein paar Hördurchgänge braucht, um alle Feinheiten zu entdecken. Teilweise sind mir die Background Vocals, die sich durch alle Songs ziehen, etwas zu übertrieben ausgefallen, aber Nossi ein letztes Mal an Mikro und Schießbude zu hören ist schon ein besonderes Vermächtnis.
Line-up:
Bernd Noske (vocals, drums)
Hannes Vesper (bass, background vocals)
Sascha Kühn (keyboards, percussion)
Martin Ettrich (guitar, background vocals)

Guests:
Peter Föller (lead vocals - #10)
Shondell Mims (background vocals)
Yvonne Allsopp (background vocals)
Albie Donnelly (saxophone - #3)
Andy Zingsem (Rap - #9)
Tracklist
01:Lost In The Sea (8:17)
02:12 Steps (6:34)
03:Me And My Car (4:28)
04:Run Away With Me (5:45)
05:The Witch (5:23)
06:Wasting My Time (5:58)
07:Right Place, Wrong Time (6:11)
08:I Would Not Want To Be You (6:30)
09:Rat In My Flat (6:49)
10:Truth Is Mine (6:05)
11:Live In The Here And Now (6:05)
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