Black Prairie / A Tear In The Eye Is A Wound In The Heart
A Tear In The Eye Is A Wound In The Heart Spielzeit: 69:00
Medium: CD
Label: Sugar Hill Records, 2012
Stil: World Music, Alternative Folk


Review vom 25.10.2012


Wolfgang Giese
Vierundzwanzig Sekunden lang ein völlig schräger Einstieg, der vermuten lässt, man habe eine falsche CD eingelegt - da ist wohl eine wild gewordene Orgel am Werk, oder der Player könnte defekt seinů Doch schon bald wird das Weltbild mit dem zweiten Song zurecht gerückt und wir scheinen uns nun auf dem richtigen Weg zu befinden. Doch welcher Weg ist bei Black Prairie der richtige? Denn das, was uns hier erwartet, kommt einem Kaleidoskop gleich, das man immer wieder schüttelt und das in immer neuen Farben unsere Sinne erfreut. Ja, meine Sinne kann diese äußerst abwechslungsreiche Musik absolut erfreuen.
"Rock Of Ages", akkordeongeschwängerte Klänge, mit Fiddle-Spiel durchsetzt und mit einer Art 'Glückseligkeit' ausgestattet, wie man sie aus romantischen Beispielen irischer oder schottischer Musik kennt und ggf. auch liebt. Mit Fußgetrappel, hier ist es 'clogging', tauchen wir noch ein wenig tiefer in die keltische Tradition ein. Bei diesem up-tempo gespielten Instrumental "For The Love Of John Hartford", das offensichtlich eine Ehrung für den im Titel genannten Musiker aus dem Country-Bereich sein soll. Nicht nur hier zeigen die Bandmitglieder, wie versiert sie auf ihren Instrumenten sind, die auch ohne Elektronik gut auskommen, sodass die Atmosphäre sehr natürlich klingt - sehr erdverbunden und sehr nah am Hörer. Track vier rockt dann doch beherzt und kontrolliert, etwa im Sound einiger britischer Folk Rock-Bands der Siebziger - ein sehr eindrucksvoller Song, toll! Mit "More Jam For Ras" klimpert und rumpelt es dreißig Sekunden lang und ehe man erwarten könnte, Tom Waits würde gleich die Szene betreten, sind wir auch schon beim sechsten Song gelandet. Hier treten dann erstmalig Popeinflüsse zu Tage, die mich entfernt an Fleetwood Mac zu Zeiten von "Rumors" erinnern.
Der "Dirty River Stomp" führt uns dann in eine Spelunke, mit klimperndem Saloon-Piano und Akkordeon. Im Verlaufe dieses Instrumentals gewinne ich den Eindruck, dass eine kleine Reise dargestellt wird - von den Saloons zurück nach Paris, um dann irgendwo in Ungarn in der Puszta zu landen. Die Umsetzung und Integration dieser verschiedenen Einflüsse ist wirklich brillant gelungen!
Und so ist die Musik der ganzen Platte durchsetzt von dieser immensen Vielzahl von Einflüssen und damit entstehenden Eindrücken für die Hörerschaft, sodass ich der Band hierfür ein ganz dickes Lob aussprechen muss - dafür, wie dies auf solch spannende, hoch unterhaltsame und hochwertige Weise gelungen ist.
Letztlich befinden wir uns mit dieser Platte auf einer Weltreise und dabei reisen wir auch noch durch die Zeit, wenn zum Beispiel "Jump Up Jon" in längst vergangene Tage entführt, als Musik noch auf Lauten und Gamben gespielt wurde. Noch einmal Balkan mit "Taraf" und noch eine Widmung an, siehe den gleichnamigen Song, Richard Manuel, so kann man gar nicht aufhören, auf die vielen Besonderheiten hinzuweisen, die sich nach mehrmaligem Hören noch erweitern. "Lay Me Down in Tennessee" ist - man höre und staune - neunzehneinhalb Minuten lang und soll der letzte Song sein. Ein sehr ruhiges Stück, wie alle anderen Vokalstücke ebenfalls von der Geigerin Annalisa Tornfelt, mit einem leichten Hauch Melancholie in der Stimme, einfühlsam und emotional vorgetragen,. Tatsächlich endet der Song bei knapp vier Minuten und man muss etwas Geduld aufbringen, bis man bei 11:23 auf einen 'Hidden Track' stößt. Wer Lust hat, kann bis dahin die Stille genießen oder einfach weiterspulen. Zusätzlich hören wir einen Titel, der nach Jam-Session riecht und mit elektronischen Verfremdungen und einer Summe verschiedener Einflüsse recht chaotisch daherkommt. Mal wähnt man sich am Ufer der Seine, dann angesichts der stöhnenden Schnarchgeräusche im Gruselkabinett, die durch die Sequenz am Beginn der Platte schließlich abgebrochen werden. Witzig, witzig, aber kein echter Mehrwert.
Ach ja, wie kam es eigentlich zu dieser Formation? Grundlage waren drei Musiker der Band The Decemberists. 2008 formierten sie sich zusammen mit Tornfelt und Neufeld und spielten zwei Jahre später eine erste Platte ein.
Line-up:
Jenny Conlee-Drizos (accordion, pump organ, piano, claps, background vocals)
Chris Funk (dobro, banjos, Weisenborn, slide uke, autoharp, marxophone, lap dulcimer, claps, gong stand)
Jon Neufeld (guitar, autoharp, claps, gong, bass drum, background vocals)
Nate Quiery (bass, cello, claps)
Annalisa Tornfelt (violin, lead vocals, background vocals, nyckelharpa, phono fiddle, claps)
John Moen (drums, percussion, background vocals)
Paul Beck (cymbalom - #13)
Hanz Araki (whistle - #13)
Leela Grace (clogging - # 3)
Tracklist
01:Ms. Sindell (0:24)
02:Rock Of Ages (4:04)
03:For The Love Of John Hartford (2:56)
04:Nowhere, Massachusetts (3:07)
05:More Jam For Ras (0:30)
06:How Do You Ruin Me (3:19)
07:Dirty River Stomp (3:25)
08:Evil Leaves (2:55)
09:What You Gave Me (3:37)
10:Jump Up Jon (1:25)
11:Winter Wind (2:49)
12:Little Song Bird (4:10)
13:Taraf (4:51)
14:Richard Manuel 3:49)
15:34 Wishes: The Legend Of (7:49)
16:Lay Me Down In Tennessee (19:36)
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