Bleibende Schäden / Vintage Karma
Vintage Karma Spielzeit: 53:38
Medium: CD
Label: Comet Records (Radar Music), 2009
Stil: Deutschrock

Review vom 11.06.2009


Sabine Feickert
Der erste Eindruck ist ja häufig ein optischer - das Cover. Im vorliegenden Fall ist meine spontane Reaktion ein lautes Lachen, zu schön ist der kleine Junge mit Fluppe im Mundwinkel und Streichholzbriefchen in den Händen. Und eigentlich hatte ich dann die Erwartungshaltung, dass mich jetzt durchaus krachend-scheppernde Provo-Mucke erwartet. Doch weit gefehlt - krachend und scheppernd ist das, was die Bleibenden Schäden hier auffahren überhaupt nicht.
Statt dessen erwarten den geneigten Hörer durchgehend eher ruhigere, etwas schleppende Töne. So als grobe Einschätzung - Selig oder die alten Ton Steine Scherben-Nummern als Singer/Songwriter-Geschichte umgesetzt, das ist die Liga, in der sich die Schäden bewegen.
Und sie bewegen sich sicher auf diesem Terrain. Viel Akustik-Gitarren, gelegentlich ein paar Jazz-Elemente und prägnanter Gesang auf technisch hohem Niveau. Ein bisschen gewollt schnoddrig dargebotene Lieder, fernab von Kitsch und Kommerz. Die Schäden nehmen Anleihen in der Musikgeschichte und setzen sie in einer ganz eigenen Art um. Das provokative, kritische Element findet sich überwiegend in den Texten.
Kleine Kostprobe gefällig?

»Neulich fand ich einen Punk in einem Überraschungsei«
»Andreas Baader ist zurück, von seinem Pop-Art-Guerilla Krieg«
»Du bist so friedlich, mein kleiner Punk, genau wie Che Guevera im Kleiderschrank«
(Alles aus "Punk im Überraschungsei").
Dargeboten wird das Ganze mit einem leicht bluesig angehauchten Sprechgesang, etwas melancholisch ist die Grundstimmung des ganzen Albums. Minimalistischer Aufbau und Instrumentierung kennzeichnet die Songs. Immer wieder muss ich dabei an alte Scherben-Nummern denken. Das verwundert kaum, ist doch Sänger und Texter Dietmar 'Goliath' Schmeil bekennender Scherben-Fan der ersten Stunde.
Im "Exil" klingen bei mir immer wieder Grundzüge von Westernhagens "Wieder hier" durch, werden aber von den Schäden in eine sehr eigenständige Nummer umgesetzt. Auch "Die Ballade von Mary und Jane" erinnert an gute alte Bekannte, in diesem Fall an Iggy Pops "The Passenger", sie ist jedoch durch das wesentlich langsamere Tempo und die völlig andere Interpretation eine autarke Nummer.
Auch zum "Kaleidoskop" fällt mir ein anderer Musiker eine - Senore Matze Rossi, der inhaltlich und stilistisch ähnlich, einen Karton voller Erinnerungen auspackt, während die Schäden in einem alten Tagebuch blättern.
Auch für experimentelle, improvisierte Nummern bleibt Raum, "Vintage Karma Intro" und "-Extro" sind mit Jazzelementen angereichert, während "Would You Cum To My Place" für elektronische Experimente gut ist.

Hauptzielgruppe dieser Scheibe sind ganz sicher Menschen, die gern Musik in der Richtung Ton Steine Scherben hören und sich darüber freuen können, wenn es eine Scheibe gibt, die in dieser Tradition steht und doch auch Neues zu bieten hat.
Line-up:
David Goliath (Gesang, Gitarre)
Gerhard Gottesfurcht (Bass)
Stevie de Bürschter (Schlagzeug, Percussion)
Keule (Gitarre)
Johanna Pfeifer (Akkordeon, Gesang)
Tracklist
01:Vintage Karma Intro
02:Der Punk im Überraschungsei
03:Ohne Ziel
04:Exil
05:Kaleidoskop
06:Der wolkenlose Himmel
07:Haifischzahn
08:Weihnachten in Berln (Albumversion)
09:Die Ballade von Mary und Jane
10:Riverman
11:Vintage Karma Outro
12:Would You Cum To My Place
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