Joe Bonamassa / Driving Towards The Daylight
Driving Towards The Daylight Spielzeit: 56:35
Medium: CD
Label: Provogue, 2012
Stil: Blues Rock

Review vom 18.06.2012


Boris Theobald
Zwischen einem Album und dem nächsten Album machen andere Musiker erstmal Urlaub. Joe Bonamassa macht ein Album! Im Booklet zu "Driving Towards The Daylight" hat Joe Bonamassa ein kleines 'Editorial' hinterlassen und darin selbst mal nachgezählt. Er kommt auf 13 Alben in zwölf Jahren und rechnet dabei wohl BCC mit, aber Beth Hart nicht ... wie dem auch sei: Der Mann ist eine Sensation. Wegen seiner musikalischen Lebensleistung mit zarten 35, und weil alles, was er anfasst zu Gold wird. Oder hätte jemand daran gezweifelt, dass "Driving Towards The Daylight" mal wieder klasse werden würde?
Das ist es nämlich geworden, mit kleinen Schwächen hier und großen Stärken da. Der Chef selbst betont, es sei eine Art Rückkehr zu seinen Wurzeln und eine Suche zugleich. Da passt es, dass auf "Driving Towards The Daylight" deutlich mehr ganz eigen interpretierte Klassiker stehen als brandneue Stücke aus JBs Feder. Die Eigenkreationen sind allerdings in ihrer Anlage derart verschieden, dass es den Anschein hat, als wolle Bonamassa ganz trotzig ein Zeichen setzen: 'Dass ich das kann, ist ja wohl klar' ...
So lässt er mit "Somewhere Trouble Don't Go" einen dreckig-trockenen Hard Rocker vom Stapel, nicht ohne ihn mit Tönen von Blues und Rock'n'Roll anzustreichen. Eine Orgel, eine Cowbell. »Baby wants drive my car but she wants to go too far.« Die Sorgen eines einfachen Mannes ... Und so streichelt er mit der wehmütigen, heilsamen Powerballade "Driving Towards The Daylight" (welch ein Gesang!) die Seele nicht nur seine eigene: »Running from the spotlight, trying to find the daylight, trying to get my way home.« Die Sehnsüchte eines berühmten Mannes.
Er liebt das Spezielle, und stellt (nicht nur) bei "Heavenly Soul" auch mal die Mandoline in den Vordergrund. Und er groovt sich mit "Dislocated Boy" in Herz und Seele derer, die diesen Heavy (!) Blues Rock lieben. Das Tempo: kein bpm zu schnell - um die Vorherrschaft der Lässigkeit nicht zu riskieren. Das Riff: Keinen Ton zu kompliziert, damit das 'Urtümliche', das Einfache bleibt. Die Kraft - immens, um die Botschaft zu verkünden: »All I need is my old guitar, and I'll play you the best damn blues. Heavy affections, and I hate to lose. Thirty-five years ago, I was born on Robert Johnson's.« Ach ja?
Hier ist der Coversong, der mich schwach macht, lachen und heulen lässt: "Stones In My Passway", natürlich von Robert Johnson. Wuchtig und erdig interpretiert, imitiert und verehrt Joe Bonamassa sein Vorbild. Dieser wunderbare Schmerz, diese Hingabe, und dieses sensationelle Feeling auch für die rhythmische Extravaganz, rund 75 (!) Jahre nach dem Original, das ist groß. Spätestens beim völlig überraschenden Ragtime-Part nach 2:45 Minuten muss ich schreien vor Glück. Nie war Heldenverehrung schöner.
Ganz so spektakulär bleibt es nicht, aber Bonamassa verharrt in ehrfürchtiger musikalischer Verneigung. Bei "Who's Been Talking?" gibt Howlin' Wolf selbst die Richtung vor. Der sagt im O-Ton: »I like to step this up a little bit« ... murmelt noch einen kurzen Band-Talk vor sich hin (Großartig! Wer das gehört hat, darf das Wort 'cool' fortan nur noch mit Ironie und Zynismus verwenden!) und macht es vor. JB folgt seinen Anweisungen und macht Tempo ohne die berühmte Harmonica des Originals, dafür mit der berüchtigten Heaviness des Heldenverehrers.
Willie Dixons Reaction "I Got All You Need" pulsiert und vibriert, die Hammond Orgel rotiert, Bonamassa soliert. Im Übrigen ein perfektes Beispiel dafür, wie wütend und butterweich Joe Bonamassas Stimme innerhalb einzelner Takte klingen kann. Der Kenner genießt; der Neuling staunt. Bill Withers' "Lonely Town Lonely Street" ist klassischer Hard Rock mit rattenscharfem Schlussduell zwischen Gitarre und Hammond. Und das wohl eher Insidern bekannte "A Place In My Heart" von Bernie Marsden (Ex-Whitesnake) entpuppt sich als epischer Dreivierteltakter mit explosivem Höhepunkt und ausgedehnter Abschwellphase.
Letztgenannte drei Songs, und "A Place In My Heart" im Besonderen, offenbaren noch am Ehesten etwaige 'Schwächen' des Albums ... wenn man sie denn als solche empfindet. Es sind die Klischees, die Bonamassa hier weniger los wird als an anderswo. Nichtsdestotrotz macht er sich auch diese Songs sehr zu eigen. Und mit "New Coat Of Pain", der uralten Tom Waits-Nummer, schafft er dann nach dem Robert Johnson-Cover ein zweites großes Highlight. Hier muss man schon genau hinhören, um zu glauben, was passiert. Das Klavier kommt weg. Bonamassa reißt die rauchige Bar-Nummer mit hart-bluesiger Schwerkraft zu Boden klasse!
Hier schlummert sie Sinnhaftigkeit des Coverns. Und Joe Bonamassa weckt sie mit Bravour. Seine Versionen dauern stets länger als die Originale. Der Mann braucht Zeit, um Gitarre zu spielen, ohne sich selbst dabei mit Gesang zu unterbrechen. Sich selbst oder Jimmy Barnes, der auf seinem eigenen Stück "Too Much Ain't Enough Love" als Gast auch selbst singt und screamt und leidet. Dass hier und auch sonst nirgendwo ein Solo zum Selbstzweck verkommt, spricht dafür, dass nicht nur die handwerkliche Klasse, sondern auch die Intuition stimmt. Herrlicher Höhepunkt ist das unglaubliche und fast anderthalbminütige Solo in "New Coat Of Pain". Szenenapplaus beim CD-Hören! Gibt's nicht? Gibt es wohl!
Für die Aufnahmen ging es dieses Mal ab nach Las Vegas, bis auf ein paar Ausnahmen aus LA. Der Vorgänger Dust Bowl war dagegen gleich an vier verschiedenen Stätten über zwei Monate eingespielt worden. Und so, wie bei jener Platte die Vielfalt überzeugte, so sind es nun Kontinuität und Kohärenz. Die Stimmung muss genial gewesen sein im 'Studio At The Palms'. Ein Blick aufs Plattencover verrät, dass Joe Bonamassa sich damit auch zu Hundert Prozent identifiziert. Der Flitzer mit der Startnummer (19)77 und einem 'JB'-Plektrum als Glücksbringer rast an Palmen entlang in Richtung Tageslicht ...
Line-up:
Joe Bonamassa (lead vocals, electric and acoustic guitar, Dobro, mandolin)
Brad Whitford (baritone guitar, rhythm guitar)
Arlan Schierbaum (organ, piano)
Michael Rhodes (bass)
Anton Fig (drums and percussion)
Doug Henthorn (background vocals)
Kevin Shirley (toy piano, electric and acoustic guitar, tambourine, cowbell, percussion)
Blondie Chaplin (rhythm guitar)
Carmine Rojas (bass)
Jeff Bova And The Bovaland Brass (horns)
Pat Thrall (guitar)

With:
Howlin' Wolf (intro talk - #4)
Jimmy Barnes (lead vocals - #11)
Tracklist
01:Dislocated Boy (6:39)
02:Stones In My Passway (3:58)
03:Driving Towards The Daylight (4:50)
04:Who's Been Talking? (3:28)
05:I Got All You Need (3:04)
06:A Place In My Heart (6:48)
07:Lonely Town Lonely Street (7:08)
08:Heavenly Soul (5:55)
09:New Coat Of Paint (4:06)
10:Somewhere Trouble Don't Go (4:59)
11:Too Much Ain't Enough Love (w/ Jimmy Barnes) [5:35]
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