Joe Bonamassa / An Acoustic Evening At The Vienna Opera House
An Acoustic Evening At The Vienna Opera House Spielzeit: 51:31 (CD 1), 49:31 (CD 2)
Medium: Do-CD
Label: Mascot Label Group, 2013
Stil: Blues

Review vom 24.03.2013

    
Mike Kempf               Jürgen Hauß
Eine Platte, zwei Meinungen. Mike legt vor und Jürgen schiebt nach.

Mikes Eindruck:
Arbeitstier oder Workaholic sind die wohl derzeit am meisten genannten Begriffe, die im Zusammenhang mit einem der wohl besten und erfolgreichsten Blues Rocker der Gegenwart stehen: Joe Bonamassa. Nun hat das Multitasking-Talent, das nebenbei noch Projekte mit
Black Country Communion und Beth Hart am Laufen hat (bzw. im Fall BCC hatte), mit "An Acoustic Evening At The Vienna Opera House" sein sechzehntes Album in Form einer Doppel-Live-Platte entworfen. Geschäftstüchtig, wie er ist, kann man sich sein neuestes Werk als Doppel-DVD, Blu-ray, Doppel-Vinyl oder so wie meinem Fall wie sie mir vorliegt, als Doppel-CD zulegen.
Doch ich muss den Interessierten gleich zur Vorsicht mahnen, zum einen gibt es mit Dust Bowl, "Around The Bend", The Ballard Of John Henry, "Slow Train", "Palm Trees, Helicopters And Gasline", "Work Up Dreaming", "Sloe Gin", "High Water Everywhere", "Jockey Full Of Bourbon", "Mountain Time", "Black Lung Heartache", "Dislocated Boy" und "Stones In My Passway" reichlich Wiederholer und zum anderen kann man das Wörtchen 'Rock' aus dem ursprünglich zugeordneten Genre Blues Rock zumindest für diesen Doppeldecker streichen. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass Bonamassa sich diesmal nur mit einer Akustikklampfe bewaffnet und anstatt von seiner Stammband sich zum Teil von Garry O'Conner (Banjo), Mats Wester (Nyckelharpa), dem Tastenspezi Arlan Schierbaum und Lenny Castro (Conga) begleiten lässt.
Und genau hier liegt der große Unterschied seines Konzertmitschnitts aus Wien gegenüber den Songs, die sich auf fast allen seinen vorherigen Alben wiederfinden. Durch den fehlenden Bass, das nicht existierende Schlagzeug und den nicht unter Strom gehaltenen Sechssaiter vermisst man beim Hören den sonst von ihm gewohnten, ausgeübten Druck. Dass der gute Joe sein Gitarrenspiel nicht verlernt hat, sondern auch hier mit glänzender Fingerakrobatik aufwartet, bedarf keiner großen Erklärung und keines extra Auseinandernehmens seines Saitengezupfes. Es bleibt wie es ist, er gilt weiterhin als einer der besten Gitarristen. Auch an seinem kraftvoll in Szene gesetzten Gesang gibt es nichts auszusetzen. Nein, rein von der Qualität gibt es nichts zu bemängeln; mal abgesehen davon, dass mir persönlich sich das Gehörte zu steril, nahezu perfekt anhört.
Dennoch, von einem 'blinden' Erwerb der Tonkonserven möchte ich eher abraten und empfehle stattdessen dem Konsumenten ein vorheriges Reinhören; ist es wie bereits erwähnt doch kein typisches Blues Rock-Album, wie man es bisher von ihm gewohnt ist. Hier trifft die Bemerkung 'alles reine Geschmackssache' den Nagel voll auf den Kopf. Sicher, wer meint, nun die 'Blaue Mauritius' in Sachen Joe Bonamassa entdeckt zu haben oder vielleicht denkt, DAS Album des Jahres 2013 ergattern zu können, kommt an diesem Album nicht vorbei. Wer aber die Setliste kritisch beäugt, feststellt, kaum etwas Neues zu entdecken, der sollte doch lieber noch mal überdenken, ob er sich die Scheiben unbedingt zulegen muss.
Mir hat "An Acoustic Evening At The Vienna Opera House" nur bedingt gefallen. Das liegt zum größten Teil daran, dass ich fast alle Tracks der Silberlinge schon zu Genüge konsumiert habe und dass kürzlich der norwegische Gitarrenhexer Bjørn Berge mit seiner Neuerscheinung
Mad Fingers Ball, ebenfalls ein Akustik-Album herausgebracht hat, das mich einfach mehr zu überzeugen weiß.
Jürgen sieht das so:
Dass einem bekennenden AC/DC-Fan wie dem geschätzten Mike Kempf ein Album wie das vorliegende "An Acoustic Evening At The Vienna Opera House" trotz seiner
grundsätzlich positiven Einstellung gegenüber Joe Bonamassa »nur bedingt gefallen« hat, ist für sich genommen nicht zu kritisieren, schließlich weist auch er zu Recht darauf hin, dass »alles reine Geschmackssache« ist. Allerdings vermag mich die Begründung hierfür nicht zu überzeugen.
So ist m.E. bereits die Herangehensweise an ein derartiges Werk falsch, wenn Mike insbesondere kritisiert, dass es »kaum etwas Neues zu entdecken« gäbe, nur weil die Setlist zahlreiche Titel umfasst, die man von früheren Scheiben bzw. Konzerten her zur Genüge kennt. Die Zahl der Wiederholungen ist zudem noch deutlich größer als von Mike aufgezählt: Mit Ausnahme des Einsteigers "Arrival" habe ich alle Songs der vorliegenden Doppel-CD mindestens auf einer Scheibe bereits konserviert. Und dennoch gibt es viel Neues zu entdecken. Denn - worauf auch Mike bereits hinweist - die Stücke klingen aufgrund der vom Original abweichenden Instrumentierung halt ganz anders - und damit irgendwie auch 'neu'!
Und genau darum geht es vorliegend. Der Hörer (bzw. Betrachter der Video-Dokumentationen) ist veranlasst und gefordert, sich mit einer völligen Neuinterpretation eines bekannten Werkes auseinanderzusetzen. Das ist eine durchaus interessante Herausforderung.
Die Idee dazu ist aber natürlich nichts Neues. Eric Clapton hat vor über 20 Jahren mit einem legendären MTV-Konzert eine regelrechte 'Unplugged'-Welle ausgelöst, auf der zahlreiche Musiker mitschwammen, nicht zuletzt auch Rod Stewart mit Unplugged And Seated. Und sicherlich nicht diese Welle abschließend haben Foreigner vor knapp zwei Jahren etwas Ähnliches gebracht. Leslie Mandoki ist hingegen bei seinen frühen Platten "People In Room No. 8" und "Soulmates" hingegangen, diese sowohl in einer 'normalen' Version sowie in einer als 'Jazz Cuts' bezeichneten Alternativ-Version zu veröffentlichen, die dem Hörer dieselben Songs wenn auch nicht in einer anderen Instrumentierung doch zumindest in einer völlig andersartigen Interpretation darbrachten. Von dem zweitgenannten Album hat Mandoki zudem unter dem Titel "Soulmates Classic" eine Einspielung durch ein Streichquartett produziert; das war wirklich 'Acoustic' und wahrlich eine musikalische Herausforderung, weil absolut unerwartet für den Hörer.
Und so soll es auch vorliegend sein: Wie klingen Bonamassa-Standards ohne »den fehlenden Bass, das nicht existierende Schlagzeug und den nicht unter Strom gehaltenen Sechssaiter«? Auf jeden Fall neu, auf jeden Fall ungewohnt, dennoch aber auch interessant, und - das ist natürlich nur meine bescheidene persönliche Meinung - wirklich nicht schlecht. Fehlen die vorgenannten Instrumente wirklich? Oder nur, weil sie sonst dabei waren? Man muss nur bereit sein, sich auf dieses Experiment einzulassen und die Songs vielleicht auch mehrfach auf sich wirken zu lassen, insbesonders, wenn man sie in der Vergangenheit schon derart oft gehört, dass man sie sich geradezu verinnerlicht hat.
Ich will aber auch nicht behaupten, in dieser Veröffentlichung - um noch einmal Mike zu zitieren - »die 'Blaue Mauritius' in Sachen Joe Bonamassa entdeckt zu haben«. Ich finde den 'klassischen' Joe Bonamassa auch besser, aber dennoch ist dieses Album ein wirklich schönes Stück in meiner umfänglichen Bonamassa-Sammlung.
Wenn man vorliegend überhaupt etwas als »nichts Neues « beschreiben kann, dann ist es die Darbietung von "Woke Up Dreaming". Denn diesen Song bietet Bonamassa seit je her ausschließlich in einer solistischen Acoustic-Version dar - lediglich die Dauer der Interpretation unterscheidet sich mitunter deutlich! Hier wäre demgegenüber eine 'Elektrifizierung' und Blues Rock-gemäße Instrumentierung äußerst spannend! Aber es gibt ja immer die Chance auf eine Überraschung bei Joe Bonamassa. Die nächste Veröffentlichung wird nicht lange auf sich warten lassen - ganz bestimmt!
Tracklist
CD 1:
01:Arrival (2:06)
02:Palm Trees, Helicopters And Gasline (2:17)
03:Jelly Roll (2:41)
04:Dust Bowl (5:17)
05:Around The Bend (6:06)
06:Slow Train (6:37)
07:Athens To Athens(5:45)
08:From The Valley (2:20)
09:The Ballard Of John Henry (7:18)
10:Dislocated Boy (5:55)
11:Driving Towards The Daylight (5:19)
CD 2:
01:High Water Everywhere (4:37)
02:Jockey Full Of Bourbon (5:27)
03:Richmond (5:08)
04:Stones In My Passway (4:03)
05:Ball Peen Hammer (3:35)
06:Black Lung Heartache (3:57)
07:Mountain Time (3:33)
08:Woke Up Dreaming (5:36)
09:Sloe Gin (7:17)
10:Seagull (6:18)
Externe Links: