Philip: Alles cool, hier spielt das Leben!
Philip Bölter RockTimes im Gespräch mit Singer/Songwriter Philip Bölter über seine neue Platte, gute und schlechte Gigs, Livekultur heute, früher und auf der Reeperbahn, Popkulturen und Schnelllebigkeit im Internetzeitalter, Fernsehshow und echtes Leben.


Interview vom 15.02.2014

       
Sabine Feickert            Fotos: Nadja Feickert
Im Jahr 2009 berichteten wir erstmals über Philip Bölter. Im Frühjahr letzten Jahres hatte er für September seine neue Platte – auf Vinyl – angekündigt. Ungeduldig warteten wir auf das nächste Konzert in der Bodega; waren erstaunt, ihn im Winterprogramm (noch) nicht angekündigt zu sehen. Auf seiner Facebook-Seite dann eine Meldung, die irritierte, aber auch neugierig machte: Philip als Teilnehmer bei "The Voice Of Germany"! Würde er (ausgerechnet ER!) sich einer Casting-Show 'ausliefern'? Die Neugierde trieb uns vor die Glotze (zumal mit Andreas Kümmert ein weiterer Musiker aus unserem umfangreichen Index dort antrat) und die entsprechende 'Blind Audition'. Aufatmen, er kommt auch dort verdammt authentisch rüber. Und insgeheim machte sich auch die Vermutung breit, dass er nicht besonders weit kommen würde. Kurz vor seinem Ausscheiden bei "Voice" dann Frank Mallms Ankündigung: Philip kommt am 29.11.2013 in die Bodega. Wie schön, können wir doch so unseren langgehegten Plan umsetzen, ihn über die neue Platte zu interviewen. Kurz vor dem Gig (einem der letzten in 2013) trafen wir uns in der Bodega mit Philip.
RockTimes: Hi Philip, danke, dass du dir die Zeit nimmst, uns ein paar Fragen zu beantworten. Was uns am brennendsten interessiert - die neue Platte, wann kommt sie?
Philip: Im Februar... also, ich versuchs im Februar, einen konkreten Termin gibt es noch nicht, weil das Artwork des Hamburger Künstlers David Czinczoll noch fertig gezeichnet werden muss. Durch "Voice of Germany" hat sich das alles ein bisschen verzögert. Wir haben deswegen nicht konkret daran weitergearbeitet, weil wir ja nicht wussten, wie weit ich bei der Show komme. Wenn du weit genug kommst, machen die ja dann mit dir eine eigene Platte. Jetzt, wo ich raus bin, versuche ich die Platte im Februar rauszubringen. Möglichst noch vor der Karnevalszeit, es hängt aber auch davon ab, wie schnell wir es schaffen, alles zu organisieren. Alles ohne Label, ohne Vertrieb, über die Homepage und die Konzerte. Weil es eine Schallplatte werden soll, müssen wir auch mal gucken, wie schnell die Presswerke sind, wie deren Auftragslage ist. Vinyl ist schon aufwendiger als eine CD zu produzieren.
[Anmerkung der Redaktion: Er hat es geschafft, die Platte "Home Is A Dust Collector" kommt am 22. Februar raus und weil das unserer Meinung nach der interessanteste Punkt ist, haben wir das Interview erst jetzt veröffentlicht.]
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RockTimes: Philip"Voice of Germany" kam dir damit quasi in die Quere?
Philip: Ja, in der Hinsicht eigentlich schon. Eigentlich wollte ich die Platte schon am 28. September rausbringen, weil wir sie schon im letzten Februar aufgenommen haben. Wenn wir Vollgas gegeben hätten, hätten wir das auch schaffen können, hätten mehr Druck beim Artwork gemacht. Aber im Mai hat "Voice Of Germany" mich angerufen und gefragt, ob ich bei der Show mitmachen will. Das würde gut passen, meinten sie. Dadurch konnte ich halt in dem Zeitraum die Platte noch nicht rausbringen. Dass ich das wohl eh nicht gewinnen würde, war vorhersehbar, ich bin dann doch eher zu dickköpfig. Aber es hat mir jede Menge Promo gebracht. »Einmal im Fernsehen – cool; dreimal im Fernsehen – kann man nichts gegen sagen«. Schlechter wird man ja dadurch nicht und verloren hab ich ja auch nichts.
RockTimes: Das war schon eine Erfahrung?
Philip: Allein schon die Arbeitsweise, mit was für Leuten die zusammenarbeiten, die Teams und Crews und so, ist schon mal krass. Dann noch die Leute, die da waren, die ganzen Kandidaten. Ich hab ja für die Blind Audition eineinhalb Wochen und dann jeweils eine Woche im Hotel gewohnt und dort auch Freundschaften geschlossen. (augenzwinkernd) Ich will nicht sagen, dass jetzt nur noch Langeweile dabei ist (lacht)... aber meine 'Kumpels' von dort, die mit denen du auch mal an der Theke hocken und Spaß haben konntest, die ganzen 'Vögel' quasi, die blieben alle genauso lang wie ich. Der eine ist vorher raus und dann, bei den Showdowns, ging die ganze Runde.
RockTimes: "Voice of Germany" hatte tatsächlich dich kontaktiert? Du hast dich dort nicht beworben oder so?
Philip:Nee, die haben mich angerufen und sich gemeldet mit »Schwarzkopf-TV« und ich – »Schwarzkopf??? - Aaah, wegen meinen Haaren...« (lacht). Und die dann - »Casting-Show« und ich so »Nee, da mach ich nicht mit. Casting-Show, da hab ich kein Bock drauf.« Spätestens seit Bohlen ist das negativ belastet.
Sie meinten aber, ich würde da gut reinpassen und konnten mich überzeugen, doch mal nach Berlin zu einer Castingrunde kommen. Ich bin relativ unvorbereitet dahin gefahren und hab drei Lieder gespielt: "House Of The Rising Sun", "Come Together" und noch "Big City" von mir, so halb schepp, weil ich vorher total viele Gigs gespielt habe und schon heiser war. Die meinten »Cool, okay, du bist weiter!«. Ich dachte mir »Gut, wenn das so einfach ist...« Es ist vom Format her auch wirklich ganz anders als DSDS oder so, es geht schon human zu. Die wollen dich fördern, dafür musst du mit denen zusammenarbeiten. Aber es ist nicht so, dass du was unterschreibst und sie dann mit dir machen, was sie wollen.
RockTimes: Du 'darfst' schon noch deine eigene Linie behalten?
Philip: Man kann mit denen reden; das ist auch gewünscht. Wenn ich auf stur schalten würde, dann ist ihnen ja auch nicht geholfen. Es ist auch nicht so, dass sie dich als Vollidiot dastehen lassen, wie das bei anderen Castingshows ist. Die gucken die Leute ja nur, um die Teilnehmer auszulachen. Wer sich darauf einlässt, muss das von vornherein wissen. Danach hab ich mehrmals gefragt, denn auf sowas hab ich auch keinen Bock.
RockTimes: Dir ist es wichtig, deine Eigenständigkeit zu behalten?
Philip: Ja, die letzten Jahre hab ich mir das aufgebaut und das hat auch ganz gut funktioniert. Gerade im April/Mai, bei der zweimonatigen Solotour war ich superhappy und dachte »Okay, das ist cool, es macht Spaß und funktioniert in jeglicher Hinsicht«. Darum mach ich das jetzt so weiter wie davor. Vielleicht kommen jetzt mehr Leute zu den Konzerten. Ein bisschen was verändert sich vielleicht, aber schaden tut's ja auf jeden Fall nicht. Ich hab mich da ja auch im Fernsehen nicht so anders präsentiert. Alle sagen, es war sehr authentisch.
RockTimes: Das war auch mein Eindruck! Wenn ich bei dir auf die Homepage schaue, ist der Tourkalender ja randvoll, Termine ohne Ende, kleine Gigs. Was macht einen guten Gig aus?
Philip: Mit der Band hatten wir mal drei oder vier Punkte aufgestellt, von denen mindestens zwei erfüllt sein müssen. Zum einen der Spaßfaktor, das ganze Drumherum, wieviel Publikum ist da (damit geht der Spaßfaktor auf der Bühne einher) und der Sound. Die Bedingungen vom Drumherum sind solche Sachen wie Essen und so weiter. Also so – du kommst rein »Hi, wie geht’s dir, hattest du ne gute Fahrt, magst du was trinken? Essen gibt’s dann, hier ist die Bühne usw.« Es gibt auch Läden, da kommst du rein und »Hi ich bin der Musiker« – »ich bin der Bernd.... « - »und jetzt?« - »Jetzt sieh zu, da ist die Bühne...« - »aha und du mich auch« (lacht). Und das Finanzielle halt natürlich auch. Einen guten Gig an sich macht auf jeden Fall auch die Location aus, eine schöne Bühne, ein schönes Ambiente, der Laden soll auch gut laufen. Aber das merkst du ja, wenn der Laden cool ist, kommen die Leute auch da hin. Dann ist da auch ein entsprechendes Publikum vertreten. Das hier (in der Bodega) macht immer 'nen guten Gig aus. Hier ist ja alles dabei. Der Frank kocht immer noch wie wahnsinnig, hier kann man übernachten, kann richtig sorglos zum Gig fahren und sich drauf verlassen »okay, heute wird alles gut«. Manchmal, wenn man zu neuen Locations fährt, hat man so ein bisschen die Angst, »was wird das heute? – schauen wir mal«. Alles schon erlebt... hoffe ich! (lacht)
RockTimes: Philip: Ich hab auch deshalb nachgefragt, weil du hier mal einen Song angesagt hast, den du geschrieben hattest, nachdem du irgendwo gespielt hast und es hat die Leute überhaupt nicht interessiert.
Philip: Ach ja, genau. Der ist auch auf der neuen Platte drauf. "Who Is The One Who Listens". Das war mal in einer Location in Hamburg; eigentlich cool, aber leider für Live-Gruppen der falsche Laden. Die Leute gehen dort hin, um sich zu unterhalten und Kicker zu spielen, es kostet auch keinen Eintritt. Entsprechend haben sie es auch nicht nötig, zuzuhören, denn »ich hab dich ja nicht bestellt«. Manche kommen aber auch, um zuzuhören, das ist oft gemischt. Einmal hab ich dort gespielt, als etwa acht Leute im Kreis direkt vor der Bühne standen und Geburtstag gefeiert haben. Die haben mitten in meinem Song angefangen, Geburtstagsliedchen zu singen. Ist ja schön und gut, die können ja feiern, aber doch bitte nicht direkt vor der Bühne, wenn ich da grad' spiele. Das ist doch einfach frech. Das war wohl bei der Generation meiner Eltern noch ganz anders als bei der jüngeren Generation, da gibt es schon einen Werteverlust.
RockTimes: Live-Kultur an sich – du bist ja auf vielen kleinen Bühnen unterwegs – wie erlebst du das? Ist die Live-Kultur lebendig oder kurz vorm Abgrund?
Philip: Ich glaube, wenn man von einer Live-Kultur spricht, dann ist die auf jeden Fall ziemlich weit unten. Im Vergleich zu noch ein paar Jahrzehnten davor, ist sie ziemlich weit im Keller. Zumindest, wenn man sich mit Leuten unterhält, die die Sechziger und Siebziger miterlebt haben. Du hörst von jedem Veranstalter, egal wo du bist »Uh ja, schwierig... ja, läuft nicht so gut...«. Wir von der Band könnten auch jammern »Uh, immer müssen wir vor 30, 40 Leuten spielen« – wir würden auch gern mal vor zwei Millionen spielen oder vor 300 Leuten spielen. Man hofft ja immer noch, dass die Leute die Kurve noch kriegen...
In Hamburg an der Reeperbahn ist es ganz schlimm. Da ist in jedem Club Livemusik, überall muss Livemusik sein, sonst ist das Publikum enttäuscht oder sauer. Livemusik darf aber nichts kosten, egal ob's gut oder schlecht ist oder weniger gut und besser gut... oder was weiß ich. Oder stimmungsmachend oder nicht. In der Hauptsache laufen da Covers oder irgendein Hintergrundgeklimper. Und wenn die Band dann da ist und spielt, dann bloß nicht zuhören, sondern laut sein und labern. Das ist halt so die Livemusik-Kultur auf der Reeperbahn. Eigentlich macht das keinen Unterschied, ob du dort einen Live-Gitarristen auf die Bühne stellst oder irgendwas am PC laufen lässt, was der vorher aufgenommen hat.
Da versteh ich die Leute einfach nicht, die nehmen es total verschoben wahr. Wenn du es gewohnt bist, nur auf YouTube zu gucken, wo du die Musik auch laut und leise machen kannst und zu deinem Lieblingspart vorspulen kannst... dann kommt irgendwann der Punkt, an dem du nicht mehr unterscheiden kannst, zwischen YouTube und Livekonzert, zwischen echtem Leben und virtueller Welt.
RockTimes: Erlebst du es auch, dass bei Konzerten die Leute nur noch mit dem Smartphone dastehen und mitfilmen?
Philip: Nicht die Masse, aber ich hab ja auch noch Glück, dass trotz "Voice of Germany" die Leute, die bisher zu den Konzerten kamen, auch die Leute sind, die mit der Musik was anfangen können. Dass sie zuhören und auch bereit sind, ruhig zu sein und Aufmerksamkeit zu geben. Die sind cool. Dann kommen jetzt durch diese Show Leute auf die Konzerte, die dort vorher nicht zu sehen waren. Man weiß die Klientel einzuschätzen. Die sind arg zurückhaltend, da denkst du dann »Okay, das sind keine typischen Konzertgänger«. Dann gibt’s noch die Leute, die schon häufiger auf den Konzerten waren und mich jetzt, weil ich im Fernsehen war, anders sehen. Die denken, irgendwas muss doch jetzt anders sein, sind noch aufmerksamer und zurückhaltender und warten, dass irgendwas anders ist. Ich hab das Gefühl, die Wahrnehmung verschiebt sich. Ich hatte noch Auftritte mit der Band und Benny und Daniel haben das auch genauso empfunden. Es ist interessant, was mit den Leuten passiert. Wo ich dann sagen muss »Hey, Leute, passt mal auf, das war eine Fernsehshow, die ist vorbei. Vorher hab ich das hier gemacht und jetzt mache ich wieder das hier und werde es auch weiter machen. Alles cool, hier spielt das Leben!«. Muss man wahrscheinlich immer mal wieder betonen. Nichtsdestotrotz gibt es aber immer wieder ein paar Leute, die mit ihrem Telefon dahocken und das ganze Konzert filmen. Nach dem Konzert kommen sie zu mir und sagen »Hey Philip, ich hab das Konzert gefilmt« –»das hab ich gesehen! Du saßt in der ersten Reihe und hattest nichts Besseres zu tun, als die ganze Zeit das Handy hochzuhalten.« - »Ja, äh, wenn du das Video haben willst, dann sag Bescheid« – ich so, »Bitte nicht auf YouTube hochstellen« – »Ja, wieso nicht?« - »Mach das bitte nicht, reicht doch« – »wozu hab ich dann gefilmt?« - »ja, das frag ich mich auch...«.
RockTimes: In welcher Altersklasse bewegt sich dein Publikum im Durchschnitt, so wie hier (überwiegend Ü-40)?
Philip:Ja, überwiegend schon. In Fulda haben wir gespielt, da war viel neues, jüngeres Publikum da, das war sehr verhalten. Ein paar Leute, die alle Jahre dahin kommen, fühlten sich total unwohl, weil sie sich so beobachtet gefühlt haben. Aber meistens ist es schon ein eher älteres Publikum. Das kommt auch daher, dass ich früher ganz viel gecovert hab und überwiegend Zeug aus den 60er und 70er Jahren gecovert hab. Dadurch kam ich automatisch in die Läden, in denen die Leute auf diese Musik stehen. So sind meine Touren auch gewachsen. Ich hab ja nie in den Läden gespielt, in denen nur Studenten sind. Ich kenne auch keine, in denen nur junges Publikum ist und trotzdem gescheite Live-Musik gespielt wird.
Es gibt halt ein paar Clubs, wo man die Bands, die man aus dem Radio kennt, hört. Die gerade gesignt wurden, das erste Mal nach Europa kommen und international noch nicht so bekannt sind. Die spielen in solchen Clubs. Da gehen dann die Leute hin, die sie von Spotify oder aus dem Radio kennen. Dafür musst du dann aber auch schon wieder einen Plattenvertrag oder ein Label haben, das dich da reinbringt. Ich hab für mich entschieden, dass ich keine Lust habe, Mainstream-Wege zu gehen oder weiter auszuprobieren, ein bisschen reingeschnuppert hab ich ja schon mal. Ich hab keinen Bock, nur damit ich in größere Läden komme oder vor größerem Publikum stehe, einen Radiosong aufnehmen zu müssen, extra dafür konstruiert und wahrscheinlich noch synthetisch verstärkt, damit es dem modernen Klangbild entspricht und auf einen Zug aufzuspringen, nur um da voran zu kommen. Dann würde ich vor einem Publikum stehen, das mit meiner eigentlichen Musik gar nichts anfangen kann. Weil die Leute, die in diese Läden rennen und den ganzen Pop-Kram kaufen, zum Beispiel gar nicht unterscheiden können zwischen elektronischer Musik und handgemachter Musik auf der Gitarre. Ob ich da jetzt ein paar Akkorde schrammel oder Country-Pickings mach – die haben keinen Bezug dazu. Ich hab einfach keine Lust darauf, da jetzt Mühe und Arbeit zu investieren, nur um bekannter zu werden. Denn wenn du das einmal geschafft hast, musst du dich auch wieder entscheiden - geh ich jetzt weiter in dieser Schiene oder bleib ich ein 'One-Hit-Wonder'. Mach ich dann wieder das, was ich machen will, sagen alle Leute »Hey, von dem hört man auch gar nichts mehr, der ist ja auch weg vom Fenster«. Nee, ist er nicht, der bleibt sich nur treu, steht zu sich selbst und macht sein Ding. Mit dem, was ich gerade mache, bin ich zufrieden. Solange das so bleibt mit den Gigs und der Musik, ist es cool.
RockTimes: PhilipWomit wir dann wieder beim Anfangsthema wären, die Platte.
Philip: Ja, die Platte, die ist analog auf Bandmaschine live aufgenommen. In neun Tagen haben wir zwölf Songs aufgenommen und gemischt; alle Fehler drauf gelassen, One-takes. Sechs Songs sind komplett live eingespielt, bei den anderen haben wir den Gesang nochmal extra aufgenommen. Aber auch da nur ein Durchgang, bis die Stimme warm war und dann so gelassen. So bleibt die Energie drauf. Wie beim aktuellen Kings Of Leon-Album, das haben die auch live eingespielt und analog aufgenommen. Das hört man einfach, da ist Spaß dabei und Spielfreude. Es hat auch eine ganz andere Energie. Das ist nicht so verkopft und zurückhaltend, nicht so, dass es richtig sauber sein muss – Scheiß drauf, das interessiert niemanden. Wichtig ist, dass der Song ein Gefühl vermittelt.
RockTimes: Es kursiert ja jetzt der Modebegriff 'Retrowelle' – fühlst du dich da zugehörig?
Philip: Den man vor zehn Jahren auch schon gehört hat. Jaja, die Siebziger kamen vor zehn Jahren auch schon wieder. Keine Ahnung, ...Quatsch. Heute, mit Internet, ist alles so dermaßen schnelllebig geworden, da können keine Popkulturen mehr entstehen. Früher musstest du dich selber kümmern, musstest gucken »Okay, ich kauf mir die Platte von dem und dem, gefällt mir, wo krieg ich die nächste Platte her? Gibt's noch nicht... welches Label vertreibt den Sound oder diese Musikrichtung? Wo krieg ich das her?«. So entsteht eine Kultur, alle rennen mit den gleichen Klamotten 'rum, interessieren sich für das Gleiche, identifizieren sich damit. Heute kaufst du eine Platte, hörst sie dir einmal an, findest sie cool und der Kumpel hat noch mehr davon. Dann kriegst du terrabyteweise Musik auf den Rechner, hörst nie wieder rein und weißt nichts damit anzufangen. Wie willst du dich da noch irgendwie identifizieren mit Musik? Wie dich auseinandersetzen damit? Das leidet da komplett drunter. Du bist heute gar nicht mehr gefordert, dich damit auseinandersetzen zu müssen. Das ist nicht nur bei der Musik so, sondern generell bei allem, was du kaufst.
Es fehlt die Zeit, einfach mal für sich zu sein, mal die Frage zu stellen, »Was will ich denn überhaupt?«. Alle wollen ganz viel konsumieren, ganz viel in ganz kurzer Zeit und das dann einfach abhandeln. Genauso wie, sei es Steuern oder das ganze bürokratische Zeug, du bist ja immer angehalten, irgendwas machen zu müssen. Du kannst dich ja gar nicht mehr langweilen. Wer sich langweilt, kann sich schon glücklich schätzen.
So, und dann resultiert daraus natürlich, dass die Leute nur noch ihren Job machen. So gibt es in jeder Branche viele, die ihren Job nicht aus Liebe oder Überzeugung machen, sondern nur, um Geld zu verdienen. Geld verdienen – mit dem Geld kann man sich dann was kaufen, dass man glücklich wird. Das ist ja aber nicht von Dauer. Da stellt sich dann immer die Frage, wie wichtig das überhaupt ist. Mach mit! - Nöö! Ändere was, aber wie? Es macht ja keiner mit. Aber das ist ein anderes Thema.
RockTimes: Aber das spielt in deiner Musik auch eine Rolle?
Philip: Ja, dadurch dass die Musik von mir kommt und von den Eindrücken beeinflusst wird, die ich auf Tour sammle. Ich hangle mich an Gesellschaftsrandpunkten entlang. Die Veranstalter, das sind auch keine Leute, die ein reguläres oder voll geordnetes Leben führen. Keine 08/15 Bürger. Bei mir ist das ja ähnlich. Da kannst du einfach immer schön beobachten, was macht der, was machen die? Aber was mach ich? Immer wieder abwägen, reflektieren, wie die Sozialarbeiter so schön sagen. Dadurch kommt das automatisch in die Lieder mit rein. Das ist auch gar nichts Verkehrtes, solche Musik zu machen und damit auch mal anzuecken. Ich bin halt stolz darauf, dass ich mir eine Meinung bilde. Dadurch, dass ich monatelang alleine durch Deutschland fahre und jeden Abend in einer anderen Stadt spiele, beobachte und immer neue Leute kennenlerne, bilde ich mir eine Meinung, so wie ich es halt sehe. Aber die ist sehr unabhängig, mir ist lieber, zu wissen, ich hab da meine Meinung dazu, als nur Liebeslieder zu singen oder anderen Spuren zu folgen, ohne nach links und rechts zu gucken, ohne mal was Eigenes auszuprobieren. Dafür hat man sie doch, die sogenannte Freiheit auf diesem Planeten und die darf man sich auch nehmen.
Die Bodega füllt sich, die Zeit drängt und so bedanken wir uns an dieser Stelle bei Philip. In den folgenden fast drei Stunden erhalten wir ausgiebig Gelegenheit, die letzten eventuell vorhandenen Bedenken von wegen Casting-Show (nee, eigentlich waren die schon direkt nach dem Beginn des Interviews weggeblasen) über Bord zu werfen.
Philip zeigt sich auf der Bühne genau so, wie ich ihn auch während des Interviews wahrgenommen habe: noch authentischer, noch stärker 'in seinem Ding' als früher schon. Dass Philip Bölter ein Ausnahmegitarrist ist, will ich hier gar nicht mehr weiter ausführen. Dass er vollkommen in seiner Musik aufgeht, darüber haben wir auch schon ausgiebig berichtet. So beschränke ich mich auf die absoluten Highlights dieses Abends, der von viel eigenem Songmaterial, aber auch einigen Coversongs gekennzeichnet war. Klar durfte "Come Together" nicht fehlen, das kurz zuvor über die Bildschirme der Republik geflimmert war – auch Covers, bei denen kaum jemand die Originale kennt, wie Neil Youngs "Shots" vom 1981er Album "Re-ac-tor" oder Arlo Guthries "Coming Into Los Angeles" waren vertreten. Ein wenig erstaunte mich zunächst, dass er mit "House Of Rising Sun" und "Whole Lotta Love" zwei ziemlich stark strapazierte Nummern am Start hatte, die er aber so dermaßen mit Philip Bölter anfüllte, dass man fast vergessen konnte, die vorher schon ab und an mal gehört zu haben.
Meine ganz persönlichen Highlights waren aber beim eigenen Material angesiedelt. Das so energie- wie temporeiche "Speeding Through My Life" fesselte mich genauso wie das Gänsehaut verursachende "Leave Your Hands Off Of My Baby". Und unvergesslich, das so tief berührende "Disparity Of Senses".
Am 22. Februar 2014 wird Bölter die LP auf gleich zwei Release-Konzerten in Fulda vorstellen und anschließend wieder durch die Clubs der Republik touren. Natürlich kann man das Vinyl über seinen Webshop bestellen – aber viel schöner doch vor Ort als Abschluss eines guten Gigs.
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