Cinderella / 18.06.2011, Shout It Out Loud Festival, RWE Halle, Mülheim an der Ruhr
RWE-Halle Cinderella
25th Anniversary Tour
Shout It Out Loud Festival
RWE Halle, Mülheim an der Ruhr
18. Juni 2011
Stil: Hard Rock


Artikel vom 19.07.2011


Moritz Alves
Es muss geradezu ewig her sein, dass die US-Hard/Blues-Rocker Cinderella zum letzten Mal auf einer deutschen Bühne gestanden haben. So zumindest fühlte es sich für viele Fans an, die am 18. Juni den Weg in die RWE Halle zu Mülheim an der Ruhr fanden, um Cinderella gemeinsam mit Bonfire, Pussy Sisster, Crazy Lixx, Kissin' Dynamite, Jaded Heart, Shotgun Express und Hollywood Burnouts beim noch jungen Indoor-Tagesfestival Shout It Out Loud abzufeiern.
FestivalplakatDass es laut Veranstalter dann doch 'nur' zehn Jahre her ist, dass Tom Keifer und seine Mitstreiter zum letzten Mal in Deutschland gastierten, spielt kaum eine Rolle. Was zählt ist, dass es einfach verdammt lang her ist, dass Cinderella zum letzten Mal bei uns gewesen waren. Und die übrigens noch immer in Originalbesetzung spielende Gruppe im Rahmen einer reinen Poser Rock-Veranstaltung anlässlich ihres 25-jährigen Bandjubiläums zu buchen, war sicher kein schlechter Schachzug. Denn so kam man neben den Altmeistern aus New Jersey auch gleich noch in den Genuss einiger anderer, stilistisch ähnlich gelagerter Truppen.
Die RWE Halle war als Veranstaltungsort gut gewählt, da geräumig und vielfältig nutzbar und auch aus allen Himmelsrichtungen problemlos zu erreichen. Besonders die Möglichkeit, sich auch mal auf die Tribüne setzen zu können, war an diesem langen Tag eine willkommene Gelegenheit, die nicht wenige der angereisten Besucher nutzten, um sich zwischen den einzelnen Konzerten oder bei uninteressanteren Bands zu entspannen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass die Halle nicht mal ansatzweise gefüllt war. Das bedeutete zwar einerseits, dass man immer genügend Platz um sich hatte, andererseits war es aber eigentlich enttäuschend. Denn wenn eine Band wie Cinderella nach einer halben Ewigkeit endlich wieder bei uns spielt, dann hätte man doch etwas mehr Poser-Mobilität erwarten dürfen.
Wie dem auch sei: Viele der Leute, die da waren, nutzten die Veranstaltung, um ihren Kleiderschränken und Mottenkisten allerlei 'Achtziger-Grausamkeiten' zu entlocken. Ehrlich, man fühlte sich gnadenlos nach 1988 zurückgebeamt und hatte als 'Normalo' in Jeans und Bandshirt zweifellos Exotenstatus inne, ja, man fiel aufgrund der unzähligen Variationen aus Haarspray, Spandex, Lack, Leder, Tüchern, Ketten, Cowboystiefeln und -hüten etc. völlig aus dem Rahmen. Hier war Poser Rock in Reinkultur angesagt, was durch die teils unglaublichen Outfits treffend untermalt wurde. Die Szene zeigte, was sie hatte. Erfreulicherweise waren auch viele jüngere Semester anwesend. Ich selbst, der mit 28 Lenzen eigentlich schon zu jung für die ganze Musikrichtung ist, wurde von etlichen Teenies, die in den Achtzigern allesamt definitiv noch Sternenstaub waren, im Alter noch unterboten. Es fiel bei der Betrachtung des Publikums aber auch auf, dass der Co-Headliner Bonfire fast ebenso viele Leute gezogen hatte wie der Hauptact Cinderella. Viele Fans waren ausdrücklich wegen Klaus Lessmann, Hans Ziller und Co. erschienen, was etliche Bandshirts deutlich machten.
Fakt ist auch, dass viele der Vorbands auf der Bühne wesentlich mehr Stimmung machten als der Headliner. Nicht nur bestachen Bonfire durch mehr Spielfreude und eine bessere Show, nein, gerade auch Kissin' Dynamite und Crazy Lixx waren unglaublich hungrig und kaum zu bändigen sowie generell einfach besser drauf und konnten die Massen daher im Sturm nehmen. Gerade auch das clever eingesetzte, superb gespielte Skid Row-Cover "Youth Gone Wild" im Kissin' Dynamite-Set erwies sich als geniale Geste und brachte die Meute vor der Bühne zum Kochen.
Die Location war also auf gute Betriebstemperatur gebracht, als um 22:30 Uhr die Zeit gekommen war für den ersten Cinderella-Auftritt in zehn Jahren auf deutschem Boden. Doch die Herren ließen sich Zeit. Als einzige Band hatte man seine eigene Soundcrew mitgebracht und demonstrierte einen unangenehm langen, fast überperfektionistischen Soundcheck, so dass sich der Show-Beginn mehr und mehr nach hinten verschob.
Cinderella live!
Als Tom Keifer, Eric Brittingham, Jeff LaBar und Fred Coury, unterstützt von einem Live-Tastenmann, dann endlich die Bühne betraten und - ohne Backdrop und nennenswertes Intro - mit der Rarität "Once Around The Ride" in den Set einstiegen, wurden sie dennoch sofort frenetisch abgefeiert. Viele Zuschauer hatten geradezu Pippi in den Augen ob dieses legendären Moments. Doch als Keifer dann zu singen anfing, traute ich meinen Ohren nicht. Klar, dass der Mann durch seinen nicht einfachen, exzessiven Gesangsstil in der Vergangenheit mehrfach mit Stimmproblemen zu kämpfen hatte, war natürlich auch mir bewusst, doch dass dann letztendlich so wenig von seiner charakteristischen Stimme übrig geblieben war, fand ich schon erschreckend bis enttäuschend. Fast nichts mehr war vom Reibeisen geblieben, stattdessen sang Keifer seine Texte mit dünnem Kopfstimmchen, das überhaupt nicht mehr an die alten Tage heranreichte, nicht mal ansatzweise. Der Sänger säuselte seine Texte ins Mikro, konnte aber aufgrund seines Stimmchens kaum Emotionen in die Performance einfließen lassen. Lediglich in den tieferen Tonlagen, z.B. bei (dem halbakustisch gehaltenen) "Heartbreak Station" sowie "Coming Home", war er noch in der Lage, wie der Alte zu klingen. Eigentlich ein Trauerspiel.
CinderellaHinzu kam, dass es trotz des peniblen Soundchecks alle Nase lang technische Probleme auf der Bühne gab, die die Musiker mehr und mehr ankotzten. Basser Brittingham schien sich stellenweise überhaupt nicht hören zu können, hatte immer wieder Feedback-Geräusche auf dem Mikro, und dass Keifer bei der Überballade "Don't Know What You Got (Till It's Gone)" zuerst in nicht gestimmte Pianotasten haute, setzte dem Ganzen schließlich die Krone auf und lies den Frontmann ein zähneknirschende Bemerkung über sein »fucking piano« machen.
Würden Cinderella wesentlich häufiger in Deutschland spielen, wären sie sicher nicht so abgefeiert worden wie hier. Insgesamt zockten die Herren nämlich nur solide und bestachen hauptsächlich durch ihre zweifellos großartigen Songs, die sie jedoch einfach routiniert herunterrissen. Spaß am Rocken sieht definitiv anders aus. Die Setlist war grundsätzlich auf Nummer Sicher gepolt, es stachen aber die Überraschungen "Once Around The Ride", "Second Wind" und die Gitarren-Sternstunde "Long Cold Winter" heraus. Dafür fehlten allerdings unverzichtbare Klassiker wie "Fallin' Apart At The Seams", "The Last Mile" und "Hot & Bothered" (das Album "Still Climbing" fand generell keinerlei Berücksichtigung).
Insgesamt gab es kaum Bewegung, kaum 'Feuer' bei der Performance. Einzig Gitarrist LaBar zeigte durch sein Stageacting etwas mehr Freude am Spielen als der Rest. Und es zeigte sich, dass Brittingham und er die für sie typischen und doch lächerlichen 'Gitarre-am-Gurt-um den eigenen-Körper-Schleuderer' (ihr wisst schon…) auch heute noch drauf haben und dann und wann als Show-Element einsetzen. Vielleicht sollten Cinderella aber trotzdem mal Nachhilfeunterricht bei den Kollegen von Twisted Sister nehmen, denn wie man erfolgreich und mit Feuer im Arsch einen Nostalgie-Set spielt, machen Dee Snider und Co. seit Jahren schon vor.
Insgesamt lieferten Cinderella zwar keinen wirklich schlechten Auftritt ab (der insgesamt leider noch nicht mal 70 Minuten dauerte), jedoch hatte ich mir von meinen Helden doch etwas mehr erhofft. Dass sie ihre 'ollen Kamellen' routiniert rocken würden, war mir vorher klar gewesen, aber dass der Sound so unterdurchschnittlich und die Stimmung auf der Bühne so - sagen wir mal - unspektakulär war, hätte ich dann doch nicht gedacht. Und dann Keifers Stimme… Bei einem Vince Neil weiß man ja, dass er es nicht mehr hinkriegt, aber von einem Tom Keifer hätte ich mir gesanglich doch mehr versprochen. Zum 25-jährigen Bandjubiläum hätte ich einfach gern etwas Besseres gesehen als das, was Cinderella an diesem Abend zu bieten in der Lage waren.
Abschließend noch einige Anmerkungen zur Veranstaltung an sich:
Der Einlass kam viel zu spät, so dass der Opener Hollywood Burnouts vor fast leerer Halle seinen Set zocken musste.
Man durfte das Gelände nicht verlassen, sollte das Ticket seine Gültigkeit behalten. Das ist insbesondere deshalb ärgerlich, da es natürlich CD- und Merchandise-Stände in der Halle gab und man sein Zeug somit die ganze Zeit in der Hand halten musste, anstatt es mal eben zum Auto auf dem nahen Parkplatz bringen zu können. Kein Stempel auf die Hand, kein Bändchen - unfassbar!
Die Bierstandsituation war geradezu untragbar, es gab quasi nur drei Anlaufstellen dafür, deren Crews am Limit arbeiteten. Trotzdem wartete man gut und gerne 30 bis 40 Minuten auf sein Bier.
Im kommenden Jahr (Termin: 10. März 2012) will man u.a. Poison holen. Die Band hat laut Veranstalter angeblich »zu 80 Prozent« zugesagt. Definitiv bestätigt sind dagegen schon Crashdiet und Sister.
Schlussbemerkung:
Aufgrund der im Artikel aufgeführten, deutlichen Kritikpunkte hat RockTimes sowohl dem Hallenbetreiber als auch dem Veranstalteter die Möglichkeit gegeben, Stellung zu nehmen.
Das Team der RWE Halle möchte klar stellen, dass der Veranstalter Black Bards Entertainment an dem Tag des Festivals die Halle gemietet hatte und somit für die verspäteten Einlässe, das Thekenpersonal und das 'Eingesperrt-Sein' in der Halle verantwortlich war: »Es wäre schade wenn die Leser [diese Kritikpunkte] auf die RWE Halle beziehen, denn wir waren nun mal an dem Tag nicht verantwortlich, da die Halle vermietet war.«
Der Veranstalter Black Bards Entertainment macht RockTimes gegenüber deutlich, dass das Verlassen des Hallengeländes nicht möglich war, da es mitten in einem Wohngebiet liegt. Dies wurde von der RWE Halle so angetragen, da man vermeiden wollte, dass die Besucher über einen so langen Zeitraum (neun Stunden) »rund um die Halle und auf den Parkplätzen campieren, rumgröhlen, sich betrinken...« Dies sei man von Tagesfestivals gewohnt, deren Gelände man verlassen darf, so Black Bards weiter.
Des weiteren habe der Hallenbetreiber von Anfang an vier feste Zapfer für die Druckeinstellungen der Anlagen, das Zapfen, das Bechersystem etc. vorgeschrieben: »Um ca. 14.00 Uhr am Tage der Veranstaltung wurde mir« [Dirk von Black Bards - Anm. d. Verf.] »vom Hallenmanagement mitgeteilt, dass diese Leute nicht kommen (um uns Kosten zu ersparen!), was eine halbe Stunde vor dem geplanten Einlass nicht so glücklich war, da wir auch Thekenpersonal-Absagen von eigener Seite zu vermelden hatten.« Dadurch seien die Zapfanlagen anfangs falsch eingestellt gewesen bzw. es sei eine Anlage im Innenraum gar nicht gelaufen. Zudem habe man Zapfpersonal-Mangel an allen Theken gehabt.
Trotzdem möchte Black Bards Entertainment das Team der RWE Halle loben, »da es nach Erkennen der Misere selbst mit angepackt hat, und die freien Stellen besetzte, so dass man ca. ein bis zwei Stunden nach Einlass die Sache wieder im Griff hatte und Wartezeiten auf Getränke wieder auf ein erträgliches Maß runtergeschraubt werden konnten.« Diese Aussage deckt sich mit dem Statement des Hallenbetreibers, der gegenüber RockTimes versicherte, dass der Ausschank durch das durch ihn zur Verfügung gestellte, zusätzliche Personal nach ca. zwei Stunden »schnell und reibungslos« lief.
Line-up:
Tom Keifer (vocals, guitars, lap steel, piano)
Eric Brittingham (bass, backing vocals)
Jeff LaBar (guitars, backing vocals)
Fred Coury (drums, backing vocals)
Setlist
Once Around The Ride
Shake Me
Heartbreak Station
Somebody Save Me
Night Songs
The More Things Change
Coming Home
Second Wind
Don't Know What You Got (Till It's Gone)
Nobody's Fool
Gypsy Road

Encore:
Long Cold Winter
Shelter Me
Externer Link: