Circa: / Live From Here There & Everywhere
Live From Here There & Everywhere Spielzeit: 73:10
Medium: CD
Label: GlassVille Records, 2013
Stil: Prog Rock

Review vom 18.06.2013


Steve Braun
Ich muss zu meiner Schande gestehen, bis vor wenigen Tagen noch keinen Ton von Circa: gehört zu haben. Nicht, dass ich die Formierung des Vierers im Jahr 2007 nicht mitbekommen hätte. Wenn Leute wie die Ex-Yes-ser Billy Sherwood, Alan White oder Tony Kaye eine neue Truppe gründen, ist das allein schon wegen des Renommees solcher Namen interessant. Seinerzeit war ich aber hochgradig genervt von dieser bis heute grassierenden 'Supergroupionitis'. Als ob das Branding 'Supergroup' allein schon für Qualität und Verkaufserfolg stehen würde... Zugegeben: Es gibt einige richtig scharfe Vertreter - Chickenfoot ist so ein positives Beispiel. Aber viel zu oft ging das auch gewaltig in die Hose! Ich weiß, dass ich mich jetzt gewaltig in die Nesseln setze, aber wer braucht(e) bspw. solche x-te Aufgüsse von Irgendwas wie die Black Country Communion oder Adrenaline Mob?? Zum Glück regelt der 'Markt' solche Auswüchse mit zuverlässiger Regelmäßigkeit von selbst!!
Genug des Vorgeplänkels... Glaubt man den einschlägigen Beobachtern der Szene, war der 'Supergroup'-Lack von Circa: bereits nach dem Debütalbum ab und auch danach wurde nicht mehr viel gerissen. Viel habe ich anscheinend nicht verpasst - die besten Voraussetzungen also, sich von einem Live-Album mal so richtig positiv überraschen zu lassen...
Das Wichtigste vorweg: "Live From Here There & Everywhere" tut wohl keinem Prog-Freund so richtig weh. Circa: bedienen die breite 'Autobahn' des Mainstreams im Genre, alle acht Live-Takes lassen sich gut, teilweise sogar mit Genuss hören. Vieles klingt allerdings etwas 'glatt', sodass sich die berechtigte Frage stellt, ob da nachhaltig was hängenbleiben wird. Zudem wollen viele Liebhaber des Prog-Genres bekanntlich alles, außer sich gepflegt unterhalten lassen! Und so hängen Circa: mit dem vorliegenden Live-Album, dem ersten der Bandhistorie, irgendwie 'zwischen Baum und Borke'.
Ein deutlicher Minuspunkt ist jedenfalls schon mal für das vierseitige Booklet zu vergeben, das diesen Namen wohl kaum verdient. Statt der vielen hübschen Bildchen wäre interessanter gewesen, wo und wann diese Aufnahmen entstanden sind! Da müsste man jetzt spekulieren - »hier, dort und überall«, wie der Titel suggeriert??
Jedenfalls ist das Bandgefüge seit dem letzten Output, "And So On" von 2011, wegen der Neubesetzung der beiden 'Schleudersitze' - Gitarre und Drums - wieder einmal umstrukturiert worden. Billy Sherwood reichte für diese Tour sein Stammgerät, den Bass, an den neuen Mann Rick Tierney weiter und griff stattdessen zur Gitarre, ohne hier für außergewöhnliche Glanzpunkte sorgen zu können. Scott Connor ist bereits der vierte Drummer in sechs Jahren - Kontinuität sieht anders aus.
Trotz Billy Sherwoods eingeschränkten stimmlichen Fähigkeiten ist "Live From Here There & Everywhere" ein durchgängig solides Rockalbum. Die Neuen, Tierney und Connor, machen duchweg einen guten Job, auch wenn sich beide vielleicht etwas eng an Squire und White zu orientieren scheinen. Ein generelles Manko? Auffällig oft wird in die Yes-Ecke geschielt...
Der strahlende Stern von Circa: ist jedenfalls einmal mehr Tony Kaye, der, vor allem wenn er die Hammond mal wahlweise brüllen oder fauchen lässt, immer für ein Überraschungsmoment gut ist. Das Gründungsmitglied von Yes demonstriert beim vorliegenden Live-Reigen ein ums andere Mal seine Extraklasse!
Bei der Auswahl der Songs hat man sich zur Hälfte beim letzten Album "And So On" bedient. Auffällig ist, dass die drei Titel aus dem wohl besten Output der Band, "HQ" (2009), über den meisten Grip und Biss verfügen. In diesem Zusammenhang ist "Ever Changing World" besonders positiv hervorzuheben. Die beiden Longtracks "Remember Along The Way" (tolle Hammondsoli) und "If It's Not Too Little" strotzen dagegen nur so vor atmosphärischer Dichte und Komplexität.
Die Live-Takes von "And So On" wirken dagegen manchmal etwas angestrengt, ja verkrampft, aber immer durchaus unterhaltsam. Als einziger Schwachpunkt des Albums ist allerdings "Together We Are" vom 2007er Debüt hervorzuheben, das wenig inspiriert vor sich hinplätschert und als Lückenfüller bezeichnet werden muss.
Die Soundqualität von "Live From Here There & Everywhere" lässt in ihrer Transparenz keine Wünsche offen. Die Songs sind nicht zusammenhängend, können also an völlig unterschiedlichen Orten aufgezeichnet worden sein. Die Resonanz des Publikums beschränkt sich auf äußerst dezent in den Hintergrund gemischten Jubel am Ende des jeweiligen Titels.
Circa: legt hier ein ordentliches Live-Album vor, das aber trotzdem von der Prog-Gemeinde mit zwiespältigen Gefühlen aufgenommen werden dürfte. Die Fans der Band werden begeistert sein - die Kritiker sicherlich abwinken. Ich persönlich fand die Beschäftigung mit "Live From Here There & Everywhere" durchaus vergnüglich, wie übrigens bei den meisten anderen Yes-Ablegern.
Line-up:
Billy Sherwood (vocals, guitars)
Tony Kaye (organ, keyboards)
Ricky Tierney (bass)
Scott Connor (drums)
Tracklist
01:And So On (9:35)
02:Ever Changing World (6:55)
03:True Progress (10:25)
04:Cast Away (7:07)
05:Remember Along The Way (12:04)
06:Half Way Home (5:42)
07:Together We Are (7:58)
08:If It's Not Too Late (13:24)
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