Darren Deicide / The Jersey Devil Is Here
The Jersey Devil Is Here Spielzeit: 39:10
Medium: CD
Label: Ever Reviled Records, 2008
Stil: Singer/Songwriter, Rock, Blues

Review vom 13.07.2009


Markus Kerren
»Nanu, was ist das denn??« war mein erster Gedanke, nachdem der Opener "Won't You?" die ersten Sekunden hinter sich gebracht hatte. Ein Gerumpel und Fluchen ist da im Aufnahme-Studio zu hören. Gefolgt einem monotonen, lediglich den Rhythmus vorgebenden Schlagzeug und ruppigen Gitarren-Akkorden. Dann setzt der Gesang ein und der ist… rau und trifft nicht gerade auffallend oft den richtigen Ton. Die Textzeilen reimen sich auch nicht unbedingt und irgendwie kommt es mir so vor, als hätten sich Ever Reviled Records hier aus einer Laune heraus einfach den nächst besten Straßen-Musiker geschnappt, ihn ins Studio gestellt und die Aufnahmetaste betätigt…
Ganz so war das natürlich nicht! Darren Deicide stammt aus 'Windy City', der Blues-Stadt Chicago. Autodidaktisch brachte er sich das Gitarrenspiel bei und zockte jahrelang in jeder Menge Combos, an deren Namen sich heute niemand mehr erinnern kann. Schließlich fasste er den Entschluss, sich auf eigene Beine zu stellen, sprich solo weiterzumachen. Sein Handwerkszeug besteht einzig und allein aus einer alten, halbakustischen Washburn-Gitarre und einem kleinen Combo-Verstärker, während er den Takt liebend gerne mit den eigenen Füßen stampft und somit schon die ein oder andere Delle in so manchem Bühnenboden hinterlassen hat.
Darren klingt nach dem heimatlosen Verlierer, der sich mit seiner Gitarre irgendwie durchschlägt und nie weiter als bis zur nächsten Mahlzeit denkt. Das hat was von der Figur, die auch ein Tom Waits über lange Jahre seiner Karriere verkörpert hat. Und ganz ehrlich, es hat auch etwas von der Authentizität der alten, schwarzen Blueser, die ja auch kaum einen Dollar mit ihrer Musik verdienten und oft den Hut rumgehen lassen mussten, um sich wenigstens genügend Whiskey dafür leisten zu können, ihr eigenes Elend für ein paar Stunden zu vergessen.
Sehr interessant ist jedoch festzustellen, dass, wenn man über die Verwirrung der ersten Minuten hinweggekommen ist, dann doch immer mehr aufhorcht und beim Titelsong angelangt, hatte sich Deicide meine volle Aufmerksamkeit erkämpft. Diese Nummer ist eher ruhiger und etwas cleaner gesungen, als die meisten anderen Tracks von "The Jersey Devil Is Here". Und plötzlich schüttelt Darren danach solche Gossen-Perlen wie "The Cocaine Song" oder "Leave Me Alone" aus dem Ärmel. Hier und da mal von einer Mundharmonika und weiblichen, unbeschreiblich schiefen Background Vocals unterstützt. Unser Protagonist kann darüber lachen und freut sich am Schluss des Tracks, da offensichtlich alles wunderbar geklappt hat.
Im Verlauf der Scheibe findet man tatsächlich immer besser in das Album hinein und stellt fest, dass da schon richtig coole Ideen mit dem ein oder anderen Mitsingfaktor vorhanden sind. Bezüglich des Aufnahme-Konzepts hat sich jedoch nichts geändert. Sehr roh geht es zu, beim Gesang ist so mancher daneben gegangener Ton dabei und auch bei der Gitarre wurde es nicht zu eng gesehen, wenn sich der Meister ab und an mal verhauen hatte. Ehrlich gesagt würde es mich sehr verwundern, wenn hier pro Track mehr als ein bis maximal drei Takes investiert wurden.
"The Jersey Devil Is Here" wird die Masse definitiv nicht ansprechen. Und ziemlich sicher wird die CD auch diejenigen, die einen Höreindruck wagen, spalten. "The Jersey Devil Is Here" ist wild, ungewaschen und von der Straße. "The Jersey Devil Is Here" erzählt vom echten Leben, von Armut, sterbenden Gefühlen, Angst und lähmender Einsamkeit. Das Ganze garniert mit einer Stimme, der man abnimmt, was sie zu berichten hat, da sie viel zu echt ist, um aufgesetzt rumjammern zu können. Also eigentlich gar nicht so weit weg vom klassischen Blues, oder? Mit dem Unterschied, dass Darren Deicide es eben einfach eine Spur rockiger und ungehobelter mag.
Man kann diese Scheibe nicht jedermann/-frau empfehlen. Wer aber gerne mal was riskiert und diesem Musiker die Chance gibt, die ersten vier, fünf Songs durchlaufen zu lassen, der kann hier durchaus tolle Entdeckungen machen. Mir gefällt das Album eigentlich mit jedem Durchgang besser, was weniger mit 'Schönhören', als vielmehr mit dem Einsaugen der Echtheit und Authentizität dieses Typen zu tun hat. "The Jersey Devil Is Here" ist ungewöhnlich! Nicht schön, sondern geil und laut! Ganz bestimmt einen Versuch wert.
Tracklist
01:Won't You?
02:Napalm, Death And Fire
03:The Jersey Devil Is Here
04:The Cocaine Song
05:The Infidelic Boogie
06:Leave Me Alone
07:Hudson River Hangover
08:This Lonesome Road
09:Ms. Liberty Blues
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