Deep Purple / August 1968, Roundhouse, London
Rocktimes Konzertbericht
1968: Eine noch unbekannte Band mit dem Namen 'Deep Purple' treiben eine Mutter fast zum Wahnsinn

Stil: Rock


Artikel vom 31.07.2007


Frank Hesterberg
Nun gehe ich noch ein Stück zurück - wir schreiben das Jahr 1968. Es ist August und siehe da, mein Vater kommt fröhlich von seinem Tagewerk, stürzt auf Mutter zu, überrennt mich dabei förmlich, und sagt: »Wir haben von der Firma eine Reise bekommen plus Eintrittskarten für ein Konzert.«
»Oh - schön! Wohin - wann und welches Konzert?«
»London und Konzertkarten für die Bee Gees!«
Schön dachte ich, Bee Gees, na ja, Vater und Mutter waren große Fans - ich dann viel später auch - aber das ist eine andere Story.
Nun gut, Mutter war gar nicht begeistert, denn Frank muss von der Schule frei bekommen, und und undů
Vater erzählte auch, dass er dann von London noch nach Luton aus Berufsgründen müsste. Mensch, ich hörte Luton, die Ecke war mir bekannt. Ein Jahr vorher waren wir mit der Schulklasse da, zu einem Schüleraustausch. Dort lernte ich auch Batty kennen. Ein extrem nettes, weibliches Wesen. Sie war musikbesessen und hatte schon Sachen in ihrem Plattenschrank, die waren in Germanien noch nicht mal erschienen. Wir verstanden uns recht gut und blieben auch weiterhin nach meiner Rückkehr nach Berlin in regem Briefkontakt.
Also hieß das jetzt: Schnell einen Brief schreiben, Batty den Termin unserer Ankunft mitteilen und Treffen vereinbaren.
Alle Reisehinderungsgründe wurden aus dem Weg geräumt und da war er nun, der Tag, an dem es nach London, Luton, England, in dieses herrlich irre Land mit diesen herrlich verschrobenen Menschen gehen sollte.
Ab zum Flughafen: Berlin-Tempelhof, unser einziger Flughafen in West-Berlin, das Tor zur freien Welt.
Eine Propellermaschine der Fluggesellschaft BEA wartete auf uns. Ich hatte einen Fensterplatz. Langsam, unendlich langsam kam die Kiste in Fahrt und Berlin entschwand meinen Blicken: Wolken - DDR - Wolken - Wasser und ein fremdes Land.
Nun betrat ich zum zweiten Mal in meinem Leben englischen Boden. Erstmal ging es durch das Immigration Office, dann rein in das gute alte britische Taxi. Es herrscht Linksverkehr - herrlich! Alles scheint hier andersrum zu sein. Die Busse sind nur göttlich, die Menschen und Typen - außerirdisch.
Nun denn, ab ins Hotel und Auspacken. Es folgte eine kleine Besichtigungstour durch London nebst Reisebegleitung der Firma meines Vaters. Schlafen!!
Der folgende Tag sollte nun mein Leben verändern und den Rest meiner Familie in den Wahnsinn treiben.
Der Tag des Bee Gee-Konzertes war da und ehrlich - ich freute mich drauf. Klingelt doch das Telefon, Vater hebt ab: »Frank für dich - Batty!«
Mensch toll, ich ergreife den Hörer und höre, wie ihre liebliche Stimme irgendetwas von neuer Gruppe faselt, völlig unbekannt, spielt eine Mischung zwischen The Who und Hendrix. Nun ja, sie hat Karten für das Konzert von ihren Eltern bekommen, ob ich nicht mitkommen will.
»Wie nennt sich die Gruppe denn?«
Sie: »Deep Purple, die spielen heute im Roundhouse in London. Versuch das klarzumachen und ruf mich zurück!«
Nun beginnt es in meinem Hirn zu arbeiten, wie stell ich das nun wieder an: Bee Gees oder Deep Purple? Und alleine lassen mich meine Eltern auch nicht zu Deep Purple.
Bereits die ersten leichten Versuche, meine Eltern umzustimmen, schlugen fehl. Kann man beide nicht besiegen - muss man sie einzeln schlagen.
Meine Mutter habe ich nun stundenlang belagert, sie mit allem vollgedröhnt, Versprechungen gemacht - und - habe gesiegt. Mutter gab auf! Sie würde mitkommen wenn Batty noch eine Karte mehr auftreiben könne.
Ich nun ran ans Telefon, Batty angerufen, Anliegen vorgebracht und welch Wunder - Battys Eltern hatten noch eine Karte.
Den Krieg zwischen meinem Vater und meiner Mutter beschreib ich hier besser nicht, das überlasse ich eurer Fantasie, aber es war der 'totale Krieg'. Im Endeffekt ging Vater allein zu den Bee Gees, wir aber zu einer unbekannten Gruppe namens Deep Purple.
Rein in den Schuppen voller Menschen. Es herrschte stickige Luft und es war unheimlich warm. Dann geht das Licht aus, mein kleines Herz rast vor lauter Aufregung: Was kommt jetzt?
Batty schmiegt sich an mich und sagt: »The Beginning - you will love them!« Mein Gott, die ersten Töne hauen mich um, ich sehe einen Gitarristen, den ich auf der Stelle liebte, einen Tastenmann der nicht zu beschreiben ist und noch drei andere Figuren. Ich muss gestehen, ich kannte nicht alle Songs, aber sie nahmen von meinem Geist und meinem Körper Besitz.
War ich in Trance, ist es wirklich, bin ich hier oder träume das nur. Ein Gitarrist - ich konnte meine Augen und Ohren nicht von ihm lassen. Es muss ein Zauberer sein. Solche Töne und das live - wie macht er das. Die Gruppe spielte einmalig, unwiederbringlich, außerirdisch. Erst viel später konnte ich die Stücke die wir hörten benennen. Es waren "Hush", "Wring That Neck", "River Deep, Mountain High", "Hey Joe", "Help", "Kentucky Woman" und "Mandrake Root".
Ich flippte aus, war nicht mehr Herr meiner Sinne, Batty erging es ebenso.
Meine Mutter neben mir, ich weiß nicht, sie wechselte mehrfach die Gesichtsfarbe, versuchte sich irgendwelche Sachen ins Ohr zu stecken und die Haare standen ihr bei manchen Tönen zu Berge.
Ich fühlte mich nicht, als wäre ich im Roundhouse sondern im Round-a-bout. Eine Karusselfahrt, die mein Leben schlagartig veränderte. Als ich wieder einigermaßen klar im Hirn war, stellte ich eindeutig fest: Es ist die Gruppe und die Musik meines Lebens - Deep Purple - the beginning of an endless lovestory.
Batty und ich waren glücklich, meiner Mutter war übel, sie war durch den Lärm regelrecht krank und für weitere zwei Tage nicht zu gebrauchen, geschweige denn ansprechbar.
Das Bee Gees-Konzert hat meinem Vater sehr gut gefallen. Wie unseres war hat er mich jedenfalls nicht gefragt.
Wir verlebten noch schöne Stunden in London und Luton.
Batty habe ich dann in den wilden 70ern aus den Augen und aus meinem Herzen verloren.
Der Rückflug hatte noch ein 'Highlight'. Vater nahm ein Frühstück im Flugzeug ein, eigentlich nichts Ungewöhnliches sollte man denken. Ich saß wiedermal am Fenster und beobachtete meinen Vater, wie er Geschäftsunterlagen durchsah. Die gute alte Maschine sackte durch ein Luftloch stark ab - und da war es wieder - Vaters Frühstück - wie rein so auch wieder raus und genau in die Geschäftsakten.
Gut gezielt Vater - Volltreffer. Er sah mich verdutzt an - wischte sich den Mund ab - und klappte die Geschäftsunterlagen wieder zu.
Ich hab mich weggeschrien vor Lachen - meiner Mutter war das äußerst peinlich.
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