Der Moderne Man / Unmodern Plus
Unmodern Plus Spielzeit: 76:23
Medium: CD
Label: Sireena Records, 2011 (No Fun Records 1980 - 1982)
Stil: New Wave, Punk


Review vom 22.05.2011


Joachim 'Joe' Brookes
Es scheint sich zu lohnen.
Der Moderne Man wird weiter aufgearbeitet. Nach Drama, Spiel und Blut Das Archiv Teil 1 folgt nun der vielleicht schon längst überfällige zweite Teil. Dabei ist der Output etwas schmaler ausgefallen, denn hier passt alles auf eine Scheibe. Genauer geht es zunächst um das Album "Unmodern". Dann folgt die Single "Der Sandman/Baggersee" und daran schließen sich die "TonCoop Demos" an. Zum Abschluss gibt es unveröffentlichtes Material in Form von "Welt (Die Spargel 7" Single)". Bezogen auf den letztgenannten Titel hat man bei der Veröffentlichungspolitik kaum einen strategisch besseren Zeitpunkt wählen können, »denn der Himmel ist blau« ... und es ist zur Zeit Spargelzeit.
Schräge Musik, Ernstes, Witziges und abgefahrene Texte gibt es zuhauf auf der CD, denn mit fast siebenundsiebzig Minuten tastet man sich an das maximale Fassungsvermögen deines Rundlings heran. Üppig ist auch das wunderschön gestaltete Booklet ausgefallen. Die Texte von Hollow Skai (unter anderem Label-Chef von No Fun Records), den Bandmitgliedern Felix Wolter, Jens Gallmeyer und EKT sind interessant zu lesen. Dann gibt es noch 'Erinnerungen zum Rockpalast-Auftritt', geschrieben in der wir-Form. Mit vielen Bildern illustriert, ist das Heftchen klasse und kann schön beim Hören der Musik gelesen werden, wenn einem das überhaupt gelingt.
Weil New Wave/Punk der Marke Der Moderne Man immer noch eine gewaltige Anziehungskraft hat und mich in Jens Gallmeyers Liner-Notes folgender Satz begeistert hat: »Ziggy spielte mir die irresten Platten von Throbbing Gristle und James Chance vor und erzählte mir von David Bowie (von ihm nur "Meister" genannt).« Oh Mann, wer Throbbing Gristle gehört hat, ist bis ins Innere des musikalischen Irrwanas vorgedrungen.
Die "Unmodern"-LP erscheint nun erstmals auf CD und das Schwimmen gegen den Strom verursacht mehr Wellen, als mit der Fließrichtung zu gleiten. Der Moderne Man verursachte mächtig viele Wellen, auch wenn man es vielleicht gar nicht so wollte. Erfolg gleich Kommerz und Bekanntheit. Der Underground lebte und wurde trendig. Das ist heute nicht anders. Mir kann keiner erzählen, dass Musiker Musik machen wollen, um bloß nicht aufzufallen.
Warum schreibe ich so etwas gerade hier? Vielleicht, weil man der Band anders zuhört, als anderen Künstlern aus dieser Zeit. Da ist immer noch das Prickeln, wenn DMM die Coverversion von "Blaue Matrosen" auf die Hörer loslässt und im Originaltext 'Mädchen' gegen 'Junge' austauscht. Fé Wolter trommelte alles von Bossa bis Blues, der damals bei dieser Band leider ausgeklammert wurde. Thomas Schnuras (aka Tonio Scorpio) Saxofon-Beträge waren eine echte Bereicherung für den Sound der Combo.
Die "Der Sandman/Baggersee"-Single ist geprägt von Mattus' Sprechgesang und einem Horror-Text über ein Kind im Sandkasten und einen Laster mit dunkler Gestalt am Steuer. Turbo-Gitarren-Riffs mit Funk sind im Dausereinsatz. Simple Keyboard-Töne zerschneiden die Punk-Luft. Den "Baggersee" serviert DMM als einen rockenden Reggae und zu den bisher unveröffentlichten Aufnahmen von "Welt" schreibt Gallmeyer unter anderem im Booklet: »Leider ging uns das Geld aus und so gab es nur ein paar Etiketten und drei (!!!) Testpressungen (von denen zwei verschwunden sind wer hat sie?). Heute existiert noch ein Exemplar, das die meiste Zeit in den einschlägigen Museen rund um den Globus zu bestaunen ist.« Also, vielleicht gib es ja einen RockTimes-Leser, der die Platte hat.
Mehr als lohenswert sind die alternativen Versionen der "Welt"-Ausgabe allemal. Die Gitarre ist weniger hektisch und die Becken vom Schlagzeug klingen staubtrocken. Viel druckvoller wirkt "Bis ans Ende der Welt" in der 'Spenge Version'. Ganz am Ende des Albums findet man eine sehr aktuelle Bearbeitung des "Unmodern"-Songs "Anakonda". Entstanden im Jahr 2009 ist die besungene Schlange nun noch einen Tick groovender und mit einer guten Minute mehr Spielzeit darf man das Tanzbein ein wenig länger schwingen. Die Demo-Abteilung mit vier Songs zeigt diese Tracks einerseits in fast fertigen Versionen, anderseits wurde zum Beispiel an "Laut" bis zur Endfassung noch gearbeitet.
"Unmodern Plus" bietet einen klasse Rückblick auf eine deutsche Band, die es rundum verdient hat, durch die nun zweite Veröffentlichung gewürdigt zu werden. Der Moderne Man war anders und viel zu kurzlebig. Auch damals war die Zeit schnelllebig und hatte viele Opfer. Es ist wie in der Mode: Irgendwann ist etwas wieder modern. "Unmodern Plus" ist modern.
Line-up:
Mattus (vocals)
EKT (guitar, vocals)
Jens Gallmeyer (bass, vocals)
Thomas Schnura (saxophone, keyboards)
Fé Wolter (drums)
Claudius Hemplemann (drums Sandman/Baggersee/TonCoop Demos)
Tracklist
"Unmodern" (Album):
01:Anakonda (3:55)
02:Blaue Matrosen [M. Hadjidakis, F. Busch, J. Burgner] (3:03)
03:Nur die (4:21)
04:Nicht warten (3:50)
05:Gurus und Geheimagenten (4:10)
06:Bis ans Ende der Welt (2:57)
07:Das Tier (4:20)
08:Unmodern (4:06)
09:Laut (3:16)
10:Roter Mond (4:02)

"Der Sandmann/Baggersee" (7" Single)
11:Der Sandman (3:07)
12:Baggersee (2:56)

"TonCoop Demo" (1980):
13:Blaue Matrosen [M. Hadjidakis, F. Busch, J. Burgner] (3:09)
14:Fernsehzeit (3:03)
15:Laut (3:34)
16:Unmodern (3:55)

"Welt" (Die Spargel 7" Single)*
17:Nicht Warten (Spenge Version)* (3:44)
18:Der Sandman (Trance Version)* (2:30)
19:Bis ans Ende der Welt (Spenge Version)* (2:56)
20:Tanz dich frei (Spenge Version)* (4:24)
21:Anakonda (M7 Remake 2009)* (5:04)
* bisher unveröffentlicht
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