Dr. Feelgood / Oil City Confidential
Oil City Confidential Spielzeit: 106:00
Medium: DVD
Technische Daten:
Bildformat: 16:9
Sound: Stereo, Surround 5.1
Sprache: Englisch (keine Untertitel)
Region-Code: 2 (Europa)
FSK: Frei ab 12 Jahren
Label: Cadiz Music, 2010
Stil: Pub Rock

Review vom 06.11.2010


Markus Kerren
Canvey Island - diese kleine Insel (Einwohnerzahl ca. 37 000) im Südosten Englands, die durch eine Brücke mit dem Festland verbunden ist, war in den Fünfzigern und Sechzigern ein beliebtes Wochenend- und Urlaubsziel für gestresste Londoner. Nicht unbedingt, weil es dort so furchtbar schön war, sondern vielmehr weil es den nächstgelegenen Sandstrand bot. Mit besorgten Blicken mussten die Stammgäste über die Jahre aber auch feststellen, dass die Öl-Industrie immer größere Teile der Insel beschlagnahmte und zunehmend die ansonsten frische Meeresbrise verpestete. Ebenfalls bekannt ist Canvey Island wegen ständiger Überflutungen und der ein oder andere wird sich vielleicht noch an die Katastrophe aus dem Jahr 1953 erinnern, im Verlaufe derer 58 Menschen ihr Leben lassen mussten.
Canvey Island steht aber auch für Dr. Feelgood, eine Band, die sich dort 1971 zusammen fand und im Mittsiebziger England wie aus dem Nichts ganz gehörig Staub aufwirbelte. Und obwohl mir die Truppe bisher immer durch die Lappen gegangen war, wird ihr sogar in den Rock'n'Roll-Geschichtsbüchern zu Gute geschrieben, dass sie mit ihren schweißtreibenden Konzerten und dem so ganz eigenen, furztrockenen Rhythm'n'Blues die Vorarbeiter dafür waren, dem Punk Rock seinen anarchistischen Weg zu ebnen. Durch die Lappen ? Dann doch nicht so ganz, denn ich kann mich erinnern, dass mich ca. Mitte der Achtziger der Feelgood-Song "Milk And Alcohol" kräftig ins Schwitzen brachte
"Oil City Confidential" ist der letzte Teil einer Trilogie, die der Regisseur Julien Temple (u. a. "The Great Rock'n'Roll Swindle") über englische Bands der siebziger Jahre produzierte. Die ersten Teile beschäftigten sich mit den Sex Pistols ("The Filth And The Fury") und dem Ex-The Clash, Ex-Joe Strummer & The Mescaleros-Vordenker Joe Strummer ("The Future Is Uncertain"), wobei ich den Pistols-Film als sehr gelungen betrachte und "The Future ..." bisher leider nicht kenne. Alle vier Original-Mitglieder sowie weitere Personen aus dem nahen Umfeld kommen zu Wort, wobei der Gitarrist Wilko Johnson ganz klar den Löwen-Anteil der Kommentare für sich verbuchen kann.
Temple hat einmal mehr auf sein altbewährtes Konzept zurückgegriffen, alte sowie neue Interview-Ausschnitte und Aufnahmen von Dr. Feelgood-Konzerten mit Szenen aus alten englischen Filmen (als skurrile Untermalung des gerade behandelten Kapitels der Bandgeschichte) zu verbinden. Das ist alles auch ganz gut und schön, aber mir persönlich kommt die Musik der Feelgoods bei diesem Film doch eindeutig zu kurz. Erst in der zweiten Hälfte oder gar im letzten Drittel des Streifens werden öfter mal Songschnipsel des Quartetts auf der Bühne mit eingebaut.
Erzählt wird also die Geschichte einer Band, denen der Dampf zu Beginn sprichwörtlich aus den Ohren kommt, besessen von dem Gedanken mit ihrer Musik Geschichte zu schreiben. Mit dem dritten Album, einer Live-Scheibe ("Stupidity", 1976), schaffen sie es dann tatsächlich auf Platz 1 der englischen Charts und sind nach fünf Jahren harter Arbeit und vielen Entbehrungen endlich ganz oben angekommen. Leider konnten sich schon zu diesem Zeitpunkt die beiden Köpfe der Band, Lee Brilleaux und Wilko Johnson, so dermaßen nicht mehr ausstehen, dass es schließlich 1977 wegen einer Nichtigkeit dazu kam, dass der Hauptsongwriter Wilko Johnson ausstieg/gefeuert wurde (je nachdem, welcher Version man nun glauben will). Alle Beteiligten sind sich wohl einig, dass es mit der Band ab diesem Zeitpunkt wohl nie mehr so war, wie zuvor.
Der Frontmann Lee Brilleaux verstarb leider 1994 im Alter von nur 41 Jahren und konnte zum Zeitpunkt der Produktion von "Oil City Confidential" somit logischer Weise keine aktuellen Interviews mehr geben. Wilko Johnson ist ein genau so exzentrischer Engländer, wie man sich einen extrem exzentrischen Engländer gemeinhin vorstellt (mein Kumpel Tom ist eher der Meinung, dass der Mann in den Siebzigern einfach seinen Speed-Konsum übertrieben und heute einfach nur kräftig einen an der Waffel hat) und würzt seine Bemerkungen immer wieder mit dem berühmt berüchtigten, tiefschwarzen englischen Humor.
Plus und Minus werfen sich bei diesem Streifen den Staffel-Stab immer wieder gegenseitig zu. Einerseits gelingt es, den Dr. Feelgood-Neuling für die Band zu interessieren, was vor allem durch die Live-Szenen erreicht wird, die durch ihre Power und Intensität sehr gut gefallen. Andererseits muss man erstmal viel Sitzfleisch haben, da es eben ziemlich lange dauert, bis die Vorgeschichte abgearbeitet ist. Was mich persönlich nervt, ist die Undifferenziertheit des Sounds. Hat man sich die Lautstärke dem eigenen Geschmack nach eingestellt, dann hauen einem die überlaut daher kommenden eingebauten Filmschnipsel der alten Schwarz/Weiß-Streifen fast das Trommelfell raus.
Leider bekommt man auch beim Bonus-Material keine zusätzliche Musik geboten. Herzstück ist hier ein ausführliches Interview mit Lee Brilleaux (der dabei ganz nonchalant einige Pints 'verhaftet'), das man sehr gerne mitnimmt. Ansonsten gibt es Outtakes von der Dokumentation zu sehen. Das Interview ist zwar klasse, aber etwas üppiger hätte das Zusatzmaterial schon sein dürfen.
Fazit: Bei mir persönlich hat der Film erreicht, dass ich mir die ersten drei Alben ("Down By The Jetty", "Malpractice" und "Stupidity") der Band gekauft habe und diese mittlerweile sehr gerne und oft höre. Außerdem erreicht hat er somit (zumindest bei mir) auch ganz offensichtlich sein Ziel, neues Interesse zu wecken, an die Band zu erinnern und sie wieder etwas weiter ins Rampenlicht zu stellen. Und auch wenn ich mich heute noch vor jeglichen Arztbesuchen immer ganz gerne drücke, kann ich jetzt trotzdem stolz verkünden:
»The doctor's in the house ... and he's gonna make you feel goooood ...«
Line-up 1971 - 1977:
Lee Brilleaux (vocals, harp, guitar)
Wilko Johnson (guitar, vocals)
John B. 'Sparko' Sparks (bass)
John 'The Big Figure' Martin (drums)
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