Miles Davis / Bitches Brew
Bitches Brew Spielzeit: 69:08 (CD 1), 53:11 (CD 2), 69:57 (DVD)
Medium: CD & DVD
Label: Sony Music/Legacy, 2010 (1970)
Stil: Jazz Rock


Review vom 08.09.2010


Wolfgang Giese
Ja, schon wieder eines der Alben, das Musikgeschichte geschrieben hat. Ob zu Recht oder Unrecht, das mag jeder für sich selbst beurteilen.
Als die Platte damals, 1970, in Deutschland auf den Markt kam, war ich an dieser Art Musik noch nicht so sehr interessiert, so dass mir insofern ein gewisser 'Zeitgeist' nicht inne wohnt. Als ich mich etwa zwei Jahre später dann dem Jazz Rock zuwandte, war das erste Feuer wohl schon lange erloschen. Ich erinnere mich insofern nur noch, dass beim Erwerb solcher Platten wie vom Mahavishnu Orchestra und anderen, stets auf "Bitches Brew" als wichtigen Einfluss auf all' das, was sich nach dem Album ereignete, hingewiesen wurde. Schließlich hatte Miles Davis ja auch Musiker in den Reihen, die nachfolgend noch eine Menge von sich reden machen sollten.
Wayne Shorter und Joe Zawinul gründeten später Weather Report, Bennie Maupin wurde bekannt durch seine langjährige Zusammenarbeit mit Herbie Hancock, hier übrigens auch anwesend. Chick Corea etablierte Return To Forever und nahm den Drummer Lenny White gleich mit, John McLaughlin gestaltete das Mahavishnu Orchestra, unter anderem mit dem hier auch anwesenden Billy Cobham, aber auch die übrigen Musiker gerieten nicht unbedingt in Vergessenheit und trugen durch ihrer Mitwirkung zur weiteren Gestaltung des Jazz Rocks und des Jazz nicht gerade unerheblich bei.
Insofern eine Ansammlung, die die Voraussetzungen einer Supergroup locker erfüllte.
Aber ob, wie so oft behauptet wurde, diese Platte nun die erste Jazz Rock-Platte war, das wage ich zu bezweifeln. Denn sowohl Miles Davis selbst hatte mit "In A Silent Way" bereits Pionierarbeit hierzu geleistet, die kurz zuvor eingespielte Aufnahme "Emergency!" von der Tony Williams Lifetime fällt auch in diese Rubrik und einige meinen gar, dass Gary Burton 1967 mit "Duster" den Grundstein gelegt habe.
Wie dem auch immer sei, unbestritten scheint eine Art Initialzündung und Sogwirkung dieser Veröffentlichung gewesen zu sein, denn danach explodierte das Geschehen förmlich. Die Titelfolge der Originalveröffentlichung sind jene vier Stücke auf der ersten CD dieser Ausgabe und die ersten beiden auf der zweiten CD.
Eigentlich passiert, oberflächlich gesehen, nicht viel beim "Pharaoh's Dance", sanft schleicht die Musik dahin wie bereits auf der Platte "In A Silent Way". Beim näheren Betrachten finden wir eine ständige Verzahnung der beiden Schlagzeuge und der Keyboards, alles federt wie auf Watte und Davis thront mit seinem Solo über dem dichten Ensemblespiel, das noch durch ein mysteriös anmutendes Solo der Bassklarinette und später durch ein Solo des Altsaxofons aufgelockert wird. McLaughlin setzt flirrende Akzente und rockt bisweilen mit breiten Akkorden. Im Laufe des Stückes nimmt der Rhythmus einen energischeren Verlauf und die Drummer treiben noch etwas mehr, bevor der Titel langsam seinen Anfangsstatus erreicht und wieder abebbt, um dann gleich Platz zu machen für den mit 27 Minuten längsten Track, der etwas unstrukturiert zu beginnen scheint.
Davis bläst spitze Töne, als wolle er zur Jagd rufen, angereichert durch ein Echogerät. Durch den Basslauf und akzentuierende Schlagzeugklänge wird der Song dann 'geerdet' und nimmt seine Fahrt auf, noch so ganz ohne jene typischen Elemente, wie sie schon bald in der Fusion-Bewegung gang und gäbe sein sollten. Hier findet wirklich noch eine Annäherung der Elemente Jazz und Rock statt, ohne die später noch hinzukommenden Funk- und Soulelemente. Eigentlich empfinde ich die Musik noch eher als Jazz, bei dem den Schlagzeugern aufgetragen wurde, weniger zu swingen und stärker die Rockelemente zu betonen. Solch ein schnell vorgetragener Beat ist es dann auch, der "Spanish Key" antreibt. Nach Vorstellung einer Art von Thema durch Davis legen die Solisten wesentlich packendere Solobeiträge als bisher vor. Dieses Stück ist viel packender und sehr stark von der damaligen Bewegung der 'Black Music' geprägt; so nannte der Trompeter unter anderem auch
Sly & The Family Stone als Vorbild. Hier halte ich die Geburt eines Fusionsgedankens für am ausgeprägtesten.
"John McLaughlin", mit dem Gitarristen als Hauptakteur, ohne Davis und Shorter, trägt Züge der Platte "Extrapolation", die McLaughlin einspielte. Die Struktur ist freier und swingender gehalten, ein weiterer Höhepunkt, auch ohne den Meister. Gerade die beiden Drummer glänzen hier durch den von ihnen erzeugten treibenden Druck!
Von vielen als wichtigstes Stück ist oft "Miles Runs The Voodoo Down" bezeichnet worden. Basierend auf einer einfachen Figur auf dem E-Bass, stolpert das Stück schon fast daher und hat ein ganz besonderes Feeling, das man beinahe als Bluesfeeling bezeichnen kann. Jedenfalls habe ich beim Spiel von Davis diesen Eindruck ganz stark. Im übrigen zieht der Trompeter hier so einiges 'vom Leder'; er schöpft, ganz im Gegenteil zu Zeiten seiner Cool-Phase, die Bandbreite seines Spiels weiter aus. Ein Höhepunkt ist die kleine 'Pianoschlacht' zwischen Corea und Larry Young.
Nun habe ich die 'alte' Ausgabe dieser Platte, mit den originalen sechs Stücken, dann die kompletten Sessions auf vier CDs und hier gibt es nun doch noch etwas zu entdecken, denn vier Titel sind enthalten, die alle als Single-Auskopplungen erschienen sind. Ich stelle mir gerade eine Musikbox damit vor auf gewisse Weise sehr kurios. Jede Nummer liegt unter der Drei-Minuten-Grenze, wird ausgeblendet und erscheint mehr oder weniger wie ein 'Appetithäppchen' auf die Stücke in ihrer vollen Länge. Wie geschrieben - äußerst kurios!
Und nun blieb mir noch das Vergnügen, dem Konzert auf der DVD zu lauschen und optisch auch noch etwas geboten zu bekommen. Aufgenommen wurde am 4. November 1969 im Tivoli Konsertsal, Kopenhagen, Dänemark. Bisher war diese Aufnahme unveröffentlicht.
Mit Zawinuls "Direction" startet es recht energisch und live ist die Band viel druckvoller, und, obwohl hier nur ein Schlagzeuger dabei ist, treibt dieser die Band viel stärker an und spielt eine große Rolle im Gruppensound. Wayne Shorter bläst ein Solo in bester Hard Bop-Tradition, mitunter mit freien Ausbrüchen, wahnsinnig gut ist der Mann! Und DeJohnette trommelt wie der Teufel! Vom 'Chef' ist noch nichts zu sehen, erst einmal übernimmt Corea den Stab von Shorter und soliert furios, schon seinen späteren Stil erkennend lassend.
Bild- und Tonqualität sind übrigens einwandfrei für jene Zeit, in der Mischung kommt allerdings der Bass etwas zu kurz im Klangbild. Nach sieben Minuten erscheint Davis, in schillernd bunte Klamotten gekleidet, und gibt nur einen Abschlusstusch, um aber gleich den nächsten Titel einzuleiten.
Auch hier wieder auffällig, dass die Aufnahmen, letztlich etwa drei Monate nach den Studioeinspielungen entstanden, viel freier und druckvoller und 'jazziger' präsentiert werden. Das von Davis im Studio angestrebte Rockelement ist weniger vorhanden, und so kann (mich) gerade Wayne Shorter wesentlich mehr begeistern bei diesen Titeln. Auch Corea ist brillant, interessant, wenn er bei etwa 14:40 Laufzeit ein ganz kurzes Thema einwirft, das später auf seiner 'Platte mit der Möwe' noch in vieler Ohren sein würde ("Return To Forever" auf ECM).
Der Titelsong der originalen Studioplatte ist hier etwa 10 Minuten kürzer und dafür auch sehr kraftvoll und passioniert vorgetragen, die brodelnde Atmosphäre steht mitunter kurz vorm Explodieren. Erst mit dem Standard "I Fall In Love Too Easily" kehrt Ruhe ein, eine von Davis auf stark emotional geprägte Art, auch sehr kratzig dabei, vorgetragene Ballade. Mit dem längsten Track von fast 20 Minuten endet dieses hervorragende Konzert, das für mich einen Höhepunkt in der Musik des Trompeters darstellt!
Zum Schluss bekommt schließlich auch Dave Holland noch ein feines Feature, von Keyboard und Drums zeitweilig unterstützt. Auch bringt die Band doch noch einige sehr rockende Elemente.
Glücklich jene Dänen, die das damals haben miterleben dürfen!
Line-up:
Miles Davis (trumpet)
Wayne Shorter (soprano saxophone)
Bennie Maupin (bass clarinet)
Joe Zawinul (electric piano - left channel, except CD 2 - #7)
Chick Corea (electric piano - right channel)
John McLaughlin (guitar)
Dave Holland (bass - CD 1 -#2, 4, CD 2 - #2, 4, electric bass - CD 2 - #1, 5)
Harvey Brooks (electric bass)
Lenny White (drums - left channel, CD 1 -#2, 4, CD 2 , CD 1 - #1, 3, CD 2 - # 3, 6 )
Jack DeJohnette (drums - right channel)
Don Alias (congas - CD 1 -#1- 4, CD 2 - #2,3, 4, 6, drums - left channel -CD 2 - #1, 5)
Jumma Santos (shaker - CD 1 -#1- 4, CD 2 - #2,3, 4, 6, congas - CD 2 - #1, 5)
Larry Young (electric piano - center, CD 1 - #1, 3, CD 2 - # 3, 6, organ, celeste . CD 2 - #8)
Steve Grossman (soprano saxophone CD 2 - #7, 8)
Herbie Hancock (electric piano, left channel - CD 2, #7)
Ron Carter (bass, CD 2 - #7)
Khalil Balakrishna (sitar - CD 2 - #7, 8)
Bihari Sharma (tambura, tabla, CD 2 - #7, 8)
Billy Cobham (drums, triangle, CD 2 - #7, 8)
Airto Moreira (cuica, berimbeau, CD 2 - #7, 8)

Line-up DVD:
Miles Davis (trumpet)
Wayne Shorter (tenor sax, soprano sax)
Chick Corea (electric piano)
Dave Holland (bass)
Jack DeJohnette (drums)
Tracklist
CD 1:
01:Pharaoh's Dance [Zawinul] (19:58)
02:Bitches Brew (27:00)
03:Spanish Key (17:27)
04:John McLaughlin (04:24)
CD 2:
01:Miles Runs The Voodoo Down (14:02)
02:Sanctuary [Shorter] (10:54)
03:Spanish Key [alternate take] (10:20)
04:John McLaughlin [alternate take] (6:39)
05:Miles Runs The Voodoo Down [single edit] (2:49)
06:Spanish Key [single edit] (2:49)
07:Great Expectations [single edit] (2:41)
08:Little Blue Frog [single edit] (2:36)
DVD:
01:Directions [Zawinul] (7:14)
02:Miles Runs The Voodoo Down (9:40)
03:Bitches Brew (15:35)
04:Agitation (10:28)
05:I Fall In Love Too Easily [Cahn/Styne] (3:39)
06:Sanctuary [Shorter] (3:29)
07:It's About That Time/The Theme (19:52)
(all titles by Miles Davis, if not otherwise noted)
 
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