The Flying Burrito Brothers / The Gilded Palace Of Sin
The Gilded Palace Of Sin Spielzeit: 37:33
Medium: CD
Label: Demon/Edsel, 2006 (1969)
Stil: Country Rock


Review vom 23.12.2010


Markus Kerren
Als Gram Parsons Anfang 1968 nach den Aufnahmen des ersten und einzigen Albums der International Submarine Band ("Safe At Home") bemerkte, dass sein Label diese Scheibe eigentlich nur als Steuer-Abschreibungs-Objekt benutzen wollte und er zudem die Möglichkeit bekam, bei den Byrds einzusteigen, brauchte er keine zwei Sekunden, um die ISB ad acta zu legen und zu neuen Ufern aufzubrechen. Eigentlich nahm er aber sein eigenes Ufer in die neue Band mit und führte die Truppe um den eigentlichen Bandleader Roger McGuinn durch die Aufnahmen des heute als Klassiker geltenden und weitläufig als erstes Country Rock-Album der Geschichte angesehenen "Sweetheart Of The Rodeo".
Als Parsons die Byrds nach nur wenigen Monaten wieder verließ, war Chris Hillman zwar stinksauer auf ihn, war sich aber auch bewusst, dass er mit Gram einen musikalischen Seelenverwandten gefunden hatte. Bereits während ihrer gemeinsamen Zeit mit McGuinn hatten die beiden beschlossen, eine Country-Band mit Rock-Einflüssen zu gründen. Als auch Hillman - wieder einige Monate später - die Byrds verließ und Gram Parsons nach einem wochenlangen Urlaub bei Keith Richards zurück in Los Angeles war, hatten sich die Gemüter wieder beruhigt und die beiden beschlossen, The Flying Burrito Brothers zu gründen. Mit an Bord waren der Bassist Chris Ethridge, der Steel-Gitarrist Sneaky Pete (Kleinow) und als Schlagzeuger war Eddie Hoh vorgesehen.
Im Studio stellte sich aber leider sehr schnell heraus, dass Hoh ein immenses Drogen-Problem hatte und der Drummer musste nach nur zwei (mühsam) eingespielten Songs seinen Platz wieder räumen. Die restlichen Tracks wurden dann von Grams altem ISB-Kollegen Jon Corneal und zwei weiteren Session-Playern eingespielt.
Für die damalige Zeit sehr spektakulär kommt bereits der Album-Opener "Christine's Tune" daher, ein flotter Country-Rocker, bei dem sich Parsons und Hillman die Lead Vocals (nicht zum letzten Mal) teilen, der über tolle Gesangsmelodien verfügt und dem Ganzen vor allem durch die verzerrte Steel Guitar ein psychedelischer Anstrich verpasst wurde. Die Rednecks waren damals außer sich, dass diese schmuddeligen Hippies sich jetzt auch noch an ihrer heiligen Musik vergriffen. Das deutlich Country-lastigere und wunderschöne "Sin City" beweist, dass die beiden Songwriter durchaus Tiefe in ihren Texten hatten. Die Nummer hat dazu auch etwas beunruhigend Prophetisches und Authentisches an sich, das im Falle Parsons nur wenige Jahre später auch bittere Wahrheit werden sollte, als der erst 26-Jährige im Jahr 1973 einen viel zu frühen Tod starb. Von der Grundaussage sehr ähnlich zu Bon Scotts "Highway To Hell".
Eine von Grams genialen Ideen für dieses Album war, auch etwas Soul einfließen zu lassen, was mit "Do Right Woman" und "Dark End Of The Street" (bei dem David Crosby im Background ausgeholfen haben soll) hervorragend umgesetzt wurde. Die Burritos waren auch in der damaligen, hochexplosiven Zeit keine politische Band. Die Ausnahme, die wieder einmal die Regel bestätigt, stellt der Song "My Uncle" dar, in dem Parsons (mit Hillman) 'seinem' übermächtigen Uncle Sam mit ein paar Strophen deutlich klar macht, dass er ganz sicher eher sein Heimatland für immer verlassen wird, bevor er für es in einen unsinnigen und wahnwitzigen Krieg (Vietnam) zieht.
Die absoluten Höhepunkte, bzw. das Herz und die Seele von "The Guilded Palace Of Sin" stellen die beiden (vollkommen unterschiedlichen) Tracks "Hot Burrito #1" und "Hot Burrito #2" dar. "...#1" ist eine wunderschöne Ballade mit starkem Piano von Chris Ethridge und den Gänsehaut-fabrizierenden Vocals von Parsons. Dieses Feeling, diesen Seelenschmerz der hier auf Aufnahmebändern festgehalten wurde, kann man nicht 'schauspielern'. Da ist eine tief verletzte Seele im Begriff, ihr geplagtes Innenleben auf einem silbernen Tablett zu präsentieren. Hintergrund ist der, dass Parsons, der in seinem jungen Leben schon so einiges an persönlichen Schicksalsschlägen einstecken musste, gerade im Begriff war, seine Lebensgefährtin und Mutter seiner Tochter, zu verlieren. Augenzeugen zufolge sollen Gram selbst beim Einsingen im Studio die Tränen nur so gelaufen sein. Ein absoluter Hammer und dabei niemals auch nur im Ansatz am Kitsch kratzend.
Anders, nämlich um einiges schneller dann "Hot Burrito #2". Und dennoch mit der gleichen Seelenpein vorgetragen. Es geht zweifelsfrei um dieselbe Frau und der Gesang steigert sich in einen nahezu hochdramatischen Refrain, der mit einem so hochgradig aufgebrachten wie verzweifelten Hilferuf »... you better love me . JESUS CHRIST!!!« (nein, es geht nicht um Religion) zum Höhepunkt gebracht wird. Diese beiden Stücke sind essenziell, wenn man der Person und der Antriebsfeder des musikalischen Schaffens von Gram Parsons auf die Spur kommen möchte.
"Do You Know How It Feels" hatte Parsons davor schon für das Album der International Submarine Band aufgenommen und das Stück ist ein weiterer Hinweis auf die tiefe, innere Zerrissenheit des Protagonisten, die ihn Gevatter Tod mit Riesenschritten immer näher bringen sollte. Wenn man bei diesem Album von einem Füller sprechen kann, dann ist das "Hippie Boy", das von der Band allerdings auch ganz bewusst mit einem deutlich verschmitzten Augenzwinkern aufgenommen wurde.
"The Guilded Palace Of Sin" verkaufte sich damals miserabel und nach nur einem weiteren, deutlich schwächeren Album ("Burrito Deluxe", 1970) wurde Parsons von Chris Hillman aufgrund seiner Unzulänglichkeiten, oder besser gesagt 'schlechten Angewohnheiten' gefeuert. Hillman führte die Burritos noch ein paar Jahre und zwei Platten weiter, bis die Band zum ersten Mal aufgelöst wurde und Chris bei Manassas anheuerte. Gram Parsons nutzte die wenigen, ihm noch bleibenden Jahre immerhin für zwei Soloalben und Anfang der Achtziger kam post mortem auch noch eine sehr starke Live-Scheibe ("Live 1973") auf den Markt, die mein erster Berührungspunkt mit seiner Cosmic American Music war und mich vor etwa 25 Jahren umgehend süchtig gemacht hat.
"The Guilded Palace Of Sin" ist ein Meilenstein der amerikanischen Musik und bezüglich der historischen Bedeutung, bzw. des Einflusses auf die kommenden Jahrzehnte meiner Meinung nach sogar noch höher einzustufen, als das weiter oben erwähnte "Sweetheart Of The Rodeo"!
Line-up:
Gram Parsons (rhythm guitar, keyboards, vocals)
Chris Hillman (rhythm guitar, mandolin, vocals)
Chris Ethridge (bass, piano)
Sneaky Pete (steel guitar)
Jon Corneal (drums - #1,3,4,5,7)
Sam Goldstein (drums - #6)
'Popeye' Phillips (drums - #8,9,11)
Eddie Hoh (drums - #2,10)
Tracklist
01:Christine's Tune
02:Sin City
03:Do Right Woman
04:Dark End Of The Street
05:My Uncle
06:Wheels
07:Juanita
08:Hot Burrito #1
09:Hot Burrito #2
10:Do You Know How It Feels
11:Hippie Boy
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