Panda-Mädchen und YouTube-Drohungen
Eigenwillige Heldenverehrung - Made in Sweden
Hellsongs Ihre Fans lieben sie, von den True Metal-Fans werden sie gehasst. Warum das so ist, wie die Band damit umgeht und dass sie nicht vorhaben, sich vor die S-Bahn zu werfen, erfahren wir in einem Interview, welches wir mit Kalle vor dem Auftritt im Club Trafostation in Viersen führten.

Fotos: ©Per Kristiansen (Bandfotos) und
Udo Gröbbels (Konzertfotos)


Interview vom 01.23.2008


Udo Gröbbels
Lounge Metal
Das schwedische Trio Hellsongs ist mal wieder in unseren Breiten unterwegs. Neben ihrer Heimat ist Deutschland aktuell das größte Tourneeland für die Band aus Göteborg. Da sie mir ihrem sogenannten Lounge-Metal ( Metal-Klassiker werden mit zarter Stimme und Orgel plus Akustikgitarre gecovert) aber nicht nur Freunde finden, war es an der Zeit für RockTimes mal nachzufragen, was hinter dieser Art der schrägen Coverversionen steckt. Über den Hass von einigen True Metal-Fans und über ihre persönliche Heldenhuldigung berichtet das folgende Interview:
Winter Wonderland
Hellsongs Jedes Jahr das Gleiche. Kaum sind die letzte Blätter gefallen kommt 'urplötzlich' der Winter über unser Land. Das Phänomen war auch der Grund dafür, dass die Band von letzten Auftrittsort Dresden zum niederrheinischen Viersen dann auch massig Verspätung hatte, da man bei Dortmund mehrere Stunden im Stau stand. Eigentlich war ich um 19.00 Uhr mit Gitarrist Kalle Karlsson in der dortigen Trafostation zum Interview verabredet, aber als ich um kurz vor 19.00 Uhr dort ankam, war die Band noch gar nicht da. Kurze Zeit später trudelte dann aber der kleine Tourtross ein. Nur mit einem Lieferwagen und einem PKW war das Trio plus Merchandiser und Soundfrau unterwegs auf kleiner Deutschlandtournee.
Da die Zeit drängte, machte ich mich noch als Roadie nützlich und schaute mir den kompletten Soundcheck der Band an. Anschließend kam mein Interviewpartner Kalle zu mir rüber. Obwohl noch sichtlich erschöpft von der anstrengenden Fahrt einmal quer durch Deutschland, nahm er sich in Ruhe Zeit für alle Fragen. Natürlich hatte ich mich auf ein englischsprachiges Interview eingestellt aber schon beim Bühnenaufbau bemerkte ich, das er ganz gut und vor allem gerne deutsch sprach und so habe ich dann alle Fragen wieder zurückübersetzt.
RockTimes: Nett, dads du dir trotz einem heute etwas hektischen Tourtag Zeit nimmst. Ich bin überrascht, wie gut du deutsch sprichst.
Kalle: Ich hatte sechs Jahre Deutschunterricht in der Schule und wenn ich in Deutschland unterwegs bin, freue ich mich immer, es aktiv anwenden zu können.
Hellsongs beim Soundcheck RockTimes: OK, dann machen war das Interview in deutsch. Ihr seid schon zum zweiten Mal hier in Viersen. Kannst du dich noch an euren ersten Abstecher erinnern?
Kalle: Ja, natürlich. Das war im Sommer 2006 und wir spielten damals auf dem Eier mit Speck-Open-Air. Es war unser erster Auftritt in Deutschland überhaupt und wir hatten damals noch gar kein Album auf dem Markt. Ich habe bis heute keine Ahnung, wie der Veranstalter an uns gekommen ist, aber wir wurden gebucht und so flogen wir bis Münster und von dort mit einem Bus weiter bis nach Viersen. Es war ein schönes Erlebnis und wir sind ganz toll aufgenommen worden.
RockTimes: Ihr seid dieses Jahr schon zum zweiten Mal in Deutschland auf Tournee. Habt ihr eine besondere Beziehung zu Deutschland?
Kalle: Ich will ja nicht schleimig klingen, aber wir mögen die deutschen Fans sehr. Sie kennen alle noch die Metal-Klassiker, die wir spielen und singen immer sehr enthusiastisch mit. Das ist wirklich immer wieder ein Erlebnis für uns. Außerdem macht unsere deutsche Plattenfirma wirklich gute Arbeit.
RockTimes: Kommen wir mal auf eure Musik zu sprechen. Bei euren Lounge-Metal-Coverversionen sind ja fast nur noch die Texte vom Original übrig. Durch die völlig neuen Arrangements ist es meiner Meinung nach sehr schwer, die Lieder zu erkennen. War das euer Ziel, das ihr eigentlich völlig neue Versionen erschaffen habt?
Kalle: Ich sehe das jetzt nicht ganz so krass wie du. Sicher, Lieder wie "Seek & Destroy" oder auch "Blackend" unterscheiden sich schon sehr vom Original. Bei "Paranoid" allerdings überlegst du noch, aber wenn dann der Refrain einsetzt (»Can you help me.. «), dann ist es sofort klar. Genau dieser 'Aha'-Effekt ist unser Ziel: Man soll die Sachen nicht sofort auf Anhieb erkennen, aber irgendwann sollte es dann 'Klick' machen.
RockTimes: Auf eurer ersten EP und auch auf dem aktuellen Album habt ihr nur schnelle Nummern ausgewählt, die ihr covert. Warum habt ihr keine Ballade gewählt?
Kalle: Balladen machen keinen Sinn, denn sie sind ja schon langsam bzw. ruhig. Da können wir dann nicht viel mehr umarrangieren. Viel interessanter ist eine Nummer wie z.B. "The Trooper" von
Iron Maiden, die im Original richtig abgeht. Hier haben wir mehr künstlerische Möglichkeiten diese Nummer umzuarrangieren.
RockTimes: Ihr habt auf "Songs In The Key Of 666" von euren Landleuten Europe "Rock The Night" gecovert. Ich denke, das war Absicht, das ihr euch nicht an "The Final Countdowen" versucht habt?
Kalle: Ganz genau. Es wäre einfach zu offensichtlich gewesen, den Songs zu covern. "Rock The Night" zu interpretieren war da schon besser und es hat jetzt etwas von einem Wiegenlied, wenn man den Text hört und unsere langsame Version dazu nimmt.
Hellsongs RockTimes: Was ist denn noch, neben dem Tempo, für euch ein Kriterium für Songs, die ihr in Hellsongs-Style umschreibt?
Kalle: Ganz wichtig ist der Text. Der Text musst kraftvoll sein und eine gute Geschichte erzählen. Gute Beispiele sind "Running Freen" von Iron Maiden. Wenn unsere Sängerin Harriot das singt und das Wort 'He' gegen 'She' austauscht, dann wird daraus eine Art feministischer Befreiungssong. Auch "We're Not Gonna Take It" von Twisted Sister wird, wenn man nur den Text lässt und den Partycharakter des Songs entfernt, zu einer echten Kampfhymne. Auch "Seek & Destroy" steht dann mit seinem Text im krassen Gegensatz zu unserer locker flockigen Akustikumsetzung.
RockTimes: Wie sieht es denn mit den Rechten für die Coverversion aus? Hattet ihr schon einmal Probleme die Genehmigung zu bekommen, wenn ihr ein Lied auf eure Art covert?
Kalle: Nein, bisher noch nie. Das ist aber gut, dass du diesen Punkt mal ansprichst. Ich werde es mal erklären: Man kann jedes Lied covern und muss dann, wie bekannt, aber an den Komponisten entsprechend Gebühren bezahlen. Soweit kein Problem. Probleme bekommt man nur, wenn man den ursprünglichen Text verändert und das Ganze zu einer Parodie macht. Das darf man nur machen, wenn man das Einverständnis des Komponisten der entsprechenden Nummer hat. Wir verändern ja keine Texte und von daher haben wir keine Probleme mit Copyrights. Mir ist noch in diesem Zusammenhang sehr wichtig zu erwähnen, dass wir keine Comedy-Band sind. Alle Lieder die wir covern, mögen wir sehr und ich bin ein Riesenfan von Iron Maiden, Judas Priest und den ganzen Bands, die wir covern. Es ist unsere Art der Verbeugung vor unseren alten Helden.
RockTimes: Euer Album ist ja jetzt knapp ein halbes Jahr auf dem Markt. Habt ihr denn zwischenzeitlich auch schon Feedback von den Originalinterpreten auf eure Coverversionen erhalten?
Kalle: Einige Rückmeldungen von den gecoverten Bands haben wir schon bekommen. Die Jungs von Europe haben unsere Version gehört und es gefiel Ihnen gut. Auch haben wir über unseren Manager, der seinerseits einen Freund von Dee Snider (Twisted Sister) kennt, eine CD an ihn weitergeleitet. Am schönsten war allerdings die Reaktion von Paul Di'Anno (Anm: Sänger auf den ersten beiden Iron Maiden-Alben). Wir waren bei einer Radiostation in Finnland und haben "Running Free" gespielt. Paul war zufälligerweise auch dort, hat das gehört und fand unseren Interpretation klasse. Das hat uns natürlich sehr gefreut.
RockTimes: In Deutschland spielt ihr in kleinen Clubs und geltet noch als Insider-Tipp. Wie sieht es in eurer Heimat denn aus?
Kalle: Ich denke, dass wir dort einen ähnlichen Status wie in Deutschland haben. Wir haben in Schweden ja nicht so viele große Städte wie bei euch, aber wenn wir in Stockholm, Malmö oder Göteborg spielen, kommen hier so ca. 300 Zuschauer zu unseren Auftritten. Das ist für unsere Verhältnisse schon ganz gut.
Hellsongs RockTimes: Eine Frage muss ich unbedingt stellen, denn sie brennt mir schon lange unter den Fingern.
Kalle: Da bin ich aber mal sehr gespannt!
RockTimes: Wenn man euren Bandnamen bei Youtube eingibt (Anmerkung: Bei dem Wort 'Youtube' lacht Kalle sofort los) bekommt man sehr unterschiedliche Reaktion auf die Clips, die man dort findet. Während die einen euren Coverstil toll finden, gibt es auch Reaktion von True Metal-Fans, die man schon als blanken Hass gegenüber euch bezeichnen kann. Findest du das auch manchmal etwas erschreckend?
Kalle (sichtlich amüsiert): Ich schau mir gerne die Kommentare zu unseren Vidoes bei Youtube an und finde es, wie du schon festgestellt hast, auch teilweise etwas erschreckend, was manche Leute dort schreiben. Trotzdem amüsiert es mich immer wieder. Wir haben auch schon wirklich böse Mails bekommen. Einer hat sogar geschrieben »Bitte seid doch so nett und schmeißt euch alle vor eine S-Bahn« (lacht schon wieder). Ich habe da meine eigene Theorie zu diesem Thema. Ich glaube, dass es meistens sehr junge Metal-Fans sind, die es nicht akzeptieren können, wie wir die Musik ihrer Helden auf diese Weise interpretieren. Ältere Metal-Fans haben, so denke ich, mit uns kein Problem und mögen unsere Versionen auch.
RockTimes: Damit drängt sich ja förmlich die Frage auf, was für Leute zu euren Konzerten kommen.
Kalle: Wir haben ein sehr gemischtes Publikum (Anmerkung: Was ich beim anschließenden Konzert nur bestätigen kann). Es kommen junge Mädels, die gerne Independent-Musik hören und mit schwarzem Kayalstift bemalt sind. In Schweden nennen wir sie wegen dieser schwarzen Streifen um die Augen auch 'Panda-Mädchen' (lacht) .Andererseits kommen aber auch gestandene Metal-Fans in Kutte. Um ein Lounge Metal-Fan zu sein, brauchst du kein besonderes Outfit. Wir freuen uns über alle und Hauptsache ist, das es den Leuten gefällt.
RockTimes: Abschließend möchte ich gerne noch wissen, ob ihr euch freuen - oder besser gesagt - trauen würdet, wenn man euch die Möglichkeit geben würde, auf dem Wacken Open Air zu spielen.
Kalle: Natürlich würden wir dort einmal gerne auftreten. Allerdings vielleicht nicht auf der Black Metal-Stage (lacht). Nein wirklich, das wäre schon eine tolle Sache, die uns sicherlich auch bekannter machen würde. Wir haben schon oft auf Festivals gespielt, aber das waren immer Festivals mit 'gemischter' Musik. Auf einem reinen Metal-Festival zu spielen wäre sicher reizvoll.
RockTimes: Vielen Dank für das Interview, Kalle.
Kalle: Gern geschehen. Viel Spaß gleich beim Konzert.
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Pommesgabel und Windmühle
Beim anschließenden Konzert entfaltete sich dann der ganz Charme des sogenannten Lounge Metal. In minimalistischer Besetzung von Keyboard, Akustikgitarre, Gesang und teilweise etwas Percussion verfiel auch das Viersener Publikum dem eigenwilligen Charme der Band. Der ruhige Opener "Paranoid" wurde noch etwas verhalten aufgenommen, aber spätestens bei "Seek & Destroy" war das Eis gebrochen. Bei "Breaking The Law" gab es dann, wie bei einem Metalkonzert auch, die 'Pommesgabeln' zu sehen und der Megadeth-Klassiker "Symphony Of Destruction" groovte mit 'Uh uh'-Chören in feinster "Sympathy For The Devil"-Manier.
Hellsongs Zur letzten Nummer "Thunderstruck" kam die ansonsten etwas introvertiert wirkende Sängerin Harriot dann aus sich raus und zum Abschluss legte sie noch eine 1A-Windmühle à la
Pete Townshend hin. Es gab auch einige wirklich komische Momente während des Konzerts, als z.B. die Band "Seasons In The Abyss" ohne Ansage spielte. Anschließend fragte Kalle das Publikum »Habt ihr erkannt, was wir gerade gespielt haben?« und es laut zurück halte: »Slayer!!!«.
Im Zugabenteil gab es dann zunächst mit "10.000 Lovers" von der norwegischen Band TNT eine Nummer, die sicher nur beinharten 80s-Rock-Fans kennen. Als Abschluss dann aber holte die Band nochmals einen Klassiker raus und legte eine laut mitgesungene Version von "Run To The Hills" hin.
Fazit: Ein klasse Konzert und diesen drei freundlichen und sehr sympathischen Schweden gönnt man einfach, dass sie bald in etwas größeren Hallen spielen.
Wir danken Ingo Bruns von Creative Talent, der uns das Gespräch mit Kalle ermöglicht hat.
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