Hubert von Goisern und die Alpinkatzen / Wia die Zeit vergeht...
Wia die Zeit vergeht... Spielzeit: 114:43
Medium: Do-CD
Label: Ariola (Sony Music), 1995
Stil: Alpenrock

Review vom 16.10.2015


Michael Breuer
Eine Österreich-Trilogie Teil 1
Wenn man vor den Toren der Stadt Salzburg wie ich eine zweite Heimat gefunden hat, dann liegt es nahe, sich der Österreichischen Rockkultur ein Stück weit zu nähern, auch wenn viele das in unserem Land auf den ersten Blick mit ein wenig mitleidsvollem Scheinverständnis belegen würden. Ist Österreich etwa eine Schmiede des Rock'n'Roll? Aber sicher, ich werd's euch beweisen.
Hubert von Goisern ist ein großartiger Künstler, ein Geschichtenerzähler, ein Gefühlszauberer und ein Instinktmusiker. Er allein hat der Welt der Rockmusik ein neues Genre geschenkt: Den Alpenrock - und es schockiert mich, welche Kommerz-Futzies heute auf dieser Welle zu reiten versuchen. Hubert ist ein Weltenbummler und ein Wanderer zwischen den Welten, der des Rock und der der Volksmusik. Doch während die unsäglichen Sturmtruppen der Moiks und Co. alte Traditionen mit tumbem Schlager ermordeten, schuf Hubert eine völlig neue Art der Musik, die mitreißt, die antörnt und die abfahren lässt. Die Harmonika am Anschlag und eine putzmuntere Formation zwischen Rock, Folk und Blues mit ein bisschen Weltmusik, so ungefähr mischt Hubert seit frühen Zeiten sein musikalisches Elixier.
Die Alpinkatzen aber, seine Band Anfang der Neunziger Jahre, die hatten zwei zusätzliche unbestreitbare und nachhaltige Vorteile. Zum einen Zabine (ja, mit Z) und ihren wunderbaren Gesang, der so unfassbar gut mit Hubert harmonierte. Und vor allem den Stranzinger.
»Reinhard Stranzinger an der E-Gitarr'«, wie Hubert ihn auf dem Höhepunkt seines Schaffens kurz und bündig dem aufgelösten Publikum präsentierte; der gab den begnadeten Kompositionen Huberts den letzten bluesig, rockigen Schliff.
"Wia die Zeit vergeht..." ist ein zeitloses Dokument einzigartig handgemachter Livemusik, ein Album, das für mich in einem Atemzug mit beispielsweise Deep Purples Made In Japan genannt werden müsste, stellt es doch den Höhepunkt einer ganz speziellen Stilrichtung der Rockmusik dar, festgehalten nicht nur auf CD, sondern von Josef Vilsmaier auch eindrucksvoll verfilmt. Es war eine Idee seiner Frau Dana Vavrova, die mit Hubert befreundet war, dieses Werk für alle Zeiten im Bild festzuhalten.
Höhepunkte gibt es zu Hauf auf diesem voll bepackten Doppler, ganz gleich, ob man nun die sphärisch aufbereiteten Jodler liebt, im "Landlertanz" fast dem Art Rock begegnet, bei der anrührenden Ballade "Wieder hoam" mitsingt oder in "Koa Hiatamadl" die Sau raus lässt.
Und nach all den Jahren kriege ich immer noch Gänsehaut und feuchte Augen, wenn sich die Gitarre des Stranzingers in "Weit, weit weg" zum Solo erhebt. Diesen Song hab ich an anderer Stelle schon einmal als das schönste Liebeslied in deutscher Sprache bezeichnet, aber die Gitarre ist das Pünktchen auf dem i. Reinhard Stranzinger ist ein brillanter Musiker, tief im Blues verwurzelt, was er grandios zum Beispiel kurz zuvor auf der Scheibe in "Kokain-Blues" belegt. Aber er verfügt zusätzlich über genau den Tick progressiver Musikalität eines David Gilmour, versetzt mit einem Schuss Heimat verbundener Herzenswärme, die genau den Ausschlag gibt zur Ausgestaltung dieses alles überragenden Stückes. Das Solo in "Weit, weit weg" ist das tiefst bewegendste Stückchen Musik, welches ich in meinen 53 Lebensjahren vernehmen durfte, Musik, die in Dich dringt wie der Atem Gottes. Eine Melodie, die Dich der Welt entrückt und in die Sphären losgelöster Liebe und alles umfassenden Einklangs führt, eben so wie es Hubert und Zabine in ihrem unvergleichlichen Duett erzählen.
Und am Ende, wenn eigentlich alles gesagt und gesungen ist, dann kommen sie noch einmal raus, ganz ohne Rock'n'Roll, aber tief verwurzelt in der Musik ihrer kulturellen Herkunft, und sie spielen uns ein folkartiges Vermächtnis, eine melancholische Hymne auf die Vergänglichkeit allen Seins, wie ich es schöner niemals gehört habe: »Heast as nit, wia die Zeit vergeht - die Jungen san alt wordn, und die Alten san g´storbn, und gestern is heit g´word´n und heit is bold morg´n. « Da stehen mir die Nackenhaare zu Berge.
Hubert von Goisern, der eigentlich Achleitner heißt und aus dem Dorf Goisern stammt, wird in seiner Heimat verehrt wie kein Zweiter. Seine Authentizität, seine Ehrlichkeit und sein musikalisches Potential haben die Menschen berührt und überzeugt. Wer ihn einmal auf der Bühne live erleben konnte wird das nie wieder vergessen. Hubert ist Heimatmusiker, Rocker und Weltbürger in einem, ein Rattenfänger, dem wir gerne nachlaufen, dem wir zuhören und dem wir glauben. Von wem kann man das in diesen Tagen schon behaupten?

Und im Teil 2 der Österreich-Trilogie geht der Punk ab. Versprochen!
Tracklist
CD 1:
01:Solide Alm
02:Spinni
03:Iawaramoi (Steirer)
04:Schleiniger
05:Kokain-Blues
06:Kuahmelcher
07:Weit, weit weg
08:Gott erhalts
09:Kiahsuacha
10:Landlertanz
11:KGB (Kuhglockenblues)
CD 2:
01:Da Juchitzer
02:Wildschütz-Räp
03:Wieder hoam
04:Goisern
05:Kren & Speck
06:Oben und unten
07:Koa Hiatamadl
08:Heast as net
09:A ganze Weil
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