In Extremo / Kunstraub
Kunstraub Spielzeit: 45:00
Medium: CD
Label: Universal, 2013
Stil: Mittelalterrock

Review vom 21.10.2013


Sabine Feickert
"Kunstraub" - das verspricht Tollkühnheit und Cleverness. Kunsträuber tricksen aufwendige Sicherheitssysteme aus, um an die Objekte ihrer Begierde zu gelangen. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Bankräubern tragen sie ein erhöhtes Risiko, denn ihre Beute ist markant und identifizierbar. 2012 wurden in Rotterdam in der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober innerhalb weniger Minuten sieben Werke von Matisse, Monet, Picasso und weiteren Künstlern gestohlen. Dieses Ereignis hat Dr. Pymonte nach eigenem Bekunden zu Albumtitel und Titelsong inspiriert.
Was Tollkühnes oder zumindest clever Gemachtes erhoffte ich mir im ersten Impuls, nachdem die Nachricht durchgedrungen war, dass In Extremo ein neues Album mit diesem Titel rausbringt. Ein bisschen Skepsis kam dann aber gleich hinterher:
»Die übrigen Mitglieder stimmten augenblicklich zu. Zum einen weil es sich bei den Berlinern um eine Gruppe höchst kunstsinniger Herren handelt, zum anderen weil sie die magische Zahl Sieben aufhorchen ließ. Bestehen In Extremo nicht aus sieben Mitgliedern? Trug nicht ihr eigenes Goldalbum von 2003 den Titel "Sieben"? Dazu zählt man nicht umsonst sieben Wochentage, sieben Sinne und sieben Weltwunder!« verkündet die Promomail.
Ach so, es war gar nicht dieser gewagte Coup, sondern das Auftauchen der 'magischen' Zahl, die die Band so beeindruckte. Das möglicherweise zu Recht, denn gar so clever waren die Rotterdamer Kunstdiebe anscheinend doch nicht, merkten sie doch erst nach der Tat, dass die Beute unverkäuflich ist. [Ob nun tatsächlich die Mutter eines Tatverdächtigen die Bilder in ihrem Badeofen verbrannt hat, ist noch nicht ganz klar, spielt hier aber auch keine tragende Rolle.]
Die Enttäuschung der rumänischen kleinkriminellen Kunstdiebe war vermutlich nicht viel größer als die aeine, als die erste Hörprobe im Web auftauchte. Ich war schon drauf und dran einen Hammer, samt stilecht handgeschmiedetem Nagel rauszuholen und in einen alten Balken zu schlagen, um daran das (imaginäre) Gewand aufzuhängen. Aber gut, dann doch lieber warten, bis die CD da ist und das Ganze am Stück hören, bevor ich mir womöglich unnötig auf den Daumen haue. In der Wartezeit weiter im Promotext:
»Prompt war auch klar, wie das Cover ihres neuen Albums aussehen soll: Sieben Porträts aus der Werkstatt von Rembrandt, in die das Konterfei eines jeden einzelnen In Ex-Mitglieds hineingemalt wird. Angefertigt wurden diese Meisterwerke von den russischen Brüdern Posin, echte Originale unter den Kunstfälschern, die ihre weltberühmte Werkstatt in Berlin-Neukölln betreiben.«
Aha, Kunst ist Kunst und Raub und Fälschung liegen wohl für die Sieben dicht beieinander. Auch auf dem neuen Silberling?
"Der die Sonne schlafen schickt" hoppla, die ersten Töne klingen ja fast wie ein chinesisches Liedchen, bevor dann die Dudelsäcke einfallen und direkt darauf Sänger Micha losröhrt. Es geht erstmal nicht unbedingt innovativ weiter, typischer In Ex-Stil, aber auch nicht grundverkehrt. Ein bisschen brettert die Gitarre in Deutschrockmanier, im Mittelteil dann 'innovativer' Sprechgesang mit viel Hall und Echoeffekt, der aber wieder von Dudelsäcken und Geröhre abgelöst wird.
"Wege ohne Namen" geht einen Weg, der mich schon seit mehreren Alben bei Unheilig stört, ne Schlagerschnulze mit etwas Härte aufgehübscht, das soll wohl einen 'Echoeffekt' der anderen Art bewirken. Puuuh, ist das jetzt auch Euer Weg, In Extremo? »Jenem Weg entgegen / Der nie in Frage kam« - wollt Ihr Euch mit dieser Nummer (»...Sind dabei, denn nur wer wagt gewinnt...«) zur nächsten Wahlpartyhymne der etablierten Parteien empfehlen? Das ging »an Tagen wie diesen« schon bei den Hosen in die selbige...
Der "Lebemann" lebt von Selbstzitaten ("Nur Ihr allein" fällt mir spontan dazu ein, irgendein paar Fragmente aus anderen Nummern mache ich auch noch aus) und irritiert durch die Stimme; für mein Gefühl war hier der Griff in die Effektkiste zu tief. In "Himmel und Hölle" sind dann zur Abwechslung die Selbstzitate mit der Deutschrock-Rhythmussektion kombiniert. "Gaukler" geht so weit okay und wäre auch auf keinem der älteren Alben nennenswert aufgefallen, weder im besonders Positiven, aber auch nicht negativ.
"Kunstraub", ja, passt schon; ich bezweifle zwar, dass die Nummer irgendwann den Kultstatus wie die echten In Ex-Klassiker erreicht, aber sie dürfte ihren Stammplatz in der Setlist der nächsten Touren sicher haben und live ganz bestimmt geil rüberkommen.
"Feuertaufe" war jener erste Höreindruck vorab, muss ich dazu noch mehr sagen? Schlager, Deutschrock, seltsam effektverzerrte Stimme... reicht das?
"Du und Ich" rockt flott vorwärts und tut keinesfalls weh. Würde es nicht zwischendurch mal tröten, könnte die Nummer auch von den Hosen oder ähnlichen Bands stammen. "Doof" wildert zwar auch deutschrockig vor sich hin, hat dafür aber wenigstens textlich ein bisschen was zu bieten und zitiert zur Abwechslung mal wieder In Ex. "Alles schon gesehen" DAS mag sehr gut sein und irgendwie beschleicht mich die Ahnung, dass es das heimliche Motto dieser Scheibe ist alles schon gehört und leider besser und frischer.
Ich werde den Eindruck nicht los, dass hier Schubladenmaterial in vorauseilendem Gehorsam mit dem, was gerade 'in' (sprich gut verkäuflich) ist, kombiniert wurde. Von der Kühnheit eines "Kunstraubs" entdecke ich in dieser Scheibe keine Spur. Auch aberwitzige Kunstfälscherei vom Schlage eines Konrad Kujau tritt hier nicht zutage.
Ich werde das Gefühl nicht ganz los, dass zumindest große Teile der Mittelalterrockszene in der Krise (um diesen überstrapazierten Begriff mal zu bemühen) stecken. Dass sich der bisherige Stil vielleicht für die Bands ein Stück weit totgelaufen hat, ist nachvollziehbar. Schade finde ich, wenn die allerortens angekündigte 'Weiterentwicklung' sich auf den - ebenfalls als Auslaufmodell erscheinenden - Deutschrock (den der harten Sorte), ein paar Altpunkattitüden oder gar die Anbiederung an den Schlager-Nachfolgemarkt beschränken. Möglichkeiten böten sowohl die Instrumentierung als auch das fraglos vorhandene Können der Musiker zur Genüge. Fehlt es an Kreativität oder lenken hier die Labels?
Line-up:
Das Letzte Einhorn (Gesang)
Dr. Pymonte (Dudelsack, Harfe, Schalmeien)
Flex der Biegsame (Dudelsack, Schalmeien)
Yellow Pfeiffer (Dudelsack, Schalmeien, Nyckelharpa)
Der Lange (Gitarre)
Specki T.D. (Schlagzeug)
Die Lutter (Bass)
Tracklist
01:Der die Sonne schlafen schickt
02:Wege ohne Namen
03:Lebemann
04:Himmel und Hölle
05:Gaukler
06:Kunstraub
07:Feuertaufe
08:Du und ich
09:Doof
10:Alles schon gesehen
11:Belladonna
12:Die Beute
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