In Extremo / 15.12.2011, Phönixhalle, Mainz
phoenixhalle_mainz
In Extremo: Sterneneisen-Tour
Support: Rêverie
Phönixhalle, Mainz
15. Dezember 2011
Stil: Mittelalter-Rock
Konzertbericht
Fotos: Nadja Feickert


Artikel vom 21.12.2011


Sabine Feickert

Am goldenen Rhein fanden sich wieder mal die sieben von In Extremo ein, wenn auch nicht in Köln, wie auf der gleichnamigen DVD, sondern in der anderen Narrenhochburg Mainz.
In ExtremoDoch bevor der Gig losging, auf den sich hunderte von Fans schon närrisch freuten, gab es erstmal 'Träumereien' aus Münster. Passend zum stürmischen Wetter draußen eröffneten Rêverie mit Blitz und Donner die Show. Gar nicht verträumt, sondern ziemlich hart und mit viel düsterer Power kamen die Jungs mit ihrem Dark Rock daher und Jungs ist hier wirklich wörtlich zu nehmen, denn verdammt jung sind die vier allemal. Wie eine Träumerei dagegen klingt die Story, die auf ihrer Website zu lesen ist.
In ExtremoEin 19jähriger Multiinstrumentalist spielt im September 2010 ein Demotape mit sechs Songs alleine ein und schafft es damit zu Beginn 2011, bei Napalm Records unterzukommen. Dort muss jemand das Potential des Max Leonhardt erkannt haben, denn das was er mit seinen zwischenzeitlich gefunden Mitstreitern auf der Bühne präsentiert, hat das Zeug dazu, in ein paar Jahren eine solche Halle als Top-Act zu füllen. Seit August diesen Jahres spielt die Band als solche zusammen, jetzt im Dezember begleiten sie als Support In Extremo.
Billy Idol meets 'Neue deutsche Härte' geht mir durch den Kopf als die vier in Fahrt waren. Auch der etwas dumpfe Sound und das zu leise eingestellte Mikro trüben den guten Eindruck nur geringfügig. Ein 'Bubi' an den Drums lässt eine Lawine losrollen, brettharte Gitarren und knackiger Bass erzeugen düstere Atmosphäre, die durch growlenden Chorgesang unterstrichen wird. Sänger Max Leonhardt kann sowohl im Klargesang als auch im Growlen überzeugen und variiert beides so, dass es massenkompatibel bleibt, ohne zu kommerziell rüberzukommen. Nach gut 45 Minuten verlassen die jungen Münsteraner die Bühne, um nach kurzer Umbaupause dem Siebengestirn Platz zu machen.
Auf der leeren Bühne wird auf den Vorhang das Intro projiziert, das Sterneneisenflugzeug zieht seine Kreise an einem Wolkenhimmel. Die Schatten der Luftballons und als solche zweckentfremdeter Kondome, die im Zuschauerraum in die Höhe gestupst werden passen da nur zu gut dazu. Der siebenzackige Stern läutet den Countdown ein, er wird runtergezählt, der Vorhang fällt und in einem ersten Funkenregen steht In Extremo da und legt mit "Sterneneisen" los. Nach diesem Anheizer setzen sie mit "Frei zu sein" gleich noch einen drauf und geben so richtig Gas.
In ExtremoDie markanten Dudelsäcke durchdringen Mark und Bein. Michael Robert 'Das letzte Einhorn' Rhein begrüßt die Mainzer Fans in der gut gefüllten Phönixhalle. Mit "Krummavisur" geht es dann auch direkt weiter im Programm und nachdem die Fotografen während dieser Nummer aus dem Graben gelotst worden sind, gibt es die ersten Feuerbälle. Die Pyro-Show ein Kennzeichen von In Extremo muss man live erlebt haben. Wir sind schon beim Abholen der Pressekarten vorgewarnt worden »Wenn die Pyro losgeht, willst Du nicht mehr wirklich im Graben sein!«, und sollten an dieser Aussage Zweifel bestanden haben, so war nun, wenige Meter von der Bühne entfernt, ganz klar, was damit gemeint war. Es wird richtig heiß umso größer ist der Respekt vor den Musikern, die noch dichter an den Flammen dran sind und ganz genau wissen müssen, wo sie sich wann aufhalten dürfen. Die Bühnenshow erhält da gleich noch eine ganz andere Dimension. Zu Pyropannen kommt es an diesem Abend glücklicherweise nicht, die Feuerwehrleute dürfen das Konzert relativ entspannt genießen.
Die Security-Leute nicht so ganz, aber dazu später mehr.
In ExtremoEs geht ab auf der Bühne und der sprichwörtliche Funke springt auf den größten Teil des Publikums über. Die sieben haben eine ungeheure Bühnenpräsenz und bieten ständig etwas für Auge und Ohr. Neben Titeln des Sterneneisenalbums kommen auch die Klassiker wie "Liam", "Der Wind" oder "Ave Maria" nicht zu kurz. Bei letzterem fällt mir besonders der Dr. Pymonte auf, der allerliebst anzuschauen mit seinen bunten Zöpfchen - mit seiner Harfe regelrecht kuschelt. Überhaupt der 'Doktor' immer wieder fasziniert es mich, welchen skurril anzuschauenden Gebilden er die wundersamsten Töne entlockt. Bei "Unsichtbar" eröffnet er auf einer riesigen Schalmei, um dann den Siebenstern mit Klöppeln zu beackern. Auch der Yellow Pfeiffer und Flex der Biegsame beweisen Vielseitigkeit und spielen neben den Sackpfeifen und Schalmeien auch Drehleier und Schlüsselfidel.
In ExtremoEin Lied fiel mir in der Setlist ganz besonders auf. Während alle Songs entweder typisch altertümliche oder zeitlose Themen zum Inhalt haben, ist der "Stalker", zumindest unter dieser Bezeichnung doch ein sehr neuzeitliches Sujet. Selbst wenn Einhorns Ansage das Ganze noch ein wenig belustigend darstellt - »Wir haben ihn in den Tourbus eingeladen und an der Tankstelle stehen lassen« - macht der Liedtext doch mehr als nachdenklich.

»Mein Leben auf der Flucht
Für dich nur eine Sucht
Nimmst mir die Luft zum Atmen
Du bist mein Tod auf Raten.«


Vor diesem Hintergrund wirkt ein Vorfall, der der Security einen nicht ganz so entspannten Abend bescherte, auf mich doch recht beklemmend. Gleich zweimal begleiten die Männer in den roten Shirts den gleichen jungen Mann durch den Fotograben nach draußen. Ich habe lange überlegt, ob ich darüber schreiben soll, zumal es natürlich sein kann, dass ich mir da was Falsches zusammenreime. Und ob ich wenn dem tatsächlich so sein sollte - nicht jemandem Aufmerksamkeit verschaffe, die er unter Umständen gar nicht verdient. Doch selbst wenn In Extremo das Thema ohne konkreten Anlass zu einem Lied verarbeitet hat oder hätte, passt es in ein Magazin von Fans für Fans ganz sicher auch als kleiner Denkanstoß an jeden einzelnen. Wie öffentlich sind Musiker und wo sind Grenzen, die unbedingt eingehalten werden müssen?
Gerade bei Bands, die sich nicht ganz unnahbar geben und den Kontakt zu ihren Fans halten und suchen, mag es verlockend sein, sie vermeintlich zu kennen, doch letzten Endes stehen dort auf der Bühne Menschen, die ihren Job machen und auch das Recht auf ein Privatleben haben.
Ihren Job machen In Extremo ausgesprochen gut, auch eine Technikpanne wird locker genommen und die Zeit, bis die Crew das Problem gelöst hat, wird improvisiert überbrückt. Das besonders dicke Dankeschön an die Techniker ist mehr als eine nette Geste des Sängers. Die ganze Band zeigt sich von einer menschlichen Seite, oft mit augenzwinkerndem Humor. Der 'Doktor' lässt sich bei "Siehst Du das Licht" einen Imbiss servieren und verzehrt diesen mit sichtbar gutem Appetit. Einhorns Ansagen sind durchweg sympathisch, er erzählt kurze Anekdoten zu den Liedern, so zum Beispiel als 'Vorgeschichte' zu "Viva la Vida" die typische Situation einer durchzechten Nacht in der Kneipe, nachdem der 'Grund mit dem tiefen Ausschnitt' schon lange nach Hause gegangen ist und der Morgen graut und eine entsprechende Stimmung mit sich bringt. Auch "Auf's Leben" bringt eine etwas melancholische Stimmung mit sich und stellt dann das offizielle Ende dar.
In ExtremoDoch natürlich folgen noch Zugaben und hier wird auch wieder aus den Klassikern geschöpft. "Küss mich", "Stetit Puella" und der "Spielmannsfluch" lässt den Saal kochen. Bei "Gold" fängt der 'Doktor' an 'Blattgold' zu werfen und ein wahrer Regen von 'Goldblättern' ergießt sich schließlich von der Decke. Zum krönenden Abschluss erklingt dann noch "Omnia Sol Temperat" und entlässt die Fans in die dunkle, regnerische Nacht.
Die Dudelsäcke klingen noch lange in den Ohren nach, die bassgeplagten Magenwände hören allmählich auf zu flattern und der Geruch nach Petroleum und Schwarzpulver wird schwächer. Es war nicht nur im übertragenen Sinne heiß. Hab ich schon gesagt, dass man In Extremo live gesehen haben muss?
Ein ganz herzlicher Dank an Patrick Mill für die schnelle und unkomplizierte Akkreditierung!
Line-up:
In Extremo Das letzte Einhorn (Gesang)
Dr. Pymonte (Dudelsack, Harfe, Schalmeien)
Flex der Biegsame (Dudelsack, Schalmeien)
Yellow Pfeiffer (Dudelsack, Schalmeien, Nyckelharpa)
Der Lange (Gitarre)
Specki T.D. (Schlagzeug)
Die Lutter (Bass)
Line-up Rêverie:
Max Leonhardt (Gesang, Gitarre)
David Aaron Mrohs (Gitarre)
Niels Luft (Bass)
Martin Nigbur (Drums)
Setlist:
01:Sterneneisen
02:Frei zu sein
In Extremo 03:Krummavisur
04:Poc Vecem
05:Zigeunerskat
06:Wind
07:Die Gier
08:Stalker
09:Zauberspruch No VII
10:Liam
11:Unsichtbar
12:Ave Maria
13:Siehst du das Licht
14:Vollmond
15:Rasend Herz
16:Viva la vida
17:Auf's Leben
18:Küss mich
19:Stetit Puella
20:Spielmannsfluch
21:Gold
22:Omnia Sol Temperat
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