Mit Loaded möchte ich 1.000er-Hallen füllen!
Duff McKagan Rockstars lassen gerne mal auf sich warten. - Dieses Klischee bediente nun auch Michael Andrew 'Duff' McKagan, seines Zeichens Ex-Bassist von Guns N' Roses, Mitglied der (seit Jahren inaktiven) Allstar-Truppe
Velvet Revolver und zurzeit wieder verstärkt mit seiner 'Solo-Band' Loaded aktiv. Deren neues, drittes Album The Taking ist Mitte April nämlich auch in Deutschland erschienen.



Interview vom 02.06.2011


Moritz Alves
Von den berüchtigten Terminverzögerungen seines einstigen Bandkollegen W. Axl Rose ist Duff glücklicherweise weit entfernt, sodass das Gespräch lediglich eine halbe Stunde später stattfand als eigentlich angesetzt. Geschenkt. Denn diesen magischen Moment, einen meiner 'persönlichen Helden' sprechen zu können, durfte ich mir nicht entgehen lassen…!
Duff ist eine wandelnde Rock'n'Roll-Legende, dabei aber trotzdem bodenständig und souverän geblieben. Über das ganze Interview hinweg strahlte er die ihm ureigene Coolness aus und versicherte mir auf meine Anmerkung, dass dies mein erstes Telefoninterview wäre ganz locker: »Okay, I'll help you through.« Aber lest nachfolgend selbst meine 20 Minuten mit Duff McKagan:
RockTimes: Wo bist du momentan gerade, Duff?
Duff: Ich bin in Los Angeles.
Loaded RockTimes: Was sind deine Pläne, was steht gerade an?
Duff: Nun, unser Album ist letzte Woche herausgekommen und ich gebe diese Woche Interviews. Wir sind kurz davor, nach Europa rüberzukommen, um einige Festivals zu spielen. Wir haben viel geprobt und vor Kurzem ein paar Shows hier an der Westküste gespielt.
RockTimes: Ja, ich habe im Internet gelesen, dass ihr einige Festivals wie Rock am Ring und Rock im Park spielen werdet, genauso wie ein paar Shows mit Rob Zombie im Juni.
Duff: Ja, und wir spielen ein Einzelkonzert in Hamburg.
RockTimes: Stimmt, das habe ich auch gelesen. Was gefällt dir denn besser: Festivals oder Einzelshows?
Duff: Ich mag beides, es kommt ganz auf den Vibe vom Auftritt an. Ich mag alles, vom Auftreten in einem kleinen Club wie dem Viper Room, in den 200 Leute reingehen [Nachtclub am Sunset Boulevard, Los Angeles - Anm. d. Verf.], ich habe aber auch schon die größtmöglichen Gigs der Welt gespielt. Ich denke im Fall Loaded liegen die Dinge anders. Jetzt ist es das zweite Mal, dass wir Rock am Ring und Rock im Park spielen werden, aber um unsere Band wirklich begreifen zu können, sollte man uns live in einem Club sehen. Da sind wir am besten!
RockTimes: Ja, das sehe ich auch so, weil deine Musik mit Loaded ein ziemlich roher, straighter Rock'n'Roll ist. Und da sind wir an einem guten Punkt angelangt, denn ich möchte dir ganz besonders zu eurem neuen Album "The Taking" gratulieren. Es ist ziemlich gut geworden. Im Vergleich zum Vorgänger "Sick" (2009) hat das Neue viel mehr heavy Songwriting.
Duff: Ja, danke, das stimmt. Im Gegensatz zu "Sick" haben wir viele der Riffs für das neue Album geschrieben, als wir auf Tour waren. Auf Tour hat man viel mehr Testosteron, Koffein etc. Wenn man ein Album auf Tour schreibt, dann wird es automatisch heavier.
Loaded RockTimes: Stimmt, das habe ich auch festgestellt, als ich Songs wie "Lords Of Abaddon", "Executioner's Song" und "We Win" gehört habe. Es gibt keine Balladen dieses Mal!
Duff: Oh, wir haben einen Song, der "Flight On" heißt und eine Art Ballade ist. Doch wir haben ihn als Bonus Track für die iTunes-Version aufgehoben. Wenn die Leute eine Ballade wollen, müssen sie sie sich dort holen. Wir wollten dieses Album eigentlich ohne Ballade machen.
RockTimes: Hat sich euer neuer Drummer Isaac Carpenter denn irgendwie am Album und am Songwriting beteiligt?
Duff: Er hat einfach alles, er ist ein großartiger Songwriter. Er spielt auch Gitarre und hat sich sehr am Album beteiligt, beispielsweise spielt er alle Gitarren bei "Wrecking Ball".
RockTimes: Oh, das ist interessant! Ein Titel, der mir besonders aufgefallen ist, war gleich der erste: "Lords Of Abaddon". Was steckt dahinter, ich meine, es hat ja schon etwas Biblisches…
Duff: Ja, 'Abaddon' ist das Wort für Hölle. Bei diesem Song wurde ich stark von der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko inspiriert, ich bin sicher, dass du davon gehört hast. Ich war ziemlich wütend als ich in diesem Zusammenhang realisierte, wie wenig Kontrolle wir über die Politiker und Unternehmen haben. Die 'Lords Of Abaddon' sind die Herrscher der Hölle… Es ist Punk Rock der alten Schule.
RockTimes: Auf jeden Fall! Gibt's denn weitere, wissenswerte Infos über die Entstehung des Albums zu erfahren?
Duff: Terry Date hat es produziert, mit ihm habe ich bisher noch nie zusammengearbeitet. Terry hat all die alten Pantera- und Soundgarden-Scheiben gemacht, genau wie die der Deftones usw. Und Terry ist für die ganze Rohheit, die man hört, verantwortlich. Das Album hat einen richtigen Terry Date-Sound. Es war wirklich toll, mit ihm zu arbeiten.
RockTimes: Cool! Kommen wir nochmals auf das Live-Thema zu sprechen. Ich habe Loaded vor zwei Jahren zusammen mit Mötley Crüe in Köln gesehen und ihr habt natürlich ein paar Guns N' Roses-Nummern gebracht, u.a. "So Fine", was eine echte Überraschung für mich war…
Duff: Oh, wir haben "So Fine" gespielt?
RockTimes: Ja, habt ihr, das war richtig klasse! Wie sieht's dieses Mal denn mit so etwas aus - z.B. mit Duff-Solozeug von "Believe In Me" (1993) oder so?
Duff: Das ist immer möglich, weißt du, wir spielen jede Nacht etwas anderes, wir halten das Set immer frisch. Ich kann's dir so weit im Voraus noch gar nicht sagen, aber bei unserer Headliner-Show in Hamburg werden wir wohl alles Mögliche spielen. Wir wissen vorher nie, was wir bringen werden. Aber was das "Believe In Me"-Zeug angeht, das haben wir schon gemacht, wir haben "10 Years", "Believe In Me" und "Man In The Meadow" schon öfter gespielt… Wir werden sehen!
RockTimes: Sehr cool. Nun eine Art Guns N' Roses-Frage, wenn es dich nicht stört…?
Duff: Okay.
RockTimes: Wie ist deine Beziehung zu Izzy Stradlin heute?
Duff: Oooh, sie ist gut!
RockTimes: Ich frage, weil ich mehrere Alben von Izzy besitze und du dort öfter den Bass gespielt hast.
Duff: Ja, ja, ich habe auf den letzten drei Scheiben gespielt, glaube ich. Er nimmt ständig irgendwas auf. Er ist einer von den Leuten, die seit Jahren meine Freunde sind und es auch immer bleiben werden. Wir sind abseits der Musik befreundet, seit er damals 1984 gegenüber von mir gewohnt hat. Wir waren von Anfang an abseits der Musik befreundet - wir waren erst Freunde und haben danach Guns N' Roses gegründet.
Neurotic Outsiders RockTimes: Und wie sieht es mit den Neurotic Outsiders aus? Kann man da irgendwas Neues erwarten?
Duff: (lacht) Oh, ich weiß es nicht. Ich bin mit ihnen allen
[Steve Jones, Matt Sorum und John Taylor - Anm. d. Verf.] gut befreundet, ähm, aber wahrscheinlich nicht.
RockTimes: Es war wohl einfach eine einmalige Sache, jedoch ein ziemlich geiles Album. (Das einzige, gleichnamige Album der Band erschien 1996.)
Duff: Ich habe momentan einfach zu viel zu tun um etwas Neues in der Richtung zu machen.
Beautiful Disease RockTimes: Das kann ich mir vorstellen. Wie ist es denn mit deinem Album "Beautiful Disease", das nie offiziell veröffentlicht worden ist. (Dieses eigentlich zweite Solo-Album von Duff sollte 1999 erscheinen, ging damals aber in der Fusion von Universal und Polygram unter.) Könnte diesbezüglich vielleicht etwas passieren, weil du ja gerade wieder sehr in den Medien präsent bist?
Duff: Nun, in den Medien zu sein und Alben zu verkaufen sind zwei Paar Schuhe. Viele Leute denken, weil sie mich z.B. in einer VH1-Show sehen oder viele Interviews mit mir lesen, dass ich viele Alben verkaufe. Das ist nicht zwingend so. Und wenn ich jetzt versuchte, diese Songs von "Beautiful Disease" zurückzuholen… Nochmal: Einem großen Unternehmen gehören die Rechte an den Aufnahmen und die Aufnahmen selbst, und wenn ich jetzt versuchen würde, dies zurückzubekommen, wäre das ein sehr großes Vorhaben. Also warten wir es ab.
RockTimes: Okay, gibt's denn irgendwelche Neuigkeiten bezüglich Velvet Revolver?
Duff: Nein, da gibt's keine Updates.
RockTimes: Aber hast du vielleicht einen bestimmten Sänger im Kopf, den du gern in der Band hättest, abgesehen von Corey Taylor (Sänger von Slipknot, Stone Sour) natürlich…?
Duff: Nein, habe ich nicht.
RockTimes: Dann lass uns stattdessen mal in die Zukunft blicken. Weil du ja Mitglied von Guns N' Roses warst hast du dir sicherlich schon viele Träume erfüllen können. Hat eine Hard Rock-Legende wie du überhaupt noch Wünsche übrig?
Duff: Nun, es scheint mir manchmal, als hätte ich noch nicht einmal angefangen, weil es so viele Sachen gibt, die ich noch machen möchte. Mein erstes Ziel wäre, Loaded dahin zu bringen, dass wir überall auf der Welt 1.000er-Hallen ausverkaufen. Was das Kollaborieren mit oder Spielen in anderen Bands angeht, weiß ich es nicht, ich meine, es gibt viele Ikonen für mich… Natürlich würde ich gern bei Iggy & The Stooges spielen… (lacht)
RockTimes: Ja, natürlich!
Duff: Irgendwas in der Richtung jedenfalls. Naja, jedenfalls weiß man nie, was als Nächstes passiert. Ich konzentriere mich daher einfach auf die Arbeit die jeden Tag vor mir liegt und schaue nie zu weit nach vorn. Was passiert, passiert eben! (lacht)
It's So Easy And Other Lies RockTimes: Dein neues bzw. allererstes Buch "It's So Easy And Other Lies" kommt demnächst heraus. Du hast in verschiedenen Interviews gesagt, dass es keinen Fokus auf Guns N' Roses haben wird, was ich gut finde, weil du zweifellos viel mehr zu erzählen hast. Was kannst du uns denn über den Inhalt verraten?
Duff: Hmm, ich möchte ehrlich gesagt nicht so viel über den Inhalt reden, denn ich habe deswegen schon ein paar Probleme mit meinem Verleger bekommen. Das Buch kommt nicht vor Oktober heraus und ich möchte deshalb vorher nicht zu viel verraten, es soll eine Überraschung bleiben. Was ich sagen kann ist, dass ich zwei wöchentliche Kolumnen schreibe: Ich schreibe schon seit drei Jahren für den Seattle Weekly [Seattles kostenloses Stadtmagazin - Anm. d. Verf.], habe auch zwei Jahre für den Playboy geschrieben und ich schreibe jetzt für ESPN.com [großer amerikanischer Sportsender - Anm. d. Verf.]. Ich bin also ein praktizierender Schreiber und habe meine Stimme im Schreiben gefunden - sich schriftlich auszudrücken ist was ganz anders ist als zu sprechen. Wenn die Leute meine Kolumnen kennen, was viele tun, dann wissen sie, dass ich mit einer gewissen Art von Humor an meine Texte herangehe. Ich nehme mein Leben nicht zu ernst, denn man sollte schon ein wenig Spaß haben. Weißt du, ich habe ein Buch geschrieben, in dem ich sehr ehrlich mit mir selbst bin und mein Leben untersucht habe - wie ich Probleme mit Drogen usw. bekam und da auch wieder rausgekommen bin. Guns N' Roses ist definitiv Teil der Geschichte, aber ist das die ganze Geschichte? Nein, auf gar keinen Fall! Das ist alles, was ich jetzt dazu sagen möchte.
RockTimes: Gut, warten wir's ab. Ich bin jedenfalls schon sehr neugierig auf das Buch! Vor einigen Jahren war es für ein Magazin wie RockTimes nicht leicht, jemanden wie dich ans Telefon zu bekommen. Wie hat sich denn das Musik-Marketing im Internet-Zeitalter verändert? Wie siehst du das als studierter Geschäftsmann?
Duff: (überrascht) Wow, wow! Jetzt geht's ja auf einmal in eine ganz andere Richtung… Hm, wie hat sich das Musik-Marketing verändert…? Marketing…
RockTimes: Ja, beispielsweise die Promotion als Teil des Marketings.
Duff: (überlegt) Nun, es ist ein zweischneidiges Schwert. Du kannst heute eine Facebook- und Twitter-Seite für deine Band haben. Weißt du, ich habe seit September einen Twitter-Account und… (überlegt) ca. 30.000 'Follower'. Ich könnte jetzt sagen: "Hey, mein Album ist herausgekommen!", weiß aber nicht, ob ich deswegen auch Scheiben verkaufe. Ich denke eigentlich nicht, dass sich das groß darauf auswirkt. Trägt so etwas also dazu bei, Alben zu verkaufen? Nein… Aber Leute, die in einen Plattenladen gehen und Alben kaufen - die bringen's. Ich finde, man muss es nach wie vor auf die alte Art machen: rausgehen und spielen. Ich weiß nicht mal, ob das Internet uns dabei hilft, Tickets für z.B. Hamburg zu verkaufen, wenn ich das jetzt z.B. im Facebook posten würde. Auf der anderen Seite mögen es die Leute heutzutage nicht mehr, ihren Computer zu verlassen, also gehen sie vielleicht nicht mal mehr raus in ein Geschäft oder zu einem Konzert… Man ist ständig am Texten, und je mehr man das tut, desto weniger nimmt man am Leben teil.
RockTimes: Das ist wahr, die ganze Art zu kommunizieren hat sich über die Jahre total verändert.
Duff: Definitiv. Auf meinen Tourneen hatte ich bis 2007 nie ein Blackberry. Ich hab's einfach verweigert - fuck it. Weißt du, ich steige in meinen Tourbus und es schaltet quasi jeder sofort sein Blackberry ein! Keiner nahm mehr am richtigen Leben teil. Das hab ich wirklich beobachtet. Aber hat das das Marketing verändert…? Ich meine, viele Leute bekommen auf diese Weise mit, dass man etwas Neues draußen hat, aber es schmälert das wirkliche Teilhaben daran. Dafür muss man immer noch rausgehen und Live-Shows sehen. Ich glaube in Europa gehen sehr viel mehr Leute zu den Konzerten.
RockTimes: Ja, hier haben wir eine sehr ausgeprägte Live-Kultur mit vielen Festivals usw. Wir stehen hier noch auf die alte Schule.
Duff: Genau, die Leute nehmen dort noch etwas mehr teil. Aber ich kenne es aus Amerika: Sie sind selbst beim Autofahren am Texten! Ich bin Motorradfahrer, und da kann man die Leute in ihren Autos gut sehen, wie sie mit ihren Blackberrys hantieren und nicht mehr auf die Straße schauen. Und man kann als Motorradfahrer dann kaum glauben, was da abgeht.
RockTimes: Ja, und dann passieren schnell Unfälle, wie das Gilby Clarke (von 1991 bis 1994 Rhythmus-Gitarrist von Guns N' Roses, Nachfolger von Izzy Stradlin) vor einiger Zeit passiert ist.
Duff: Yeah, yeah!
RockTimes: Er wurde ziemlich schwer verletzt…
Duff: Ja, es war Fahrerflucht. Es ist ganz in der Nähe meines Hauses passiert, ich wohne zwei Blocks von Gilby entfernt.
RockTimes: Also hast du noch viel Kontakt zu Gilby?
Duff: Ja, unsere Kinder besuchen dieselbe Schule.
RockTimes: Klasse! Um noch mal auf das Stichwort Promotion zurückzukommen: Wie siehst du diesbezüglich denn kleine Online-Magazine wie RockTimes? Verhält es sich da ähnlich wie mit Facebook etc.?
Duff: Nun, ich schreibe selbst für den Seattle Weekly, ein Stadtmagazin, das auch online erscheint, und ich schreibe für ESPN.com, eine der größten Webseiten der Welt. Daher weiß ich, dass auch Seiten wie RockTimes sehr wichtig sind.
RockTimes: Okay, Duff, es war eine große Ehre für mich, mit dir zu sprechen. Ich danke dir für das Interview!
Duff: Danke, ich hoffe, ich sehe dich auf Tour in Deutschland, bye bye.
Wir danken Tim von Black Mamba Promotion, der uns das Gespräch mit Duff ermöglicht hat.
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