Manassas / Pieces
Pieces Spielzeit: 41:08
Medium: CD
Label: Rhino Entertainment, 2009 (1971 - 75)
Stil: Rock


Review vom 13.01.2010


Markus Kerren
Wenn man die Geschichte von Stephen Stills, bzw. die seiner drei bekanntesten Mitmusiker genauer verfolgt, dann stellt man fest, dass in regelmäßigen Abständen immer wieder (für mich übrigens vollkommen unhaltbare) Meinungen auftauchen, die Stills als das schwache Glied bei
Crosby, Stills, Nash & Young ausmachen wollen. Den ersten Schritt ins große Rampenlicht machte der Sänger, Songwriter und Multiinstrumentalist mit der Band Buffalo Springfield, die neben ihm u.a. aus den ebenfalls hervorragenden Musikern und Komponisten Neil Young und Richie Furay (später bei Poco und Souther, Hillman & Furay) bestand. Nach etwa zweieinhalb Jahren und drei Alben war dieses Kapitel jedoch abgeschlossen. Es folgte eine Übergangsphase, aus der übrigens die Aufnahmen der Stills-CD Just Roll Tape (1968) stammen.
Im Anschluss war Crosby, Stills & Nash angesagt, an deren legendärem Debütalbum Stills nicht nur songwriterisch stark vertreten war, sondern sogar alle Instrumente (abzüglich des Schlagzeugs) fast im Alleingang einspielte und sozusagen der Chef im Studio war. Danach wurde Neil Young in den erlauchten Kreis des Trios aufgenommen, es folgte das Nr. 1-Album Déjà Vu und eine Live-Doppel-LP ("Four Way Street"). Aber es kam natürlich wie es kommen musste, wenn mehrere hochkreative, vor Selbstbewusstsein berstende Musiker an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Auf Dauer geht das extrem selten gut und auch bei CSN & Y flogen schon sehr bald die Fetzen. Und zwar so sehr, dass man sich nach etwa einem Jahr bereits wieder trennte.
Im Nachhinein vielleicht zum großen Glück aller Musik-Fans, da jedes einzelne Mitglied des Star-Vierers danach Großtaten vollbrachte. Zum einen war da Crosbys
If I Could Only Remember My Name, dann Graham Nashs "Songs For Beginners", des weiteren Youngs Überflieger "Harvest" undů ja, was machte eigentlich Stills? Zuerst legte er mit "Stephen Stills" und "Stephen Stills 2" zwei hervorragende Soloalben vor und dann landete er eines Nachts auf einem Flying Burrito Brothers-Konzert. Stephen war so begeistert von der sich bereits im Auflösungsstadium befindenden Gruppe, dass er direkt nach dem Konzert Chris Hillman (Ex-Byrds), Al Perkins und den Fiddler Byrone Berline für eine Jam-Session nach Miami, Florida einlud.
Und dort entstand dann (ohne Byrone Berline, der es vorzog, sich anderen Projekten zu widmen) die Band Manassas. Das 1972 erschienene gleichnamige Debüt-Doppelalbum ist ein, wenn auch heutzutage etwas vergessener Klassiker der Rockgeschichte und einer der absoluten Höhepunkte in Stills Karriere. Es folgte ein zweites Album ("Down The Road", 1973), das dem Debüt aber nicht einmal annähernd das Wasser reichen konnte und Manassas wurde schließlich aufgelöst, bevor sich Stills im Jahr 1974 vor allem wieder mit CSN & Y beschäftigte.
Was wir nun mit "Pieces" vorliegen haben, sind Outtakes und Probedurchläufe dieser einst so großartigen Band. Und so qualitativ hochwertig sind die hier vorliegenden Songs, dass, wüsste man es nicht besser, niemals auf die Idee kommen würde, dass es sich eigentlich 'nur' um eine Resteverwertung handelt. Es gibt wohl kein besseres Beispiel als den Song "Like A Fox". O-Ton Stills: »Das war eine halb fertige Nummer und plötzlich kamen die eingeladenen Gastmusiker ins Studio, was bedeutete: Ich brauchte einen Refrain. Und zwar SOFORT. Irgendwie hatte ich nie das Gefühl, dass der Track 'fertig' war, deshalb blieb er bis jetzt in den Archiven«. Unfassbar, wenn man sich diese Country Pop/Rock-Perle (mit u.a. Bonnie Raitt an den Background Vocals) so im Ohr zergehen lässt!
Wir dürfen Manassas beim Warmmachen im Studio mit den beiden "Stephen Stills 2"-Tracks "Sugar Babe" (ein Killer-Song) und "Word Game" hören, es gibt mit "Do You Remember The Americans" und "Lies" (mit Gast Joe Walsh an der Slide Guitar) frühe (und bessere, da mit allen Ecken sowie Kanten versehene) Versionen von Tracks, die später auf dem zweiten Manassas-Album "Down The Road" erschienen. Dazu kommt mit "Witching Hour" ein hervorragendes Outtake des ersten Albums, übrig gebliebene Stücke von "Down The Road", saftige Latin- und Salsa-Klänge bei "Tan Sola Y Triste" und auch ein paar wenige Stephen Stills-Solo-Nummern, wie etwa das 1975 entstandene "Fit To Be Tied". Ach ja, und bei "Dim Lights, Thick Smoke (And Loud, Loud Music)" sowie "Panhandle Rag" taucht man auch noch mal tief in den Country, bzw. Bluegrass ein.
Die Band Manassas war, zumindest zu Beginn ihres Bestehens, ein hochgradig kreativer Verbund, dessen Mischung aus Rock, Country, Blues, Latin, Folk, Singer/Songwriter und gar Soul heute wohl unter dem Oberbegriff Americana läuft. Das Maß aller Dinge bleibt natürlich das phänomenale Debütalbum, das in keiner Sammlung fehlen sollte, aber "Pieces" stellt eine tolle Ergänzung dar. Für eine Vielzahl der hier vertretenen, von der Band als nicht gut genug befundenen Nummern würde so manch anderer Musiker was weiß ich was geben. Von dem her ein ganz dicker Tipp an alle, die auch nur ansatzweise etwas mit Stephen Stills, Crosby, Stills & Nash (& Young), Country Rock oder Americana anfangen können.
Auf jeden Fall habe ich "Pieces" bereits jetzt öfter angehört, als ich das mit "Down The Road" wohl jemals tun werde.
Line-up:
Stephen Stills (vocals, guitars, bass, piano, keyboards, slide guitar)
Chris Hillman (bass, guitars, mandolin, vocals)
Dallas Taylor (drums)
Al Perkins (steel guitar, banjo, guitars)
Paul Harris (organ, piano, keyboards)
Calvin 'Fuzzy' Samuels (bass)
Joe Lala (percussion, congas, timbales, vocals)
Jerry Aiello (organ)
Lachy Espinol (percussion)
Guille Garcia (percussion)
Sydney George (flute)
Charlie Grimes (guitars)

Mit:
Bobby Whitlock (keyboards, vocals)
Joe Walsh (guitar, slide guitar - #3)
Bonnie Raitt (background vocals - #5)
Tracklist
01:Witching Hour
02:Sugar Babe
03:Lies
04:My Love Is A Gentle Thing
05:Like A Fox
06:Word Game
07:Tan Sola Y Triste
08:Fit To Be Tied
09:Love And Satisfy
10:High And Dry
11:Panhandle Rag
12:Uncle Pen
13:Do You Remember The Americans
14:Dim Lights, Thick Smoke (And Loud, Loud Music)
15:I Am My Brother
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