Jingle Jangle ist und bleibt zeitloser Folk-Roots-Zauber!
Roger Mcguinn In den Sechzigern hob er mit seiner visionären elektrischen Folk Rock-Airline The Byrds in weltweite und außerirdisch erfolgreiche Sphären ab. Nach langen Jahren steuert der gebürtige Chicagoer Roger McGuinn in diesem Sommer nun wieder Europa und speziell auch einige deutsche Destinationen an. In Rocktimes gibt der heute in Florida lebende, bekennende Umweltaktivist zündende Energiespartipps, plaudert über vielsaitige Präferenzen, seine aktuelle Lieblingsgitarre, lang andauernde Flitterwochen und über die für den glühenden Anhänger des technischen Fortschritts durchaus nicht widersprüchliche folktraditionelle Moderne im Zeitalter von HSD, MP3 und Internet.


Interview vom 06.07.2009

 
Markus Kerren            Grit-Marina Müller
RockTimes: Hallo Roger, wir freuen uns auf deine kommende Tour in Deutschland im Juli. Es ist eine Weile her, seit du das letzte Mal hier gespielt hast. Da war dein legendärer Auftritt im Rockpalast mit Rick Vito oder auch später das denkwürdige Konzert in Ost-Berlin zusammen mit Tom Petty und Bob Dylan. Hast du angenehme Erinnerungen an diese wahrhaft besonderen Ereignisse?
Roger: Ja, ich habe eigentlich nur großartige Erinnerungen an die Tourneen in Deutschland. An das Konzert in Ost-Berlin erinnere ich mich am liebsten. Davon gibt es einen Clip auf YouTube.
Rick Vito hat mir erzählt, dass ihm der damalige Gig im Rockpalast (1977) sogar eine Art zweiter Karriere in Deutschland ermöglichte. Er war seither viel bei euch unterwegs.
RockTimes: Nach der "Rolling Thunder Revue" mit Bob Dylan bist du zusammen mit Mick Ronson ins Studio gegangen und hast "Cardiff Rose" (1976) aufgenommen. Ronson hatte die Scheibe damals nicht nur produziert, sondern auch viel Gitarre beigesteuert. Welche Erinnerungen hast du an dieses Album und an Mick im speziellen?
Roger: McGuinn-Clark-Hillman, CoverMick und auch die anderen Musiker der Rolling Thunder-Tour brachten diesen hohen Energie-Level der Tour, der nahezu an Euphorie grenzte, mit ins Studio. "Cardiff Rose" ist eines meiner Lieblings-Alben meiner gesamten Karriere. Mick Ronson war ein unglaublicher Produzent und ein großartiger Freund.
RockTimes: Speziell mit "Cardiff Rose" und Thunderbyrd (1977) hattest du zwei sehr starke und von den Kritikern gelobte Alben herausgebracht. Was war damals der Grund deine Band aufzulösen, um mit Gene Clark und Chris Hillman wieder gemeinsame Sache zu machen?
Roger: Die genauen Details, warum es zu dieser Entscheidung kam, sind etwas verschwommen. Aber ich erinnere mich, dass ich Gene Clark am 20. Geburtstag des Troubadour (legendärer Club in Los Angeles, Anm. d. Verfassers) getroffen habe und nachdem wir ein paar Songs zusammen gespielt hatten, waren wir der Meinung, dass es riesigen Spaß machen würde, eine Duo-Akustik-Tour durchzuziehen. Diese Geschichte führte dann zu McGuinn, Clark & Hillman.
RockTimes: Apropos Chris Hillman: Hast du eigentlich sein Buch über die Flying Burrito Brothers schon lesen können? Nun dürfte ja mittlerweile jeder diesbezüglich Interessierte wissen, dass Gram Parsons nicht gerade ein Engel war. Aber Chris kommt in dem Buch sehr bitter und sogar 'nachtretend' rüber, indem er fast nur Abfälliges zu Parsons zu sagen hat. Hast du einen Schimmer, warum Chris nach fast 40 Jahren immer noch so aufgebracht ist?
Roger: Byrds 1971Camilla (Rogers Ehefrau, Anm. d. Verfassers) hat das Buch von Chris gelesen und mir genau dasselbe erzählt. Keine Ahnung, warum Chris da so starke Gefühle hegt. Grams Liebe zur Country Musik war ansteckend und das Fundament, das "Sweetheart Of The Rodeo" entstehen ließ.
RockTimes: Wie ergab sich eigentlich deine lange Veröffentlichungs-Pause zwischen dem letzten Album mit Chris Hillman (1981) und "Back From Rio"?
Roger: Ich beschloss in den frühen Achtzigern einfach, wieder zu meinen Folk-Wurzeln zurückzukehren und wie mein Held Pete Seeger Solo-Akustik-Tourneen zu spielen. Die ganze Zeit mit an Bord war meine Frau und Managerin Camilla. Fühlt sich an wie mittlerweile 31 Jahre andauernde Flitterwochen.
RockTimes: Im März erschien dein fabelhaftes, glanzvolles Album Back from Rio als Re-Release. Ohne zu viel zu verraten: Wirst du Songs daraus in deinen Shows im Sommer spielen? Und werden außerdem einige Byrds-Schätze von deiner Bühne aus zu hören sein?
Roger: Roger todayJa, ich werde Songs aus jeder Periode meiner fast 50-jährigen Karriere spielen.
RockTimes: Sind die Songs für "Back From Rio" eigentlich über mehrere Jahre in den Achtzigern entstanden, oder hast du von 'null' angefangen, nachdem klar war, dass du wieder ein Studio-Album aufnehmen wirst?
Roger: Wir haben alle Songs erst kurz vor den Aufnahme-Sessions geschrieben.
RockTimes: Für "Back From Rio" hast du einige exzellente Gast-Musiker um dich versammelt. Als großer Fan von Roger McGuinn u-n-d Tom Petty würde ich zu gern wissen, gibt es Pläne für ein neues Projekt zusammen mit ihm in naher oder fernerer Zukunft? Stehst du in Kontakt mit ihm und könntest ihn eventuell überreden, wieder einmal durch Europa zu touren, um seine bereits sehnsüchtig wartenden Fans hier zu sehen? Perfekt wäre natürlich, euch zusammen zu erleben.
Roger: Roger todayAls ich letzten Oktober an der Pepperdine University in Malibu ein Konzert gab, kam Tom für ein paar Songs auf die Bühne. Ich werde später in diesem Jahr dort noch einmal spielen und Tom und ich haben Kontakt. Von daher, man kann nie wissen, was noch passieren wird.
RockTimes: Auf "Back From Rio" werden u.a. zwei in den Neunzigern auch schon gegenwärtige und typische Zeiterscheinungen behandelt. Erstens: "The Trees Are All Gone" beschäftigt sich mit dem Raubbau an Umweltresourcen. Hast du den Eindruck, die Situation hat sich seit 1990 verschlechtert, oder gibt es einen Hoffnungsschimmer zumindest bezüglich eines steigenden Verantwortungsbewusstseins der Menschen und Regierungen für die Konsequenzen der Ausbeutung von Umwelt und Natur?
Roger: Die Umwelt liegt mir sehr am Herzen und ich bin optimistisch, was die Zukunft angeht. Ich denke da an weitere neue Solar-, Wind- und Geothermal-Technologien. Wir selbst haben ein 6,4 kW System auf dem Dach unseres Hauses, das meine Elektrizitäts-Rechnung auf 0 Dollar pro Monat herunterschraubt. Außerdem bin ich der Meinung, dass auch unser Präsident solchen Inventionen sehr offen gegenüber steht.
RockTimes: In "Car Phone" prophezeist du augenzwinkernd, aber auch mit einem Körnchen Wahrheit versehen, die seltsamen Auswirkungen der Auswüchse mobiler Kommunikation, wahrscheinlich nicht ahnend wie recht du hattest, wenn man einmal die heutige Situation betrachtet, wo wir uns der Tatsache bewusst werden, dass sich die Zahl der genutzten Mobiltelefone in den letzten 7 Jahren verfünffacht hat. Beunruhigen dich solche Entwicklungen?
Roger: Acoustic on stageMobiltelefone sind eine großartige Lebenserleichterung und ich benutze sie bereits seit den Siebzigern. Mein erstes war ein riesen Aktenkoffer mit eingebautem 25-Watt VHF-2 Wege Radio! Aber ich muss natürlich dazusagen, dass ich selbstverständlich gegen den unbedachten Gebrauch der Handys beim Autofahren bin.
RockTimes: Um George Harrison zu zitieren: »Brainwashed by computer, brainwashed by mobile phones, brainwashed by the satellite, brainwashed to the bone...« sang er im Titel-Track seines letzten Albums. Man weiß, dass du ein sehr entspanntes Verhältnis zum technischen Fortschritt im Allgemeinen hast. Du bist sehr web-präsent, scheust dich nicht, durch die von Internet-Services angebotenen modernen Mittel der globalen Kommunikation wie web logging, MySpace etc. frei mit deinen Fans weltweit in Kontakt zu treten. Neben den unbestrittenen Vorteilen - siehst du auch Gefahren darin, dass Menschen zunehmend virtuelle Leben führen?
Roger: Wenn wir uns zu Sklaven dieser Dinge machen, dann ist das natürlich nicht gut. Ich liebe sie aber und bin immer sehr gespannt, welche Fortschritte noch bezüglich der Datenschnelligkeit bei Satellitentelefonen und Mobile-Computern gemacht werden.
RockTimes: Dein fantastisches, umwerfendes 12-string-play ist ein absolutes Markenzeichen von Roger McGuinn. Es ist bekannt, dass dich erstmals George Harrison für dieses Instrument begeisterte, als er es im Beatles-Film "A Hard Day's Night" spielte. Habt ihr dieses Instrument einmal zusammen gespielt, als ihr euch kennen gelernt habt. Hat er dir vielleicht sogar einige Tricks und Fertigkeiten beigebracht?
Roger: Byrds 1965George und ich haben ein paar mal zusammen gejammt, aber das war eigentlich nur zum Spaß. Ich kann mich erinnern, wie ich ihn mal gebeten hatte, ein paar ganz frühe Beatles-Sachen mit mir zu spielen und er war auch so nett, dies zu tun. Da gibt es ein Foto von uns beiden im Internet, wie wir die 12-saitige Rickenbacker in der Hand halten, die er in "A Hard Day's Night" spielte.
RockTimes: Du spielst alles von 5, 6, 7 bis zu den besagten 12 Saiten. Hast du jemals eine Ukulele gespielt? Inspiriert vielleicht ebenso durch George Harrison? Ich habe gelesen, dass er sie nicht nur sammelte und leidenschaftlich gern spielte, sondern auch mal Freunden eine schenkte. Oder ist die 12-Saitige am Ende doch deine Lieblings-Gitarre, abhängig natürlich davon, welche Art Song du spielst?
Roger: Meine derzeitige Lieblings-Gitarre ist meine Martin HD-7. Ich half Martin, dieses Modell zu entwerfen und es verfügt über eine zusätzliche G-Saite, die dabei hilft, sich dem Sound einer 12-saitigen anzunähern und dennoch die Flexibilität einer 6-saitigen beibehält. Fotos dieser Gitarre gibt es hier zu sehen.
RockTimes: Soweit ich weiß, gibt es nur Wenige im Pop-Business, die mit der 12-string 'arbeiten'. Ich erinnere mich - und vielleicht du auch - dass Leo Kottke einmal im Rockpalast eine fantastische 12-saitige Version von "Eight Miles High" spielte. Hast du einen Favoriten unter den Meistern dieses wunderbaren Instruments?
Roger: Byrds with GramLeo Kottke ist ein wundervoller 12-string-Gitarrist. Ebenso liebe ich die Sachen von Pete Seeger.
RockTimes: Dein elektrischer und elektrisierender Folk Rock mit den Byrds wird immer noch Generation für Generation mit Begeisterung neu entdeckt. Hast du eine Erklärung für die fortwährende Präsenz - speziell auch eurer - in den Mitt- und Spätsechzigern entstandenen Musik? Für mich besteht das Geheimnis, glaube ich, in einer besonderen Form von Authentizität, die bis heute schlicht unerreicht ist. Erscheinen Menschen heute weniger authentisch?
Roger: Der sogenannte 'Jingle Jangle'-Sound ist eine Kombination aus Banjozupfen und Folk-Gitarre. Ich würde sagen, dass es die Folk-Wurzeln sind, die diese Geschichte so zeitlos machen.
RockTimes: In einem Statement von Paul McCartney las ich, dass er Mitgefühl habe mit jungen Leuten, die heutzutage echte, herzempfundene Musik machen wollen, weil es sehr schwer sei, etwas wirklich grundlegend Neues zu erschaffen, das nicht doch in irgendeiner Form bereits zuvor geschrieben wurde. Nur eine Melodie zu finden, die nicht in irgendeiner ähnlichen Weise schon einmal komponiert wurde, sei fast unmöglich. Stimmst du ihm zu?
Roger: Roger, Rio-PicJa, Paul hat das gut auf den Punkt gebracht. Dennoch gibt es endlose Variations-Möglichkeiten all dieser bekannten Melodien. In der Country-Musik macht sich darüber niemand Gedanken. Die benutzen dieselben vier oder fünf Melodien immer und immer wieder. (lächelt)
RockTimes: Joe Boyd, bekannter Produzent englischer Folk-Music in den Sechzigern, äußerte in seinen kürzlich erschienenen Lebens-Erinnerungen "White Bicycles", dass er ernste Bedenken hege gegenüber der ausschließlichen Verbreitung von Musik über das Internet. Die dadurch beträchtlich eingeschränkte Fähigkeit, des wie früher möglichen natürlichen, genauer gesagt, physischen Kennenlernens von Songs, Alben und Künstlern, birgt seiner Ansicht nach die Gefahr eines unumkehrbaren Verlustes der lebendigen Wahrnehmung von Musik. Teilst du diese Meinung?
Roger: Diese Meinung erscheint mir schon ein bisschen pedantisch und technophobisch. Ich sehe das Internet als das 'neue Radio'.
RockTimes: Und anders herum gefragt: Denkst du, dass die heutigen technischen Möglichkeiten, synthetische Computersounds und die digitale Revolution überhaupt - bis zu einem bestimmten Grad zumindest - Krea