Ali Neander feat. Hellmut Hattler / Same
Ali Neander feat. Hellmut Hattler Spielzeit: 62:26
Medium: CD
Label: ESC Records, 2010
Stil: Jazz Rock

Review vom 28.11.2010


Steve Braun
Jazz Rock ist ein merkwürdiges Genre. Zwischen Gehirnwindungen verwickelndem Zeugs bis zur berüchtigten Fahrstuhlmusik ist alles vertreten. Und er hat die merkwürdigsten Fans... Als ich in den trostlosen 1980er Jahren des verflossenen Jahrtausends Zuflucht im Jazz Rock suchte, nahm ich mit großem Erstaunen zur Kenntnis, welch erbitternde Glaubenskriege in Fankreisen geführt wurden. Die Verfechter der 'reinen Lehre' ätzten gegen jede Aufweichungen der klaren Kanten. Selbst schuld, denn warum musste ich mir ausgerechnet Pat Methenys "Full Circle" als Seiteneinstieg aussuchen? Für diese Fundamentalisten war das nichts anderes als 'Jazz Pop'...
Dummerweise mag ich's eben gern 'cremig' und Ali Neanders erste Solo-Scheibe umschmeichelt meine Ohren genauso, wie ich das brauche. An den richtigen Stellen mitreißend rasant, dann wieder atmosphärisch-dicht, bis hin zu fetten Grooves - alles vertreten. Ali präsentiert sich erfrischend 'unideologisch' - man merkt genau, dass hier einer mit Herzblut komponiert hat.
Als kongenialen Partner hat er eine deutsche Basslegende, Kraans Hellmut Hattler, gewinnen können, der in einzigartig charakteristischer Weise für den tiefen Ton sorgt. Mit dem erst fünfundzwanzig Jahre jungen Moritz Müller hat er ein riesiges Talent am Schlagzeug sitzen, von dem noch viel zu hören sein wird. Als einen ganz besonderen Coup kann man es bezeichnen, dass er den großen Paul McCandless, bekannt durch die erfolgreiche Jazz-Formation Oregon, für die Aufnahmen gewinnen konnte. Dieser bläst auf sehr einfühlsame Weise seine Oboe ebenso wie sein Sopran-Sax. Zu guter Letzt veredelt ein weiterer 'Kraaner', Ingo Bischof, zwei Songs mit seinen Keyboards.
Ali Neander ist ein vielseitiger Musiker. Am bekanntesten dürfte er als (heimlicher!) Kopf der Rodgau Monotones geworden sein. Auch in kommerzielleren Gefilden ist er ein gefragter Mann - Edo Zanki, Xavier Naidoo und Sabrina Setlur werden dies bestätigen können. Beim Hören seines ersten Solo-Albums kann man sich des Eindrucks nicht entziehen, dass sich hier einer einen ganz persönlichen Traum erfüllt hat.
Mit einem vertrackten 7/8 Takt schlägt "Seventh Sense" ein und Ali überrascht mit unerwarteten Keyboard-Künsten. Der Vibraphon-Sound wie auch die gesamte Struktur des Tracks erinnern an Mike Manieri und die von mir vergötterten Steps Ahead. Böser Hund! - mit "Lassie Gone Bad" drückt erstmals Hattler seinen kompositorischen Stempel auf das Album. Eine seelenvolle Gitarre trifft auf einen einfühlsamen Bass. "Lobanda Walz" ist ein Wiegenlied für Alis Tochter - entstanden auf der Trauminsel Gomera. Sehr schön sind hier die Dialoge zwischen Paul McCandless' Sopran Sax und Alis Gitarre.
"Sweet Confusion" hält was es verspricht. Vertrackt verschachtelte Passagen erinnern an die Großtaten von Wheater Report und eines Jaco Pastorius auf Solopfaden. 'Die Rückkehr des langhoorischen Gammlers' - pardon, "The Return Of The Folkhair Rebel" veranlasste mich spontan, ein lange verstaubtes Vinyl auszugraben: Die singende Gitarre eines Janne Schaffer ist zu hören. Die flotte Nummer glänzt obendrein mit knurrigen Hattler-Bässen, die der Meister mit feinen Läufen auflockert, und Solo-Duellen zwischen Ali und Keyboard-Veteran Ingo Bischof.
In "Spread Your Left Wing", ein funky Track mit einem irren Groove, gibt Ali - wie er im Booklet schreibt - dem amerikanischen Fusion-Gitarristen Bill Conners die Ehre. Dieser hat für keine Geringeren als Return To Forever und Jan Garbarek in die Saiten gegriffen. Das herrlich 'verschraubte' "Celestial Terrestrial Commuters" entpuppt sich als John McLaughlin-Cover. "Winterlude" - gemeinsam mit Paul McCandless komponiert - leitet auf einen meiner Lieblingssongs dieser Scheibe, "The Interior", über. Ali nennt es scherzhafter Weise ein 'Ambient-Noise-Downbeat-Indie-Rock-Fusion-Something'... er hat 'oriental' vergessen.
Candless' Oboe erzählt in "Valley View 35" eine wundersame Geschichte. Traumhaft ist der sphärisch-schwebende 'Refrain', der sich erfreulicherweise häufig durch den Song zieht... ich sage nur: hohes Suchtpotenzial! "Fejoada" kommt mit südamerikanischer Rhythmik daher - glänzen darf hier vor allen Dingen Drummer Moritz Müller. "Positively No Stairway To Heaven" nimmt die Eingangspassage des Led Zeppelin-Klassikers auf und spinnt sie in einen flotten Samba um. Das schwerblütige "Last Train Home" beschließt - erneut an die Steps Ahead erinnernd - Alis erstes Solo-Album. Das Saxophone erinnert frappierend an die 'Gieskannen'-Legende Michael Brecker - hier hat Paul McCandless erneut ganze Arbeit geleistet.
Ali Neander ist in Kooperation mit Hellmut Hattler ein souverän entspanntes, unprätentiöses Debüt-Album als Jazz-Rocker gelungen. Man kann hier nur eine absolute Kaufempfehlung aussprechen.
Im Februar geht das Ali Neander Project mit Hattler auf Tour - beachtet dazu unsere Tourdaten. Man kann sich auf die Live-Präsentation dieser Scheibe nur freuen!
Line-up:
Ali Neander (guitars, keyboards, programming)
Hellmut Hattler (bass)
Moritz Müller (drums)
Paul McCandless (oboe, soprano saxophone)
Gäste:
Ingo Bischof (keyboards - #4, 6)
Frowin Ickler (bass - #14)
Ollie Rubow (drums - #13)
Tracklist
01:Seventh Sense (4:44)
02:Lassie Gone Bad (4:37)
03:Lobanda Walz (5:08)
04:Sweet Confusion (5:02)
05:Flies (1:40)
06:Return Of The Folkhair Rebel (4:24)
07:Spread Your Left Wing (5:52)
08:Celestial Terrestrial Commuters (3:54)
09:Winterlude (1:51)
10:The Interior (4:19)
11:Valley View 35 (5:02)
12:Fejoada (4:43)
13:Positively No Stairway To Heaven (5:41)
14:Last Train Home (5:19)
Externe Links: