Nefacio / Live in Neuss
Live in Neuss Spielzeit: 60:10
Medium: CD
Label: Hardy Entertainment (Al!ve), 2013
Stil: Rock

Review vom 21.11.2013


Sabine Feickert
»Viele Menschen haben den Traum etwas Einzigartiges zu schaffen, aber weil neue Wege oftmals viel steiniger sind als ausgetrampelte Pfade, tut man sich schwer, diese zu verlassen. Mir ging es ebenso!« schreibt Wolf 'Baba' Hail über sein Projekt Nefacio. Der Interessentenkreis für "Live in Neuss" dürfte demzufolge vermutlich überschaubar sein.
»Willst du erfolgreich sein, dann mach Musik, die in Genres passt, willst du Spaß haben, dann mach welche, die genau das nicht tut.« so meinte (sinngemäß) Sam Kelly, Drummer der Souldiggers, den wir letztens mit Geoff Achison (und jeder Menge Spaß) im Ducsaal erleben durften.
Nimmt man das Genregrenzen-Überschreiten als Spaßfaktor, dürfte Baba Hail demnächst statt Gage vermutlich Vergnügungssteuerbescheide kriegen, denn wie er bei "Live in Neuss" zwischen allen Schubladen hin- und herwechselt, sucht seinesgleichen. Obwohl... was heißt hin- und herwechselt? Was er macht, ist so ungewöhnlich, dass es meines Wissens keine auch nur annähernd irgendwie passende Schublade dafür geben könnte.
Das Nefacio-Projekt des Wolf 'Baba' Hail hat sich uns schon mit dem Debüt lauf! vorgestellt. Das, was dort von Baba im Studio eingespielt wurde, wird auf "Live in Neuss" nun durch Gastmusiker bereichert. Baba hat sein Songmaterial auf ein absolutes Minimum an Instrumentierung reduziert und zeigt auf diesem Silberling ein paar der Möglichkeiten, die darin stecken. "Live in Neuss" erbringt den Beweis, dass das Konzept, das Songmaterial auf Bass, Schlagzeug und Gesang zu reduzieren, live funktioniert. Aber auch mit zusätzlichen Instrumenten machen die Songs mächtig was her. Die Aufnahmen wurden 2012/2013 bei vier Konzerten in zwei Neusser Locations (Stiftskeller und Greyhound Pier 1) mit unterschiedlichen Besetzungen aufgezeichnet. Die ersten drei Lieder sind als Rock-Trio mit Andi Breitwieser an den Drums und Oliver Schneiß an der Gitarre eingespielt. Andi darf wohl als bewährter Partner gelten, mit ihm ist Baba auch als Duo, das die Songs sieben bis neun vorstellt, aktiv. Oliver (DIEOHR, Rock & Rosen) war bei den Aufnahmen zum ersten Mal mit Nefacio auf der Bühne, bringt seinen Part aber sehr souverän rüber.
Die goldene Mitte der Scheibe gehört dem Medieval-Trio mit Christian 'Hardy' Hadersdorfer an Flöte, Drehleier und Dudelsack und keinem geringeren als Manni von Bohr, der in den Siebzigern bei Birth Control und Message trommelte, aktuell u. a. mit Randy Hansen und Ufo Walter tourt. Den Abschluss macht Baba dann allein mit seinem Bass, mit dem er seine wirklich ungewöhnliche Spielweise voll präsentieren kann. Es bescherte mir bei seiner "Hymne" erstmal Fragezeichen überm Kopf. Da blubbert der Bass maultrommelmäßig vor sich hin und spielt gleichzeitig noch ein Melodiechen dazu, während der Baba, der das alles allein meistert, auch noch kräftig dazu röhrt. Das hört man nur, wenn man wirklich hinhört, aber genau das lohnt sich auf der gesamten Scheibe. Vieles klingt erstmal nicht wirklich spektakulär im Zeitalter der Effekte und Samplings, doch so minimalistisch handgemacht macht die CD mich irre neugierig, mir das mal live anzuschauen und zwar sehr genau.
Fangen wir am Anfang der CD an - "Villeman og magnhild" - okay, das ist auf den ersten Blick nichts wirklich Neues. Gehört das norwegische Traditional doch ins mehr oder weniger feste Sortiment diverser Mittelalterbands, allen voran In Extremo. Auffällig ist hier bei Nefacio erstmal höchstens die für dieses Umfeld kleine Besetzung mit Bass, Schlagzeug und E-Gitarre. Keine Dudelsäcke und sonstiges mittelalterliches Instrumentarium aber trotzdem kommt die Nummer erstaunlich rund und voluminös rüber. Die Bassdrum schlägt als Herz des Songs und unterstützt und trägt Babas rauen und brüchigen Gesang als Grundlage der Nummer. Der Bass steigt mit ein und verstärkt mit den restlichen Trommeln das Feeling, auch Olivers Gitarre fügt sich nahtlos ein.
"Nie mehr" eröffnet den Reigen der Eigenkompositionen, die auf "lauf!" in die Gesamtgeschichte um den Spielmann Barbas eingebettet sind. Da trifft der Moritatensänger mit bluesigem, rockigem und ein bisschen funkigem Groove zusammen und wenn ich ganz genau hinhöre, glaube ich sogar hier und da was ganz leicht Angejazztes aus der Schießbude zu vernehmen.
Aus der Medieval-Trio-Mitte picke ich mir einen weiteren traditionellen Mittelaltersong raus - "Ai vis lo lop", dem 'Hardy' mit Flötentönen einen folkigen Touch verleiht. Manni von Bohr lässt dazu mit seinem Schlagzeugspiel und vor allem beim Solo einen Hauch von krautigem Sweet Smoke aufsteigen. Klingt ziemlich zusammengewürfelt? Beim Lesen vielleicht schon, beim Hören dagegen hochspannend. Hört euch mal den Anfang von "Der Weg" an, was da Bass und Schlagzeug im Zusammenspiel bringen ist schon eine Klasse für sich!!
Das Duo (Baba und Andi) hat sich zum "Kerkerblues" als Gast den Gitarristen Pino, der im übrigen das Album aufgenommen, gemischt und gemastert hat, in die Zelle geholt. Doch auch zu zweit können sie's. "Poc Vecem" - eine weitere typische Mittelalternummer, die jeder kennt, der in dem Genre mal die Lauscher aufgeklappt hat - verblüfft mich erneut, weil sie so 'vollständig' klingt. Nur Bass, Schlagzeug und Gesang, aber es fehlt nix. Zu guter Letzt noch Baba alleine mit "Irgendwo" und der oben schon besprochenen "Hymne", bei denen das ungewöhnliche Bassspiel, auf dem ebenso ungewöhnlichen Bass, nochmal ganz besonders gut zum Ausdruck kommt.
Nefacio ist ein Projekt, das sich entwickelt. Ich denke, diese Aufnahmen können nur einen ganz kleinen Einblick in das geben, was live daraus entsteht, bei jedem Auftritt und in jeder Besetzung immer wieder neu und anders.
»Ich hatte die Vision von einer Band, die durch wechselnde Musiker immer wieder neue Impulse erhält. Die Geschichte dient als roter Faden, allerdings wird sie während der Auftritte nicht chronologisch erzählt und mit neu arrangierten historischem Liedgut ergänzt«, so schreibt Baba weiter. Gerade bei diesen Liveaufnahmen wird deutlich, wie gut es diesem Konzept bekommt, wenn musikalische Einflüsse aus so unterschiedlichen Genres sich treffen. Die beteiligten Musiker bringen vielfältigste Erfahrungen und Vorlieben ein.
Auch nichts wirklich Neues, wenn man dabei an die lange Tradition der Jamsessions denkt. Doch eingebettet in eine solche Geschichte wie die des Spielmannes Barbas und dann auch noch mit einer so starken Reduktion und Konzentration auf das, was gemeinhin als Rhythmusfraktion agiert? Ich wüsste nichts Vergleichbares. Gerade das macht dieses Projekt so spannend - zumindest für die wohl überschaubar bleibende Zielgruppe der Musikfreaks, die sich gern auf unbekannte Wege locken lassen. RockTimes-Leser zum Beispiel...
Line-up:
Wolf 'Baba' Hail (Gesang, Bass)
Andi Breitwieser (Schlagzeug - #1-3,7-9)
Oliver Schneiß (Gitarre - #1-3)
Manni von Bohr (Schlagzeug - #4-6)
Christian 'Hardy' Hadersdorfer (Flöte, Drehleier, Dudelsack - #4-6)
Pino (Kerkerbluesgitarre - #9)
Tracklist
Rock Trio
01:Villeman og magnhild
02:Nie mehr
03:Lauf
Medieval-Trio
04:Frei sein
05:Ai vis lo lop
06:Der Weg
Duo
07:Poc Vecem
08:Des Geyers schwarzer Haufen
09:Kerkerblues
Baba alleine
10:Irgendwo
11:Hymne
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