Iggy Pop / American Caesar
American Caesar Spielzeit: 75:56
Medium: CD
Label: Virgin Rec (EMI), 1993
Stil: Punk Rock


Review vom 04.01.2010


Jens Müller
An einem kühlen Winterabend, Ende 1993 war es soweit. Ich konnte endlich Iggy Pop live erleben. Leider haben es mir widrige Umstände, wie zum Beispiel bezahlte Arbeit oder (zu) weit entfernte Auftrittsorte des Meisters seitdem verwehrt, nochmals in den Genuss eines seiner energiegeladenen Konzerte zu gelangen.
Was bleibt ist die Erinnerung an einen tollen Auftritt sowie die CD "American Caesar", welche der Tournee damals ihren Namen gab. Für mich persönlich ein absolutes Highlight im (Solo) Schaffen des Ex- Stooges Sängers. Ein wie ich finde außergewöhnlich abwechslungsreiches Album und genau das macht den Reiz an dieser CD aus.
Den Titel des ultimativen Punk-Papstes hatte er m. E. schon vor vielen, vielen Jahren abgelegt. Denn seit den Stooges hat Iggy Pop schon immer recht vielfältige Alben aufgenommen, inkl. der mehr oder weniger gelungenen Zusammenarbeit mit David Bowie. Die Soloalben der 1970er und besonders der 1980er waren eher geprägt von eingängigen Melodien mit gelegentlichem Hitcharakter ("The Passenger"), etwas Elektronik oder auch mal einem (sehr gelungenen) Duett mit einer der Sängerinnen der B-52's.
Aber dann kam das Jahr 1993 und alles war auf einmal anders!
Iggys Haar war lang und er war wieder richtig böse! Und das hinterließ seine Spuren auf "American Caesar". Musikalisch und textlich. Sogar das schwarz/weiß-Cover macht keinen besonders harmonischen Eindruck (...sieht zum Fürchten aus!)
Vielleicht war es der Einfluss des gerade boomenden Grunge oder der Indie-/Alternative-Bewegung, welcher Iggy und seine Band wieder sehr gitarrenorientiert agieren lies. "Wild America" (Gast: Henry Rollins), "Plastic & Concrete", "Sickness", "Boogie Boy" und der immergrüne "Louie Louie" seien exemplarisch genannt. Der Schlussteil von "Hate" erinnert mich sogar ein wenig an die ausschweifenden Klangeskapaden der Noisekünstler Sonic Youth. Dazwischen gibt es aber auch immer wieder versöhnliche Songs. Zum Beispiel das fast schon liebliche "It's Our Love", welches im krassen Übergang auf besagtes "Hate" folgt.
Auch der fast schon fröhliche "Highway Song" oder "Beside You", geschrieben von Steve Jones (Ex-Sex Pistols) lockern die vorherrschend doch etwas düstere Atmosphäre auf. In "F...in' Alone" versucht sich Iggy sogar an einer Art Sprechgesang - kann man mit gutem Willen auch Rap nennen. Und in "Caesar" rezitiert er seinen Text über einem stoischen Gitarrenriff und allerlei Nebengeräuschen im Hintergrund - und das über ganze sieben Minuten!
Ja, es gibt viel zu entdecken auf "American Caesar". Das ist wohl auch der Grund, weswegen ich diese CD seit 17 Jahren in mehr oder weniger großen Abständen, aber immer mit großem Vergnügen in den Playerschacht gleiten lasse. Nicht unerwähnt sollte auch bleiben, dass der Löwenanteil der Kompositionen allein auf die Kappe des kleinen, drahtigen Sängers selbst geht. Zu "Wild America" gab es auch mal ein Video, welches damals in den goldenen Zeiten des Musikfernsehens regelmäßig auf MTV gezeigt wurde. Lang, lang ist's her
Später hat sich Iggy Pop meiner Meinung nach nur noch mittelmäßig zwischen Rock ("Naughty Little Doggie"), so einer Art Chanson ("Avenue B") und Stooges-Reunion verfangen. Highlights habe ich da leider vermisst. Aber zum Glück gibt es ja "American Caesar". Hört es euch an, es lohnt sich wirklich. Und ganz wichtig: Texte lesen!
Tracklist
01:Character (1:07)
02:Wild America (5:52)
03:Mixin' The Colors (4:49)
04:Jealousy (6:04)
05:Hate (6:56)
06:It's Our Love (4:09)
07:Plastic & Concrete (2:55)
08:F...in' Alone (4:56)
09:Highway Song (3:44)
10:Beside You (4:29)
11:Sickness (3:15)
12:Boogie Boy (4:53)
13:Perforation Problems (3:15)
14:Social Life (4:12)
15:Louie Louie (3:47)
16:Caesar (7:09)
17:Girls Of N.Y. (4:16)
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