Pantera / Cowboys From Hell
(20th Anniversary Deluxe Edition)
Cowboys From Hell (20th Anniversary Deluxe Edition) Spielzeit: 57:43 (CD 1), 62:41 (CD 2), 53:23 (CD 3)
Medium: CD-Box
Label: Rhino/Warner, 2010 (1990)
Stil: Thrash Metal


Review vom 08.11.2010


Moritz Alves
Meine erste Begegnung mit "Cowboys From Hell" (1990) liegt etwa zehn Jahre zurück. Damals entdeckte ich dieses Ausnahme-Album in der Stadtbibliothek meiner Heimatstadt - von Pantera hatte ich damals noch nie etwas gehört, war ich derzeit doch sehr auf Punk Rock fokussiert. Aber der sehr vage an Metallica erinnernde Bandschriftzug (große Anfangs- und Endbuchstaben) und der markige Albumtitel weckten mein Interesse - dieses Album musste ein ordentliches Metal-Brett seinů
Da jene Bibliothek kurze Zeit vorher schon Slayers "Divine Intervention" (1994) in meine jungfräulichen Ohren eindringen ließ, versuchte ich kurzerhand mein Glück und nahm die schon reichlich ramponierte Silberscheibe mit nach Hause, wo ich dann sogleich vom mächtigen Einstiegsriff des Openers und Titeltracks weggeblasen wurde. Heidewitzka, das war aber ein brutaler Sound! So etwas Technisches und zugleich Rabiates war bis dato kaum an mein Ohr gedrungen!
Eine (Raub-) Kopie auf Kassette später war mir dann klar, dass diese fast 60 Minuten Metal meinen Musikgeschmack nachhaltig prägen sollten: Pantera halten mich seitdem fest in ihrem Bann und sind in meinen Ohren zu einer der wichtigsten Metal-Bands überhaupt geworden. Ja, wenn die Sprache auf harte, kompromisslose Musik kommt, dann sind die vier Jungs aus Texas meine erste Wahl. Diese Truppe hat mich zeit ihrer kommerziell erfolgreichen Karriere nie enttäuscht und muss rückblickend zudem wohl als die Combo angesehen werden, die dem Metal in den öden Neunzigern durch einen kräftigen Arschtritt selbigen gerettet hat. Okay, die volle Wucht dieses Tritts entfaltete sich dann erst mit dem Release vom Nachfolger "Vulgar Display Of Power" (1992), aber "Cowboys From Hell" war die Initialzündung, mit der Philip Hansen 'Phil' Anselmo, Rex Robert 'Rocker' Brown sowie die Brüder 'Dimebag' Darrell Lance Abbott (1966-2004) und Vincent 'Vinnie' Paul Abbott begannen, alteingefahrene Metal-Strukturen gehörig umzukrempeln.
Zahlreiche Bands und Musiker wurden Anfang des Jahrzehnts vom Pantera-Sound und -Image derartig aufgemischt, dass sie sich stilistisch neu orientierten. (Beispielsweise wird Rob Halford nachgesagt, seine Band Fight aufgrund der Texaner ins Leben gerufen zu haben und
Judas Priest nach der "Painkiller"-Konzertreise - wo Pantera übrigens im Vorprogramm rockten - den Rücken zu kehren.) Zudem inspirierte der brachiale Mix aus Thrash Metal und Hardcore, wie er auf "Vulgar Display Of Power" perfektioniert wurde, eine ganze Reihe von jungen Bands, so dass Pantera auch als Urväter von Genres wie Neo Thrash oder Metalcore gesehen werden müssen. Diese Spielarten wurden von ihnen maßgeblich geprägt.
Box SetDie Texaner revolutionierten damals also eine ganze Szene, so dass 20 Jahre später ihr bahnbrechendes Major-Debüt "Cowboys From Hell" zu Recht in einer dicken Jubiläumsauflage (Doppel- bzw. Dreifach-CD-Ausgabe oder ein amtliches Box-Set inklusive vielen Gimmicks) gewürdigt wird und nun spätestens auch all diejenigen aufrütteln sollte, die diese Scheibe noch immer nicht im Regal stehen haben. Wer von Extrem-Metal spricht, muss nämlich unbedingt auch Pantera sagen und sollte ansonsten doch einfach die Schnauze halten.
Dabei waren die Achtziger für Pantera eine weichgespülte, fruchtlose, ja geradezu uninspirierte Dekade. Als Glam-/Power Metal-Combo gestartet, dümpelte man mit wechselnden Sängern irgendwo im musikalischen Nirgendwo herum, welches man erst durch die Verpflichtung von Phil Anselmo und dem Album "Power Metal" (1988) so langsam verlassen sollte. Anselmos raue Ausstrahlung führte auch dazu, dass sich die Band mit dem Dekadenwechsel einem neuen Soundgewand verschrieb und ihrer Vergangenheit durch "Cowboys From Hell" eine schallende Ohrfeige verpasste. Auch wenn sich der ganz große Erfolg bekanntlich erst mit dem kompromisslosen "Vulgar Display Of Power" sowie dem ultrabrutalen "Far Beyond Driven" einstellen sollte, das 1994 als erstes Extrem-Metal-Album überhaupt Platz #1 der Billboard-Charts erreichte, so muss "Cowboys From Hell" als Basis für diese Entwicklung besondere Würdigung zuteilwerden - Pantera waren plötzlich die härteste Band von allen!
Songs wie der saustarke Titeltrack (eine Outlaw-Hymne vor dem Herrn), das minimalistisch groovende "Primal Concrete Sledge", "Psycho Holiday" oder "Cemetery Gates" (Überballade für echte Männer mit Gitarrenarbeit zum Niederknien und göttlichem Gesang), aber auch "Domination" (Nackenbrecher mit vielen Drum-Akzenten), das schnell-giftige "Shattered" (Anselmo mit Kopfstimme), der schleppend-groovende Wutbrocken "Message In Blood", die Halbballade "The Sleep" (halbakustisch) oder der fette Rausschmeißer "The Art Of Shredding" dürfen in keiner Plattensammlung fehlen - "Cowboys From Hell" enthält im Grunde ausschließlich Ausrufezeichen in Sachen Metal!
Das ultra-tighte Zusammenspiel der Rhythmus-Sektion Rex Brown/Vinnie Paul, der trockene Sound von Dimebag Darrell (der sich damals noch Diamond Darell nannte), einem der letzten Gitarrenhelden des Metal, und der vor Attitüde nur so strotzende Phil Anselmo sind bis heute unerreicht und machten Pantera zur bedeutendsten Metal-Band der Neunziger.
Die mir vorliegende "20th Anniversary Deluxe Edition" von "Cowboys From Hell" ist als 3CD-Set vollgestopft mit solch bahnbrechendem Sound. Neben dem regulären Studioalbum von 1990 enthält sie eine Live-CD sowie einen Silberling mit Demo-Versionen, darunter der bislang unveröffentlichte Track "The Will To Survive", ein Überbleibsel aus den damaligen Studio-Sessions. Dieser Song ist somit die einzig echte Neuheit für beinharte Fans, ist aber unterm Strich nichts, was man nun unbedingt vermisst hätte. Zu sehr erinnert die Nummer durch ihre traditionelle Ausrichtung an Panteras Achtziger-Anfangszeiten und es wundert deshalb kaum, dass man ihn damals lieber vom Album ferngehalten hat - er hätte schlicht und einfach nicht wirklich ins Konzept gepasst. Dennoch: zur Vervollständigung der Sammlung ist er eine nette Sache. Die restlichen Demos weichen mal mehr, mal weniger von den fertigen Studioversionen ab (besonders auffällig sind die abweichenden Lyrics bei "Message In Blood") und sind somit als ungeschliffene Metal-Diamanten für Pantera-Maniacs echte Raritäten-Schätzchen.
Bei den Live-Aufnahmen handelt es sich um zwei Konzertmitschnitte: Zum einen wird der Hörer mit einer Show Los Angeles gefüttert (aufgenommen am 15. September 1990 im Sheraton Plaza La Reina), zum anderen bekommt man den legendären 1991er Auftritt vom Monsters Of Rock in Moskau auf die Lauscher, den man sich - sofern noch nicht bekannt - unbedingt mal auf einschlägigen Video-Plattformen zu Gemüte führen sollte und der außerdem schon in Form der "Alive And Hostile E.P." (1994) veröffentlicht worden ist. Die russischen Fans konnten damals, kurz nach Öffnung des Eisernen Vorhangs, solch eine Metal-Brachialgewalt immerhin zum allerersten Mal erleben und reagieren entsprechen euphorisch. Trotz aller Freude über diese Live-Vollbedienung ist es doch etwas schade, dass man viele Songs doppelt zu hören bekommt - allerdings enthält das Original-Album ja auch nur zwölf Titel.
Schön und wichtig ist aber auf alle Fälle der Kontrast von den an sich schon brutalen Studioversionen zu ihrer noch roheren Live-Umsetzung - man kann sich in den heimischen vier Wänden somit gut in die kochend-wilden Pantera-Shows hineinversetzen. Die Unverfälschtheit der Konzertmitschnitte erscheint einem übrigens besonders wertvoll, wenn man den überarbeiteten Sound des Original-Albums zu hören bekommt: Hier sind die Verantwortlichen nämlich leider ein gutes Stück übers Ziel hinausgeschossen, denn der Becken-Sound schmerzt insbesondere bei den ersten Tracks ziemlich in den Gehörgängen - und da Schlagwerker Vinnie Paul exzessiv auf das Metall eindrischt, wird einem das Remastering umso deutlicher bewusst. Hier wurde ein grundsätzlich schon perfekter Klang leider unnatürlich aufgemöbelt, so dass das Hörvergnügen gehörig auf der Strecke bleibt. Schade! Daher empfehle ich Pantera-Neulingen, die an dem ganzen Bonus-Zeug möglicherweise ohnehin nicht wirklich interessiert sind, doch lieber die (auch deutlich preiswertere) "Cowboys From Hell"-Originalausgabe.
Sechs Jahre nach der grauenvollen Ermordung von Gitarrist und Sympathikus Dimebag Darrell (wurde am 08. Dezember 2004 in Columbus, Ohio auf der Bühne erschossen) ist "Cowboys From Hell" in der neuen Geburtstagsausgabe in jedem Fall eine würdige Erinnerung an das Schaffen dieses unglaublichen Musikers und seiner großartigen Band! Wer mit den Abstrichen im Sound keine Probleme hat, der bekommt hier auf drei Silberlingen einen Rundumschlag von insgesamt 35 Songs auf die Ohren - und davon sogar 23, die man nicht alle Tage auf irgendwelchen Tonträgern finden kann. "Cowboys From Hell" und sein unsterbliches Liedgut ist 20 Jahre nach Erstveröffentlichung zu einem wahren Klassiker der harten Musik herangereift, was hier auf einer Länge von beachtlichen 173 Minuten und 47 Sekunden Spielzeit eindrucksvoll unterstrichen wird.
Line-up:
Philip Anselmo (lead vocals)
Diamond Darrell (guitar, backing vocals)
Rex (bass, backing vocals)
Vinnie Paul (drums)
Tracklist
CD 1: The Original Album
01:Cowboys From Hell (4:06)
02:Primal Concrete Sledge (2:13)
03:Psycho Holiday (5:19)
04:Heresy (4:47)
05:Cemetery Gates (7:03)
06:Domination (5:04)
07:Shattered (3:21)
08:Clash With Reality (5:17)
09:Medicine Man (5:15)
10:Message In Blood (5:15)
11:The Sleep (5:47)
12:The Art Of Shredding (4:18)
CD 2: Live
01:Domination [Los Angeles] (5:05)
02:Psycho Holiday [Los Angeles] (5:00)
03:The Art Of Shredding [Los Angeles] (4:08)
04:Cowboys From Hell [Los Angeles] (4:10)
05:Cemetery Gates [Los Angeles] (5:21)
06:Primal Concrete Sledge [Los Angeles] (3:00)
07:Heresy [Los Angeles] (4:45)
08:Domination [Moscow] (6:27)
09:Primal Concrete Sledge [Moscow] (3:52)
10:Cowboys From Hell [Moscow] (4:16)
11:Heresy [Moscow] (4:58)
12:Psycho Holiday [Moscow] (6:05)
CD 3: Demos
01:The Will To Survive (4:16)
02:Shattered (3:28)
03:Cowboys From Hell (4:18)
04:Heresy (4:51)
05:Cemetery Gates (5:35)
06:Psycho Holiday (5:24)
07:Medicine Man (5:08)
08:Message In Blood (5:06)
09:Domination (5:00)
10:The Sleep (6:01)
11:The Art Of Shredding (4:24)
 
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