Parzival / Legend
Legend Spielzeit: 38:39
Medium: LP
Label: Sireena Records, 2011 (1971)
Stil: Krautrock


Review vom 17.02.2011


Markus Kerren
Aaaah, Vinyl! Was für ein Gefühl, mal wieder ein brandneues Album in den Händen zu halten, das dazu im Klapp-Cover kommt. Und dann die ganzen Flashbacks, die vor dem geistigen Auge auftauchen Man findet sämtliche Infos umgehend und kann sie auch noch bequem und ohne Vergrößerungs-Glas lesen. Sireena Records bringen nun seit einiger Zeit erlesene alte Schätze wieder im LP-Format auf den Markt, denn die Nachfragen bezüglich der guten alten Schallplatte scheinen nach wie vor einfach nicht zu versiegen. Gut so!
Aber kommen wir zur Musik: Die Geschichte von Parzival geht bis ins Jahr 1965 zurück, als die beiden Musiker Lothar Siems und Thomas Olivier in Bremen die Band Chamberlains gründeten. Es folgten weitere Combos mit unterschiedlichen Musikern, bis 1970 schließlich zusammen mit Walter Quintus das Trio Parzival gegründet wurde. Etwa ein Jahr später wurden die Musiker von der Produzenten-Legende Conny Planck unter Vertrag genommen und im Spätsommer 1971 verbrachte die Truppe dann drei Wochen in den Hamburger Star Musik Studios, um ihr Debüt "Legend" einzuspielen. Verstärkung war durch Matthias Müller-Menckens (Flöte, Piano), Hans Jaspers (Viola) und Joachim Reichhold (Cello) mit an Bord.
Parzival hatten einen sehr eigenständigen Stil am Start, der selbst aus den anderen Bands der damaligen deutschen Progressive-Szene heraus stach. Da ist von rockigen Passagen, Folkigem, klassischen Einschüben über Jazz bis Psychedelic alles vertreten. "Marshy Legend" verbreitet durch einen warmen Orgel-Sound und die klasse Flöte direkt ein wohliges Gefühl. Der ziemlich straight vorgetragene Gesang und die relativ harte Rhythmus-Gitarre sorgen für die rockigen Einflüsse. "Resignation" ist dagegen wesentlich sanfter und punktet mit einem super Viola-Solo. Richtig geil ist hier auch der Bass, der neben einem gesunden Fundament höchst melodisch zur Sache geht. Folk ist das, ausgestattet mit wunderschönen, melancholischen Melodien.
Bei "8 Years Later" kommen Klassik-Einflüsse zum Gesamtbild hinzu und kreieren im Verlaufe des Songs ein episches Gebilde. Äußerst positiv zu erwähnen ist auch, dass der bei Krautrock-Bands so oft gescholtene Gesang bei Parzival sehr stark ausgefallen ist. Das Wah Wah-Pedal tut sein Übriges und lässt die Nummer zu einer der stärksten der Scheibe avancieren. Sehr melodiös ist der schreiende Anti-Kriegs-Protest (hier am Beispiel Vietnam festgemacht) "Senseless No. 6" ausgefallen. Und da ist auch wieder dieser geniale Bass, der die sehr eingängigen Vocals komplementiert. Ansonsten ist die Flöte bei dieser Nummer federführend, die das Stück durch variierende Tempi und den Hörer durch Wechselbäder der Gefühle führt.
Die erste Seite der Platte wird dann durch das Instrumental "Wall Bungalow" beschlossen, unterlegt vom Piano und erneut bestimmt von der Flöte. Eine Nummer zum Abtauchen, um sich fallen zu lassen und einfach nur der Schönheit der Melodien zu ergeben. Wahrscheinlich gerade durch die Flöte kommt mir manchmal Traffic als Referenz-Band in den Sinn, was aber lediglich am Rande interessieren soll. War das Material bis hierher sehr Song-orientiert, so geht es auf der zweiten Seite deutlich mehr in Richtung Jam. Während "Empty Land" eher getragen, fast düster und mit Vocal-Parts durch die Boxen strömt, so wird mit dem 16-minütigen "Groove Inside" auf Song-Konventionen aller Art verzichtet und frei drauf los gejammt.
Ein wahrer Monster-Jam, bei dem zunächst die Viola und die akustische Gitarre den treibenden Beat vorgeben. Selbstverständlich ist aber auch die Flöte wieder stark vertreten und jede Menge Congas sind am Start. Witzigerweise werden mitten in den Improvisationen auch die ersten neun Töne unserer Nationalhymne eingeworfen, bevor es wieder frei von der Leber weg weitergeht. Am Ende dieses Ritts wird schließlich noch die Comedy-Version einer Strophe des Beatles-Tracks "When I'm 64" gebracht und dann ist dieses Meisterwerk leider auch schon wieder zu Ende.
"Legend" ist ein Hammer-Album, das in keiner Sammlung von Freunden des deutschen Progressive-Rocks bzw. des sogenannten Krautrocks fehlen darf. Mein absoluter Favorit hört auf den Namen "Senseless No. 6", dicht gefolgt von "8 Years Later" und dann dem ganzen Rest. Leider gab es danach nur noch ein einziges weiteres Album, bevor die Band Parzival wieder Geschichte war. Bezüglich meiner Bewertung dieser sieben Songs kann es nur einen Rat geben: Kaufen!
Line-up:
Lothar Siems (guitars, vocals)
Thomas Olivier (drums & percussion, vocals)
Walter Quintus (bass, flute, organ, piano)

Mit:
Matthias Müller-Menckens (flute, piano)
Joachim Reichhold (cello)
Hans Jaspers (viola)
Tracklist
Seite 1:
01:Marshy Legend (2:20)
02:Resignation (2:53)
03:8 Years Later (4:40)
04:Senseless No. 6 (4:54)
05:Wall Bungalow (2:40)
Seite 2:
01:Empty Land (5:12)
02:Groove Inside (16:00)
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