Poison / Flesh & Blood
Flesh & Blood Spielzeit: 57:46
Medium: CD
Label: Capitol Records, 1990
Stil: Hard Rock, Hair Metal


Review vom 20.12.2008


Moritz Alves
Es begab sich zu einer Zeit Anfang der 1990er Jahre, dass sich der gute, alte 1980er Hardrock (Hair Metal, Glam Metal, Sleaze Metal, ... oder wie man das Kind auch immer nennen möchte) noch mal richtig aufbäumte, nur um kurze Zeit später dann quasi komplett in der Versenkung zu verschwinden. So geschah es, dass Hochkaräter wie z.B. Aerosmith ("Get A Grip", 1993), Bon Jovi ("Keep The Faith", 1992), Guns N' Roses ("Use Your Illusion I & II", 1991), Skid Row ("Slave To The Grind", 1991) oder White Lion ("Mane Attraction", 1991) allesamt noch mal kleine Meisterwerke aufnahmen, bevor sie von Grunge, Alternative Rock etc. dahingerafft wurden. Zu diesen Glanztaten des harten Rocks gehört zweifelsohne auch "Flesh & Blood" von Poison, veröffentlicht im Jahre des Herrn 1990 und damit gerade noch rechtzeitig vor Nirvana ("Nevermind", 1991), Pearl Jam ("Ten", 1991) etc.
Nun ist es leider so, dass die Herren Bret Michaels, C.C. DeVille, Bobby Dall und Rikki Rockett bis heute oftmals als hoffnungslose Poser belächelt werden, und ihrer Musik gerne jegliche Substanz und sämtlicher Tiefgang abgesprochen wird. Dabei wird jedoch gerne vergessen, dass Poison wie kaum eine zweite Band für den typischen L.A.-Glam Metal der späten 1980er Jahre stehen und sie, allen hämischen und herablassenden Kommentaren zum Trotz, damit Musikgeschichte geschrieben haben. Drehe man es, wie man will, Poison sind bis heute in den USA immer noch verdammt erfolgreich, auch wenn ihr letztes Studioalbum mit eigenem Material schon sechs Jahre zurück liegt ("Hollyweird", 2002). Der Vierer zehrt live nach wie vor von seinem bärenstarken Backkatalog, der vor allem Material der ersten Alben umfasst: "Look What The Cat Dragged In" (1986) oder "Open Up And Say... Ahh!" (1988) nämlich warfen Hits und Ohrwurmgaranten der Marke "Talk Dirty To Me", "Every Rose Has Its Thorn", "Fallen Angel", "I Won't Forget You", "Cry Tough" oder "Nothin' But A Good Time" ab, welche die Rockmusik der End-1980er entscheidend geprägt haben.
Aber machen wir uns nichts vor: Natürlich standen Poison gerade mit diesen ersten zwei Alben für kompromisslosen Gute-Laune-Party-Rock, der wahrlich nicht jedermanns Geschmack war. Das sollte sich erst mit "Flesh & Blood" ändern, mit der sich eine leichte Abkehr vom 1980er-Glam vollzog: Dieses vorerst letzte Album im klassischen Line-up gilt rückblickend als das absolut beste Poison-Album und zeigt die Band zweifellos an der Spitze ihrer Karriere. Produzent Bruce Fairbairn (1949-1999; u.a. AC/DC, Aerosmith, Bon Jovi, Van Halen) kitzelte das Beste aus Poison heraus und spornte zu absoluten Topleistungen an, so dass letztendlich ein Album dabei herauskam, dessen gereifter, ernsthafter Ansatz unglaublich facettenreiches Songmaterial hervorbrachte und die typische Party-Attitüde ein gutes Stück zurückdrängte. So sind Poisons Trademarks in Form von Mitgröl-Hymnen à la "Unskinny Bop" hier genauso vertreten wie Versatzstücke aus anderen Genres wie Blues und Soul, die besonders bei "Swampjuice (Soul-O)", "Something To Believe In" und dem "Poor Boy Blues" zum Tragen kommen.
Zu solch ambitionierten Ansätzen und Kompositionen gehört natürlich eine gewisse Klasse, um diese gebührend umsetzen zu können. Damit sind wir bei einem Punkt angelangt, der weiter oben schon kurz angeklungen ist, nämlich den musikalischen Fähigkeiten von Poison, bei denen gerade Lead-Gitarrist C.C. DeVille gerne und häufig schlecht wegkommt. Fallen wir doch einfach mal mit der Tür ins Haus: Was die Herren auf "Flesh & Blood" an ihren Instrumenten leisten, ist über jeden Zweifel erhaben, Punkt, Aus! Wer nach Glanztaten wie "(Flesh & Blood) Sacrifice", "Life Goes On", "Ride The Wind", "Something To Believe In" oder "Life Loves A Tragedy" immer noch meint, Mr. DeVille und seine Band wären absolute Nichtskönner, der ist entweder komplett ignorant oder hat schlicht und einfach keine Ahnung. Viele Leute reden leider einfach nur, ohne auch nur einen Millimeter in die Musik eingetaucht zu sein. Sicher, speziell auf "Look What The Cat Dragged In" sind die Gitarrenparts noch äußerst simpel und songdienlich gehalten, aber dieses Album lag bei der Veröffentlichung von "Flesh & Blood" auch schon ganze vier Jahre zurück. C.C. DeVille war natürlich nie so virtuos wie beispielsweise ein George Lynch, dafür haben Poison aber immer sehr gute, eingängige Lieder geschrieben und sich spätestens mit "Flesh & Blood" dann in eine höhere musikalische Klasse gespielt.
Das Songmaterial habe ich nun schon einige Male kurz gestreift, möchte an dieser Stelle aber noch mal etwas deutlicher werden. Fest steht, dass "Flesh & Blood" einige der allerbesten Poison-Songs enthält, die je geschrieben wurden, und ich habe sie weiter oben auch schon genannt: Gemeint sind die drei Klassiker "Ride The Wind", "Something To Believe In" und "Life Loves A Tragedy" - mit Abstrichen darf man aber auch gerne noch "(Flesh & Blood) Sacrifice", "Life Goes On" und "Come Hell Or High Water" dazu zählen. Wie auch immer man die Auswahl eingrenzt: Fakt ist, dass dieses Album keinen einzigen schlechten Song enthält, sondern mit seinem packenden Stilmix, seinen großen Refrains und ausgefeilten Arrangements von der ersten bis zur letzten Sekunde besticht und punkten kann. Vom düsteren Intro "Strange Days Of Uncle Jack" bis hin zu den letzten Blue Notes des "Poor Boy Blues" bekommt man hier die geballte kompositorische Klasse Poisons zu hören, die einen so schnell nicht wieder loslässt.
"Ride The Wind" ist ein großartiger, packender Riffrocker über die Freiheit und den Mythos des Motorradfahrens: »Hearts of fire/ Streets of stone/ Modern warriors/ Saddle iron horses of chrome/ Taste the wild/ Lick the wind/ Like something never saw before/ Their jaws dropping to the floor/ Steel made of soul and sin« tönt es da zu Beginn und lässt kein Biker-Auge trockenů
Mit der gefühlvollen Ballade "Something To Believe In" hingegen verarbeitet Bret Michaels den Tod seines besten Freundes und Leibwächters James Kimo Maano: »My best friend died a lonely man/ In some Palm Springs hotel room/ I got the call last Christmas Eve/ And they told me the news/ I tried all night not to break down and cry/ As the tears rolled down my face/ I felt so cold and empty/ Like a lost soul out of place/ And the mirror, mirror on the wall/ Sees my smile it fades again« . Das dazugehörige Tattoo schmückt übrigens den Arm des Sängers.
"Life Loves A Tragedy" schließlich befasst sich mit den Schattenseiten der menschlichen Existenz und den sündigen Verlockungen im Leben. Dieses Stück gilt unter Poison-Kennern als eines der ausgereiftesten und besten der Bandgeschichte: »Well I ain't getting any younger/ Can't you see it in my eyes/ The sweet has turned to sour/ I think it's time for me to fly/ Well my vices have turned to habits/ And my habits have turned to stone/ The lies chipped away at my smile now baby/ While the truth ate me down to the bone«.
Fazit: Wer Poison bisher immer als Dilettanten abgestempelt hatte, der wird mit "Flesh & Blood" eines besseren belehrt. Klar, wer die typischen Background-Chöre nie mochte, wer bei Bret Michaels' Stimme das kalte Grausen kriegt oder wem C.C. DeVille schon immer etwas zu viel frickelte, dem wird auch dieses Album nicht durchgängig gefallen. Wer sich jedoch nur eine einzige Poison-Scheibe nach Hause holen möchte, dem sei "Flesh & Blood" wirklich wärmstens ans Herz gelegt, kombiniert sie doch gekonnt die Unbeschwertheit der 1980er Jahre mit der späteren Kopflastigkeit, wie sie auf "Native Tongue" (1993) schon bald folgen sollte.
Anmerkungen: Das Coverartwork von "Flesh & Blood" ziert ein Tattoo, dass sich normalerweise auf dem Oberarm von Rikki Rockett befindet. Ursprünglich war geplant, das Bild in ungeschönter Form direkt nach dem Tätowierprozess zu zeigen, inklusive entzündeter, geröteter Haut. Stattdessen wurde auf diese Variante jedoch verzichtet und ein 'sauberes' Cover bevorzugt, welches heute alle Auflagen schmückt.
Im Jahre 2006 wurde dieses Album im Zuge einer Wiederveröffentlichungswelle komplett überarbeitet und neu herausgebracht. Als Bonus-Tracks finden sich dort eine akustische Version von "Something To Believe In" sowie eine instrumentale Demo-Cover-Version des Sex-Pistols-Klassikers "God Save The Queen".
Line-up:
Bret Michaels (lead vocals, rhythm guitar, harmonica)
C.C. DeVille (lead guitar, backing vocals)
Bobby Dall (bass, keyboards, piano, backing vocals)
Rikki Rockett (drums, percussion, backing vocals)
Tracklist
01:Strange Days Of Uncle Jack (1:40)
02:Valley Of Lost Souls (3:59)
03:(Flesh & Blood) Sacrifice (4:40)
04:Swampjuice (Soul-O) (1:26)
05:Unskinny Bop (3:48)
06:Let It Play (4:22)
07:Life Goes On (4:47)
08:Come Hell Or High Water (5:03)
09:Ride The Wind (3:51)
10:Don't Give Up An Inch (3:44)
11:Something To Believe In (5:28)
12:Ball And Chain (4:23)
13:Life Loves A Tragedy (5:15)
14:Poor Boy Blues (5:20)
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