The Radiators / Dreaming Out Loud
Dreaming Out Loud Spielzeit: 58:13
Medium: CD
Label: RADZ Records/SCI Fidelity Records, 2006
Stil: Rock


Review vom 01.06.2007


Norbert Neugebauer
Wiedermal eine Neuentdeckung aus New Orleans, Louisiana (NOLA): The Radiators! Nun, so ganz 'taufrisch' sind sie natürlich nicht mehr; seit 1978 in der Original-Besetzung fester Bestandteil der heimischen Szene, haben sie eine große Fangemeinde, die sich 'Fishheads' nennt (analog zur 'Fish Head Music' der Band). Trotz dortiger uneingeschränkter Popularität, einem guten Dutzend regulärer Veröffentlichungen, dazu unzähligen Liveaufnahmen (alle Shows sind entgeltlich von der HP downloadbar, die Fans dürfen aber auch selbst vom Mischpult mitschneiden!), Touren in den USA und auch mal in Europa vor einigen Jahren, sind sie wohl bei uns kaum bekannt.
Was eindeutig ein Manko für Fans gestandener Rockmusik darstellt, die insofern typisch für die Mississippi-Metropole ist, als sie noch immer vital und eigenständig ist. Grundsolider Groove-Rock mit Einflüssen von so ziemlich allem, vom Delta Blues über die diversen NOLA-Musiker, Swamp Rock, Rock'n'Roll, Sechziger- und Siebziger Jahre Rock, dazu noch Einiges aus der gut befreundeten Jam- und SR-Szene - und das in einer souveränen Mischung, die einfach nur anturnt. Dank des riesigen Repertoires, auch anderer Autoren, ist jeder Gig anders, die 'Rads' spielen nie die gleiche Setlist.
"Dreaming Out Loud" ist nach 'Katrina' entstanden (das letzte Studioalbum liegt fünf Jahre zurück) und natürlich unter dem Eindruck der Katastrophe. Das hat sich in den Texten, aber auch mit durchaus melancholischem Unterton in der Musik niedergeschlagen - eine oft traurige, jedoch unsentimentale Bestandsaufnahme aus Sicht der Zurückgekehrten. Die CD wurde erstmals beim NOLA Jazz&Heritage-Festival 2006 verkauft und war dann nur vor Ort selbst zu beziehen. Glücklicherweise nahm sich dann das SCI Label der Scheibe an und nun ist sie auch bei uns, u.a. beim gutsortierten Import Bärchen Records zu haben. Well!
Was als erstes ins Ohr geht, ist der knödelige Bariton von Ed Volker (gleichzeitig auch der Hauptautor), der sich sonor schon mal vom Gros der üblichen Sänger abhebt und den Songs einen unverwechselbaren, gut abgehangenen Sound gibt. Und gleich beim Opener "Ace In The Hole" packen die 'Rads' die Trickkiste aus, schaffen es aber in nahezu perfekter Form, ihren ansonsten ausufernden Jam-Sound quasi als Konzentrat in gute vier Minuten zu packen. Der Titeltrack ist die schmerzliche Erinnerung an den Tag der Flucht vor 'Katrina'; eine zu Herzen gehende Ballade, basierend auf einem sich ständig wiederholenden Grundriff, das vom Piano und der Orgel umspielt wird. Hier ist Dave Malone mit ebenfalls markanter Stimme am Mikro, der für die emotionalen Sachen zuständig ist. "Wrestling With The Angels" shuffelt kräftig mit dem obligatorischen Second Line Beat und zitiert am Ende noch mal schnell die Allman Buddies. "Rub It In" erinnert mit seiner klagenden Gitarre an den späten Hendrix. Das locker groovende "Lost Radio" ist der Aufgalopp für den 'Hit' des Albums: "The Man Who Lost His Head", womit natürlich der angesichts der Katastrophe völlig kopflos agierende US-Präsident gemeint ist. Malone zeigt dabei, dass er auch ein ausgezeichneter Soul-Shouter ist und Gast-Saxer Tim Green lässt mal kurz die Sau raus. Eine Nummer für die ewigen R&B-Charts!
Die Hookline der verzerrten Gitarre von "7 Devils" fräst sich unweigerlich ins Hirn, bevor ein akustisches Gitarrenintro das hymnische "Don't Pray For Me" anstimmt, bei dem die 'N'awlins'-Schwestern Susan Cowsill und Darcy Malone im Chor trällern. Furztrocken mit Guitar Twang und sich überschlagendem Sax rockt der "Rollercoaster", dann besingen die 'Rads' den "Death Of The Blues", eine üppige Jam-Nummer, die den Verlust der Unbeschwertheit (nach dem Hurrikan) thematisiert. "Desdemona" erinnert mit Honky Tonk-Piano (und Banjo) an die NO-Tastenvirtuosen James Booker und Professor Longhair. Gute Laune bescheren zum Finale der country-infizierte Rocker "Good Things" und das etwas poppigere "Shine Tonight", bei dem nochmal die beiden Mädels mitsingen.
Ein klasse Rockalbum, bei dem einfach alles stimmt. Tolle Songs, in denen das Trauma der Katastrophe mit der Erfahrung der langgedienten Bühnen-Band und der ureigensten Freakness der NO-Musik verarbeitet wird. Gesanglich in genau der richtigen Tonlage und mit den instrumentalen Zutaten, die den 'Rads' nach fast dreißig Jahren immer noch neue Fans bescheren. Vielleicht werden sie ja auch bei uns nun endlich 'entdeckt'!
Das einzige (leichte) Manko ist die nach aktuellen Maßstäben etwas flache Produktion, vor allem die Rhytmussektion kommt da etwas dünn raus. Aber wenn man richtig aufdreht, dann merkt man's gar nicht
Line-up:
Ed Volker (vocals, keyboards)
Dave Malone (vocals, electric/acoustic/baritone guitars, TEO mando, banjo, e-bow)
Camile Baudoin (guitar)
Frank Bua (drums)
Reggie Scanlan (bass)

Guests:
Mike Skinkus (percussion #2, 3, 8, 9)
Tim Green (tenor sax #6, 9)
Susan Cowsill and Darcy Malone (vocals #13, 8)
Tracklist
01:Ace In The Hole (4:11)
02:Dreaming Out Loud (6:19)
03:Wrestling With The Angel (3:52)
04:Rub It In (4:29)
05:Lost Radio (5:17)
06:The Man Who Lost His Head (3:44)
07:7 Devils (5:32)
08:Don't Pray For Me (4:08)
09:Rollercoaster (2:21)
10:The Death of The Blues (5:37)
11:Desdemona (2:51) )
12:Good Things (5:11) )
13:Shine Tonight (4:13)
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