Rain / Stronger
Stronger Spielzeit: 46:58
Medium: CD
Label: MTM, 2006
Stil: Melodic Rock


Review vom 08.11.2006


Ilka Czernohorsky
Ein deutscher Frontman mit norwegischen Musikern - kann das funktionieren? Es kann! Das beweist die 1997 gegründete Band Rain mit Gitarrist Lars Forseth, Leadgitarrist Tore Moren, Drummer Per Helge sowie ihrem deutschen Sänger Michael Bormann, der seine Stimmbänder u.a. bereits Jaded Heart, Bonfire, Sygnet, Letter X, Silent Force, Zeno oder auch Jürgen R. Blackmore zur Verfügung stellte.
Auf dem aktuellen Werk von Rain, "Stronger", bemüht er aber nicht nur seine Stimme, er drückt auch die Keyboardtasten und zupft die dicken Saiten.
Das Ergebnis dieser deutsch-norwegischen Liaison erntete bei mir bereits gleich nach dem ersten Hördurchgang ein anerkennendes Kopfnicken und endete damit, dass die Scheibe noch öfters den Weg in den Player fand.
Gerade dem Melodic Rock-Bereich gegenüber entwickelte ich im Laufe der Zeit eine gewisse, nicht ganz unbegründete Skepsis, entpuppte sich doch so mancher, vollmundig als 'rockend' angekündigter Silberling als Weichspüler der Marke… - ähm (wir machen keine Waschmittelwerbung). Als Appetithäppchen wird meistens ein richtig knackiger, voll auf die '13' hauender Opener gewählt - und damit scheint auch gleich das komplette (Rock)Pulver verschossen zu sein, denn sofort im Anschluss daran reiht sich Ballade an Ballade, bis man sich nach dem Durchlauf solcher CDs wenigstens über das gerade absolvierte, völlig entspannte Nickerchen freuen kann. Immerhin EIN positiver Effekt, der ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist :-)
Nichts dergleichen trifft auf "Stronger" zu. Natürlich gibt es auch hier die obligatorischen Balladen: "Die For You" mit absolutem Gänsehautfaktor oder auch das, gerade stimmlich unheimlich stark an John F. Bongiovi erinnernde "The Other Side" (mit 6 1/2 Minuten das längste Stück übrigens), dass sich nicht hinter den kommerziellen Abräumern aus den USA zu verstecken braucht. Und wenn man nicht wüsste, dass da 'ne Rille von Rain im Player liegt, könnte man fast annehmen, Bon Jovi hätten eine neue Single rausgebracht.
Das gute Gesamtbild des Albums wird durch die Balladen jedoch nicht geschmälert, sondern gibt diesem sozusagen noch die letzte Würze, da damit nicht übertrieben wird.
Aber ob nun Ballade, Up-Tempo-Nummer oder Rockkracher, man kann Rain ohne Abstriche bescheinigen, dass sie ein Händchen für feine Melodien haben.
Eröffnet wird der Silberling mit einem eher verschleppten Stück, nämlich "Do You Like It", welches mit einem wuchtigen Intro, satten Gitarrenparts und sparsam eingestreuten Soli zu begeistern weiß, um dann von dem rockigen "Insobriety" abgelöst zu werden. Jawoll, das geht doch gleich in die Beine und lässt die Füße kräftig wippen.
Keyboardklänge - dann Klaviergeklimper - bis plötzlich die Sechs-Saiter einfallen, den Song mehr und mehr vorantreiben, um ihn zu einem einprägsamen Rocker aufzubauen - das ist "Get Over It", der für Mitgrölstimmung sorgt. Dem folgt das mit akustischer Gitarre beginnende "Crazy", ein Stück mit viel Hitpotential, so wie auch "Flesh And Blood", das sofort im Ohr haften bleibt und mich wieder und wieder dazu verleitet, die Repeat-Taste zu drücken. Vorsicht - Suchtgefahr!
Beeindruckend dabei der tolle Background-Gesang und natürlich die kleinen, aber feinen Gitarrensoli-Einsprengsel, die nicht nerven, sondern einfach nur 'das Salz in der Suppe' sind.
Selbst Nachbars Katze, die soeben mal auf einen kurzen Besuch bei uns vorbeischaut (vermutlich der leckeren Häppchen wegen, die sie von mir immer zugesteckt bekommt), scheint von "Flesh And Blood" angetan zu sein, denn sie geht sogleich mit aufgestellten Lauschern in 'Wohlfühlstellung'.
Im Anschluss daran geht die Post ab: "Let Me Be Your Favorite" knallt richtig schön dreckig aus den Boxen - gefolgt von dem bereits erwähnten Kuschelstück "The Other Side".
Aber lange wird nicht gekuschelt, denn das dynamische "Deserve" pustet sofort wieder die Lauscher frei. Interessant ist hier der leicht verzerrte Gesang.
Mit "Right By Your Side" gibt es eine Akustik-Nummer auf die Ohren, bei der Michael Bormanns Stimme voll zur Geltung kommt.
Abgerundet wird das Album mit dem wunderschönen "Lovesong", ebenfalls ein echter Ohrwurm, der mit seinem hochmelodischen Refrain ein weiteres Mal aufhorchen lässt. Der Track weckt stilistische Assoziationen zu Aerosmith, stimmlich jedoch geht er mehr in Richtung Mr. Bongiovi. Aber Bormann hat ja noch nie einen Hehl daraus gemacht, wem seine Sympathie gehört.
Fazit: Exzellentes Songwriting mit Gespür für Ohrwurm-Melodien, gepaart mit Musikern, die ihr Handwerk verstehen und einem hervorragenden Sänger - diese Kombination lässt das Herz eines jeden Melodic Rock-Fans höher schlagen.
Langeweile? Fehlanzeige!
Tracklist
01:Do You Like It
02:Insobriety
03:Get Over It
04:Crazy
05:Die For You
06:Flesh And Blood
07:Let Me Be Your Favorite
08:The Other Side
09:Deserve
10:Right By Your Side
11:Lovesong
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