Rare Bird / As Your Mind Flies By
As Your Mind Flies By Spielzeit: 37:44
Medium: LP
Label: Charisma, 1970
Stil: Rock


Review vom 27.01.2016


Michael Breuer
Nur einmal in meinem Leben suchte ich länger nach einer bestimmten Musik als nach dieser Platte! Einst bei Winfried Trenkler in den Siebzigern in der legendären Sendung "Rock In" mitgeschnitten, hab ich Blödmann damals den Titel und den Namen der Band nicht mitbekommen. Die Musik hingegen, die hat mich total fasziniert. Zehn Jahre hat es gedauert, bis ein Second Hand-Händler meinem Dilemma ein Ende machte und die Scheibe für mich identifizierte. Vinyl war die Folge. Weitere Jahre später fand ich dann sogar den dazugehörigen Silberling als Japan-Import, damals, Anfang der Neunziger schon 50 € teuer. So viel Aufwand für eine Band, die kaum einer kennt?
Der 'Seltene Vogel' wird seinem Namen wahrlich gerecht, gehörte die Band damals doch zu den ersten, die komplett auf Gitarren verzichteten und stattdessen mit Hammond-Orgel und Fender Rhodes in manch jammige Schlacht zogen. Hat bei ELP ja auch funktioniert. Nach dem schönen Erstling, der mit "Sympathy" so etwas wie einen kleinen Hit bescherte und der 1992 auch sehr nett von Marillion gecovert wurde, vollzog die Band aus Birmingham mit den Gründungsmitgliedern Steve Gould (Bass und Gesang), Mark Ashton (Schlagzeug und Gesang), Graham Field (Orgel) und David Kaffinetti (E-Piano) einen waghalsigen Schritt hin zu experimentelleren Songstrukturen. Heraus kam ein Album, das für mich zu den schönsten versteckten Blüten früher progressiver Rockmusik zählt.
Zentrum des Albums ist das zwanzigminütige Opus "Flight", eine vierteilige Suite mit dem Titelstück "As Your Mind Flies By" als dominierendem und vor allem genialem Opener, genau dem Teil, den Winfried Trenkler damals im Radio gespielt hatte. Stakkatoartige Rhythmen treiben wild aus dem Nichts startend zu einem Wettlauf mit ekstatischen Tastentönen in das Thema, immer wieder abrupt unterbrochen von fast sakral klingenden Chorälen, die mich ein wenig an den ersten Teil von Vangelis' "Heaven And Hell" erinnern. Aber insgesamt geht es rockig zu, fast im Schweinsgalopp groovt der Song bis zu den ersten Gesangsparts, die großartig und mit eigentümlich markant kerniger Stimme perfekt psychedelisch mit den ruhigen und treibenden Passagen korrelieren.
Nach einem weiteren Break in eine schwebend wabernde Orgelsequenz entwickelt sich ein furioses Duett zwischen beiden Tasteninstrumenten, das in seinem Crescendo seines Gleichen sucht. Ganz langsam steigern sich Piano und Orgel in eine Eruption eskalierender Improvisationen, ekstatisch begleitet von dem aufgewühlt losgelösten Chor, der über Dich herfällt wie eine Horde Hunnen. Allein für diesen Part, der zu Recht als Titelstück erkoren wurde, hätte die Band einen Preis verdient, doch kommerzieller Erfolg blieb ihr stets verwehrt. "The Flight" bricht dann radikal in eine mystisch, düstere Soundcollage, minimalistisch auf den Tasten gestaltet. Die düstersten Parts von Floyds "Echoes" kommen mir in den Sinn, Teile aus "Heaven And Hell", Teil 2 (wieder Vangelis) ebenso "Vacuum" ist der stimmige Titel, der nahtlos in das riffige "New York" übergeht, wohlgemerkt mit Riffs aus den Tasten. Eine abrupte Temporeduzierung wühlt dramatisch auf und mündet in das Hauptthema von Ravels "Bolero", finalisiert durch den elegischen Chor, fortgesetzt im "Central Park" genannten vierten Teil, der den Flug eher unspektakulär vollendet.
Die eigentlich erste Seite der LP bietet vier eigenständige, unabhängige Kompositionen, die ebenfalls von der progressiven Struktur zwischen elegischen Orgelparts und kurzen, knackigen Ausbrüchen pulsierender Rockmusik leben. Nur die kleine Ballade "Down On The Floor" kommt dem dramatischen Titel entsprechend ganz zurückgenommen und voller Melancholie daher, zwischenzeitlich unterstützt durch ein klassisches Cembalo. Großartig auch hier der leidenschaftlich mitreißende Gesang, der die Stimmung intensiv transportiert und fühlbar macht.
Am Schluss in "I'm Thinking" mag man sich gerne an die ganz frühen Jane erinnern, eines unserer stolzesten musikalischen Flaggschiffe jener Zeit. Die tragende Orgel, der leicht melancholische Gesang, ganz ähnlich klang das damals bei den Jungs aus Hannover, ein sanfter Ausklang aus der ersten Seite eines Albums, das mich nun schon so lang begleitet und erfreut.
Wegen des fehlenden Erfolgs löste sich die Band kurze Zeit später auf, versuchte es 1972 in veränderter Besetzung und nun auch mit Gitarre noch einmal vergeblich. 1975 sah das endgültige Ableben unseres 'Seltenen Vogels'. Mir wird er in Erinnerung bleiben als ein schillernd buntes Tier mit prächtigem Gefieder, ganz so wie auf dem Cover der ersten LP, ein Juwel in der Weite der psychedelischen Landschaft der Siebziger Jahre, eine wunderbare Entdeckung in meiner Jugendzeit, als die Welt noch groß, fremd und geheimnisvoll war.
Line-up:
Steve Gould (bass, vocals)
Mark Ashton (drums, vocals)
Graham Field (organ)
David Kaffinetti (e-piano)
Tracklist
Seite 1:
01:What You Want To Know (5:59)
02:Down On The Floor (2:41)
03:Hammerhead (3:31)
04:I'm Thinking (5:40)
Seite 2:
05:Flight (19:39)
  Part 1. As Your Mind Flies By
  Part 2. Vacuum
  Part 3. New York
  Part 4. Central Park
Externe Links: