Rolling Stones / A Bigger Bang
A Bigger Bang
Die rollenden Steine und bemerkenswertesten "Gesichtsbaracken" des Musikbusiness haben nach 8 Jahren und 2 geschichtsträchtigen Mammuttourneeaktivitäten ("Bridges To Babylon" und "Forty Licks") ein neues Studioalbum auf den Markt gebracht! Die selbsternannt älteste und beste Rock 'n' Roll Band der Welt will es trotz oder gerade wegen der gesundheitlichen Schwierigkeiten von Charly Watts und Ronnie Wood noch einmal wissen.
Kann das gut gehen?
Selbstdemontage als Karikatur ihrer selbst?
Und wen interessiert überhaupt ein neues Studioalbum der ewigen Steine?
Ist dieses Ereignis wirklich von Interesse in einem Online-Rockmagazin, das sich als Motto auf die Fahnen geschrieben hat: Nimm dir Zeit für gute Musik!?
Und dabei, ganz nebenbei bemerkt, schwerpunktmäßig ein Forum für KünstlerInnen sein möchte, die in der sonstigen Medienlandschaft wenig bis gar keine Beachtung finden. Sind die Stones mit "A Bigger Bang" nicht schon in genug Magazinen abgefeiert oder abgewatscht worden?
Fragen über Fragen, die aber deutlich machen, dass auch wir nicht wirklich an diesem Thema vorbeigehen können (wollen).
Natürlich bedarf es nicht wirklich an dieser Stelle eines größeren Artikels über die Rolling Stones und ihrer Rolle in den letzten 42 Jahren Musikgeschichte. Dafür, und auch für kollektives Abfeiern sorgt schon alleine der deutsche Einzahlnamensvetter in Gestalt eines Printmagazins mit nicht unerheblicher Auflage. Aber auch ansonsten sind dem Rezensenten bisher so gut wie keine wirklich negativen Kritiken zum neuesten Stones-Output begegnet. Das halte ich für eine Band dieses Ranges für außerordentlich erstaunlich. Und die Frage des Interesses an neuem Steinmaterial ist inzwischen auch recht eindrucksvoll beantwortet:
UK: von null auf Chartposition 2
USA: von null auf Chartposition 3
Deutschland: von null auf Chartposition 1
Was bringt uns dieses Album denn nun wirklich, abseits aller Euphorie oder Ressentiments?
Nun, zunächst mal die längste Spieldauer seit "Exile On Main St.", nämlich knapp 65 Minuten! Und es gibt das gute Stück sogar als Vinylausgabe!
Vergleiche mit besagtem Meisterwerk aus dem Jahre 1972 halte ich persönlich für unangebracht und unzulässig, schließlich sind die Protagonisten (drei von damals sind ja noch übriggeblieben) heute 33 Jahre(!) älter und bei ihrem letzten Deutschlandaufenthalt durfte der Rezensent vor dem Stones-Konzert in Berlin in der dortigen Tagespresse lesen, dass sich Mick Jagger kurz nach dem Einchecken ins Nobelhotel einen heißen Tee auf die Suite hatte bringen lassen, während Keith sich bei sonnigem Wetter eher an Eistee hielt.
Ich postulierte daraufhin das endgültige Ende des Rock 'n' Rolls und fiel entsprechend ernüchtert vom Glauben ab. Immerhin tröstete ein gelungenes Konzert mit erstaunlich wenig Abnutzungserscheinungen (aus der Ferne der Haupttribüne des Berliner Olympiastadions) und gab mir und wohl auch dem seitlich vor mir sitzenden Berliner Oberbürgermeister und seinem Lebensgefährten ein bisschen den Glauben am Rock 'n' Roll zurück.
Als ich nun in gespannter Erwartung das neueste Produkt aus der Glimmer-Schmiede Jagger/Richards in den highendigen Kasperplayer schiebe, fällt mir zunächst das Glas Tee, äh, Bier aus der Hand. Riffgewitter, Slideattacke, Donnerdrums und ein vorwärtsstürmender Mick, der von null auf hundert den Jagger macht, mir bleibt trotz des Gerstensaftes die Spucke weg! Der Titel ("Rough Justice") macht seinem Namen alle Ehre, "rough" ist hier wirklich das Stichwort. Zu meinem Erstaunen zieht sich das, von wenigen Ausnahmen abgesehen, durch das gesamte Machwerk. Das Teil ist absolut "furztrocken" produziert und bröselt einem schnörkellos und mit Macht entgegen, die Kehle schreit sofort nach Feuchtigkeit. Stripped to the bone, hier gibt es überwiegend keinen Firlefanz, häufig sind die Songs gar nur als Trio eingespielt. Ronnie Wood hat wohl wirklich einige (gesundheitliche) Probleme, denn er spielt doch auffallend selten eine prominente Rolle, weiß eigentlich "nur" durch einige schöne Slideeinlagen zu gefallen. Ganz anders Charly Watts, hoffentlich nach seiner Kehlkopfkrebsoperation vollständig genesen, der einfach unnachahmlich seine Minimalfelle bearbeitet und entsprechend den Beat vorgibt. Mick performt sich kraftvoll und vital durch die 14 Songs, denen er seine Stimme leiht und bedient darüber hinaus einige Male den Bass(!) und die 6 Saiten (inklusive Slide!). Aber auch die Harp weiß er nach wie vor sehr effektvoll und energisch einzusetzen. Gastbassist Darryl Jones und Tastendrücker Chuck Leavell agieren mehr denn je unauffällig im Hintergrund, während Keith zweimal den legendären Krächzer machen darf und ansonsten den noch legendäreren Riff-Richards gibt.
Und die Songs?
Sie klingen nach Stones! Wonach sonst?
Aber sie tun es überwiegend mit einer erstaunlichen Frische und Erdigkeit, die einem das Alter der Protagonisten komplett vergessen lässt.
Dabei erinnert lediglich "Rain Fall Down" an Bridges To Babylon - Zeiten, wesentlich eher kommen mir die Zeiten Anfang der Siebziger und von "Some Girls" in den Sinn. Einige Songs wie das furios losrockende "Oh No Not You Again" oder das bereits durch seine provokativen Textzeilen in die Schlagzeilen geratene "Sweet Neo Con" mit seinem leicht Ska angehauchten Rhythmus, höllisch staubtrockenen Charly-Drumming, giftigen Jagger-Vocals und einer ebensolchen Harp gemahnen angenehm an das Album von 1978, welches für viele das letzte große Highlight dieser Combo darstellt. Ich persönlich möchte da "Tattoo You" und "Voodoo Lounge" nicht vergessen, aber in der Tat, soviel Biss hatten die "alten Säcke" schon verdammt lange nicht mehr.
So auch nachzuhören auf meinem persönlichen Favoriten Part 1 "Dangerous Beauty", wo der Bass pumpt, Keith wie die Hölle rifft, es groovt zum Heulen schön wie in seligen Anfangsiebzigerzeiten und sogar ein gelungenes Gitarrensoli gibt es zu bewundern. Ganz besonders hervorzuheben sind ansonsten noch "Look What The Cat Dragged In" mit seinen INXS - Anleihen, was abgeht wie Hulle, mit starken 6 Saiten - Soli und gegen Ende mit einem Percussionsturm zu gefallen weiß und mein persönlicher Favorit Part 2 "Driving Too Fast", wo wiederum eine höllische und knochentrockene Riff- und Groovemaschine angeschmissen wird, inklusive schöner Slideguitar und einem schmissigen Refrain.
Insgesamt ist auffallend, dass mit Ausnahme des fulminanten Openers die Geschichte erst ab Track 10 so richtig losgeht. Bei insgesamt 16 Songs ist natürlich nicht alles Gold was glänzt und somit befindet sich auch einiges Füllmaterial auf dem Album. Eigentlich schade, hätten sie's weggelassen, wäre ein ca. 45 minütiges Knalleralbum herausgekommen, was zumindest ich dieser Ewiginstitution nicht unbedingt zugetraut hätte.
Bleibt noch etwas, was ich für einigermaßen problematisch halte.
Ich darf an dieser Stelle einen Rezensenten aus Bochum für Amazon.de aus einem Beitrag vom 01. September 2005 zitieren:
""(...)Die Gruppe stellt die Gitarrenarbeit wie schon lange nicht mehr ganz in den Vordergrund der hervorragend abgemischten Songs (...).
(...) machen im wesentlichen die Musik, die ungewohnt frisch, spontan und wie aus einem Guß wirkt, so als ob die Musiker sich hingesetzt und losgelegt hätten und man live dabei wäre (...).
(...) Jedes Instrument ist klar und deutlich im Mix zu hören und besitzt Plastizität (...)."
Die CD - Ausgabe von "A Bigger Bang" ist leider kastriert, also kopiergeschützt, und das hat leider nicht nur Auswirkungen auf die Kompatibilität mit diversen Laufwerken, sondern auch auf die Klangqualität der Disc. Jedes Kopierschutzverfahren raubt der ohnehin klanglich limitierten CD Auflösungsvermögen! Und so verwundern doch die oben zitierten Worte. Denn obwohl die Aufnahmen tatsächlich sehr erdig, vergleichsweise roh und dynamisch produziert/gemixt worden sind, liegt über diesem Silberling ein akustischer Schleier. Alles klingt irgendwie seltsam belegt und trotz teilweise vorhandener Plastizität fehlt einfach die räumliche Tiefe und eine gewisse Wärme im Sound, so dass es leider gerade bei wohl durchaus erwünschter höherer Lautstärke ziemlich (digital) hart wird und die Ordnung verloren geht, was ganz klar dazu führt, dass die vermutlich angestrebte authentische "Livehaftigkeit" abhanden kommt. Dies führt schließlich dazu, dass mitnichten die Instrumente "klar und deutlich im Mix zu hören" sind. Aber es sei hinzugefügt, dass sich dieses Phänomen auf Schlafzimmerhenkelmännern, Discountwummerhightechanlagen oder PKW-CD - Dröhnern nicht ausmachen lässt!
Von diesem Aspekt einmal abgesehen ist es also tatsächlich gutgegangen, sehr gut sogar, und selbst die vielleicht durchschimmernde und gewollte Selbstkarikatur macht eine gute Figur, ganz davon abgesehen, dass hier manch weinerlicher oder Möchtegernkrach - Combo aus dem vereinigten Königreich gewaltig die Leviten gelesen und die Rücklichter gezeigt werden. Auch im Fastrentenalter ist dem Gespann Jagger/Richards kein X für'n U vorzumachen, die alte Dame Rock 'n' Roll lebt, trotz Arthritis und diversen Teegetränken!
Bewertung:
Musik = volle Plattenlänge 7 RockTimes - Uhren, eine gekürzte 45 Minutenvariante käme auf beachtliche 8 RockTimes - Uhren
Klang = 5 RockTimes - Uhren
Achtung! Kopierschutz!


Spielzeit: 64:20, Medium: CD, Emi/Virgin Records, 2005
1:Rough Justice 2:Let Me Down Slow 3:It Won't Take Long 4:Rain Fall Down 5:Streets Of Love 6. Back Of My Hand 7:She Saw Me Coming 8:Biggest Mistake 9:This Place Is Empty 10:Oh No Not You Again 11:Dangerous Beauty 12:Laugh In Early Died 13:Sweet Neo Con 14:Look What The Cat Dragged In 15:Driving Too Fast 16:Infamy
Olaf 'Olli' Oetken, 21.09.2005