Eberhard Schoener
Bali-Agúng/Trance-Formation
Bali-Agúng und Trance-Formation Spielzeit: 39:30 (Bali-Agúng), 38:41 (Trance-Formation), 43:30 (DVD)
Medium: CD/DVD
Label: MIG, 2010 (1975/1977)
Stil: Electronic / World


Review vom 10.11.2010


Wolfgang Giese
Eberhard Schoener wurde am 13.5.1938 in Stuttgart geboren und viele von uns werden mit diesem Musiker, Dirigenten und Komponisten auf die eine oder andere Weise bereits in Berührung gekommen sein.
Nach einem Studium (Violine und Chorleitung) war er zunächst in der E-Musik als Dirigent und Violinist tätig. Mit der Einrichtung eines Labors für elektronische Musik im Jahre 1968 wurde eine neue Ära eingeleitet. Experimente mit dem damals gerade neu aufgekommenen Moog-Synthesizer waren selbstverständlich, einige mögen sich noch an Schoeners Komposition als deutschem Beitrag zur Weltausstellung EXPO in Osaka im Jahre 1970 erinnern. Ein besonderes Anliegen war dem Musiker stets, verschiedene Musikrichtungen zu integrieren, neben 'seiner' klassischen Musik sollten Weltmusik und populäre Strömungen nicht außen vor bleiben.
So kam es im Laufe der Zeit zu vielen Begegnungen mit verschiedenartigen Künstlern, letztlich auch mit Musikern aus Bali, dokumentiert auf der von mir rezensierten Platte. Gamelanorchester, so nennen sich jene dort, die diese spezielle Musik spielen. Das heißt, hier treffen traditionelle folkloristische Klänge mit europäisch geprägter elektronischer Musik zusammen, durchaus eine gewisse Reibung vorausschickend und verheißend. Dieser Kontrast wird noch erweitert, indem mit dem Gitarristen Siegfried Schwab und dem Perkussionisten Pete York weitere Elemente hinzugefügt werden.
Ein Risiko besteht sicher darin, diese Elemente verschmelzen und sie nicht einzeln für sich stehen zu lassen; eine jeweilige Annäherung an die Klangvorstellungen der verschiedenen Welten ist Bedingung, sonst kann ein solches Projekt Gefahr laufen, dass eine unangenehme Atmosphäre entstehen kann, mit der Musik der einen Seite als Beiwerk der anderen Seite. Darum geht es mir nun, dem nachzugehen und zu beurteilen, ob das den Musikern seinerzeit, genauer gesagt war das 1975, gelang.
Stark an Tangerine Dream erinnert "Tjandra", herrlich, diese Mellotronklänge, ja, der Einsatz dieses Instrumentes vermag es immer wieder eine so ganz besondere Stimmung hervorzurufen. Beim zweiten Track geht es dann 'zur Sache' mit balinesischen Vokalbeiträgen, untermalt von wie weit entfernten Synthietönen, und auf "Nadi" schließlich die bekannten Klänge der Gamelanorchester mit den elektronischen Zusätzen vermengt, dazu die Gitarre
Eine besondere Magie nimmt von Beginn des Stückes an ihren Lauf, die Musik hat einen sehr meditativen Charakter. Ich halte das für sehr gelungen, diese Synthese verschiedener Welten, die zum Schluss noch durch Sequenzereinsatz an Fahrt gewinnt, aber letztlich ruhig ausklingt bis sich geheimnisvoll und dumpf klingend "Surija (die Sonne)" erhebt. Im "Ketjak-Rock" hat Pete York seinen Einsatz und wird von stakkatohaften Vokalfetzen und zirpenden Synthieklängen begleitet. Einen stark asiatisch klingenden Ausdruck erleben wir beim Track sieben, bevor ruhig fließende Synthieklänge übernehmen. In der letzten Nummer verbreiten Flöte und Trommeln ein wieder eher balinesisches Bild; integriert ist auch wieder Drummer York mit kurzen Einsätzen.
Insgesamt gesehen ist dieses im Umfeld der elektronischen Musik eine Platte mit einem besonderen Stellenwert, die ihre Besonderheit dadurch gewinnt, dass die Musiker aus Bali integriert wurden und die allen jenen, denen rein elektronische Musik zu langweilig ist, sehr entgegen kommen dürfte.
Der Hintergrund zur Entstehung des Projekts ist hervorragend dokumentiert auf der beiliegenden DVD "Bali-Agúng oder die andere Zeit". Dieser Dokumentarfilm wurde von Schoener mit Hilfe von Johannes Schaaf, Ernst Rothe und Theo Meier auf Bali gedreht. Der Film ist damals auch im Fernsehen gezeigt worden und wurde 1976 sogar ausgezeichnet. Die Geschichte eines kleinen Mädchens am Strand, das Gespräch mit einem Raben, die Ankunft der Musiker im touristisch orientierten Bali und die Suche nach der Ursprünglichkeit, eine Begegnung mit dem Fledermaustempel und dann die hervorragende und faszinierende Vorstellung von Pete York am Schlagzeug, der im Zusammenspiel mit den Gamelanmusikern brilliert und das unter der dirigierenden Regie von Schoener; das alles sind mitreißende Eindrücke, die man beim Schauen des Filmes gewinnen kann. Eine notwendige Ergänzung, die als Gesamtprojekt Freude aufkommen lässt!
Hier noch einige Worte vom Künstler selbst zu diesem Projekt:
»"Sie lassen diese sehr schwierige Musik, die aus sieben und fünf Takten besteht, einfach in sich hineinfließen. Sie spielen, ohne genau zu wissen, was sie tun. Ihre hohe technische Fertigkeit können sie an ein musikalisches Selbstverständnis binden und umsetzen, ohne über den Kopf gesteuert zu sein. Als ich sie nach dem Prinzip ihrer Spielweise fragte, erklärten sie mir, die Musik gleite durch die Finger in das Instrument. Da verstand ich, warum sie so ein beeindruckendes Erinnerungsvermögen haben: weil sie den Weg vom Kopf zu den Fingern ausklammern und stattdessen den Weg vom Bauch zu den Fingern nehmen. Das Prinzip beruhte also auf Intuition. Genauso lernen die Kinder: Sie sitzen zwischen den Beinen der Musiker und ihre Hände werden so lange geführt, bis sie die musikalische Abfolge verinnerlicht haben."«
In Schoeners Diskografie findet man darüber hinaus noch solche Arbeiten wie Auftragsarbeiten zu Filmmusik und zu Fernsehserien, ich nenne hier einmal "Das Erbe der Guldenburgs", "Potsdamer Platz - Herz von Berlin", "Ansichten eines Clowns", "Der Alte", "Derrick", "Traumstadt", "Trotta", "Die Hausmeisterin". Daher meine anfängliche Bemerkung, dass viele von uns mit diesem Musiker mit Sicherheit bereits in Berührung gekommen sind!
Auch die gleichzeitig wiederveröffentlichte Produktion aus dem Jahre 1977, "Trance-Formation", stellt eine absolute Besonderheit dar, bedient sie doch gleich mehrere Genres. Ob es der Einsatz von Mönchsgesängen, des Tölzer Knabenchors oder des Gitarristen Andy Summers, der im gleichen Jahr mit Police seine nächste Station bestieg, ist - viele Zutaten hat Schoener zu einem besonderen Ganzen verarbeitet. Chor und perkussiv-trocken agierende Rhythmusgitarre, Mellotroneinsatz und mitten hinein preschende, scharfe Gitarreneinwürfe. Hier mag der Titel Programm sein, indem man durch "Falling In Trance" in ebensolche verfallen könnte.
Die interessantesten Stücke sind meiner Meinung nach eindeutig die beiden über zwölf Minuten langen Kompositionen, "Shape Of Things" und "Trance-Formation". Der erste schleicht sich ganz langsam mit mystischen Synthieklängen in das Gemüt, diese begleiten uns auch während der ganzen Zeit, dazu Choreinspielungen und ein im Ausdruck mitunter an David Gilmour erinnerndes Solo von Summers (so kenne ich ihn von Police gar nicht, schon eher aus seiner Zeit mit
Eric Burdon). Ansonsten bleibt es bei einer dahinfließenden Atmosphäre, nur der Synthie knarzt zum Ende hin etwas kraftvoller.
Der Titelsong beginnt ganz einfach mit Geräuschen, die allerlei Assoziationen aus der Natur wecken könnten, aber auch eine Darstellung dessen, was in den menschlichen Nervenbahnen geschieht, ist für mich durchaus eine Vorstellung wert. Angesichts dieser zirpenden und teils fauchenden Geräusche - ist das die Reise durch das Innere des Körpers? Doch plötzlich ein Tusch, aus dem sich die zarten Stimmen des Knabenchors erheben, wir sind mitten in einer Kirche des 25.Jahrhunderts, oder? Im Gegensatz zum anderen langen Stück ist hier so richtig etwas los, dabei erscheint es relativ konzeptlos, ich kann jedenfalls kein bestimmtes Muster erkennen.
So mag Schoener selbst sicher am besten seine Intention darstellen, ich halte es ganz einfach für eine Aneianderreihung verschiedener Komponenten auf der Suche nach einem Weg zum Ganzen. Drohende Orgelklänge bis hin zu Dissonanzen verdichtet und aufgeschichtet, zerren an den Nerven und vermögen sicher Bilder in jedem Einzelnen zu gestalten, und plötzlich nimmt der Synthie ein repetatives Muster auf, auf dem sich die Gitarre mit verzerrten und unkontrollierten Klängen austobt und Mary Gregory scheint sich als Opernsängerin zu versuchen. Ehrlich, "Shape Of Things" ist mir da lieber, oder ich habe den Sinn der Transformation nicht erfassen können. Aus damaliger Sichtweise ein Experiment, und Liebhaber elektronischer Töne mag das sicher begeistern angesichts der Ungewöhnlichkeit.
Aber ich halte mich dann lieber auch an "Signs Of Emotion", dem Namen entsprechend auch emotional vorgetragen mit wiederum 'schönem' Gitarreneinsatz, oder "Frame Of Mind" mit Chorgesängen der Knaben als auch der Mönche, geschickt ineinander verflochten, und dazu kommen, wie verschoben wirkend, Perkussion, Gitarre und Keyboards.
Sehr ungewöhnlich, der in dieser Hinsicht interessanteste Titel der Platte.
Line-up:
Bali-Agúng:
Eberhard Schoener (Moog synthesizer, mellotron)
Pete York (percussion)
Siegfried Schwab (classic guitar)
The Gamelanorchestras of Saba and Pinda of Prince Agúng Raka

Trance-Formation:
Eberhard Schoener (Moog-Synthesizer, organ, piano, mellotron)
Andy Summers (guitar)
Hansi Stroer (bass guitar)
Nippy (percussion)
Mary Gregory (vocals)
Raimund Elleder (keyboards)
Members Of The Tölzer Knabenchor
Orchestra Of The Munich Chamber Opera
Monks Of The Monastery Of SAMA
Tracklist
Bali-Agúng:
01:Tjandra [der Mond] (5:32)
02:Rawana [der Dämonenkönig] (3:00)
03:Nadi [in Trance sein] (10:33)
04:Surija [die Sonne] (3:43)
05:Ramayana [Balinesisches Märchen] (3:13)
06:Ketjak-Rock (2:17)
07:Agúng Raka - Dalang [Agúng Raka der Schattenspieler] (5:44)
08:Gong - Gede [Orchester] (5:40)
(all tracks composed by Eberhard Schoener)
Trance-Formation:
01:Falling In Trance (5:42)
02:Shape Of Things (12:26)
03:Frame Of Mind (5:18)
04:Signs Of Emotion (2:53)
05:Trance-Formation (12:19)
(all tracks composed by Eberhard Schoener)
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