Jan Seides / Siren Song
Siren Song Spielzeit: 42:00
Medium: CD
Label: Artsong Music, 2013
Stil: Singer/Songwriter

Review vom 17.10.2013


Sabine Feickert
Ein Grammophon! Mit 'ph' bitteschön!! Und Trichter und Kurbel natürlich.
So ein nostalgisches Abspielgerät wäre eigentlich der würdige Rahmen für Jan Seides' "Siren Song". Platzieren müsste man das in einem eleganten Salon, mit Plüschsofas, Samtvorhängen und schnörkeligen Möbeln. Dort könnte die Texanerin in just diesem klatschmohnroten Kleid, das sie mit schwarzen Handschuhen und ebensolcher Federboa auf dem Cover ihrer CD präsentiert, Hof halten, sich die Zigarette (natürlich mit Zigarettenspitze) von einem jungen Verehrer im dunklen Anzug anzünden lassen und allen anwesenden Herren hoffnungslos den Kopf verdrehen ganz "Femme Fatale".
Ihr meint, ich hab 'ne Meise? Kann gut sein, aber dieses Vögelchen flattert in meinem Hinterkopf unaufhaltsam und lässt das Kopfkino auf Hochtouren flimmern, sobald der Player losrotiert. Eigentlich ist es Musik, die vordergründig in den Bereich Singer/Songwriter oder meinethalben auch Americana eingeordnet werden kann. Und doch fällt sie irgendwie aus diesem Rahmen.
Ich kann nicht genau lokalisieren, warum ist es die Stimme mit diesem ganz zart rauchigen Unterton? Die Songstrukturen? Meine Phantasie zu dieser Frau auf dem Cover? Vielleicht auch 'nur' dieser Sound, der mich an Schellack denken und ganz verschwommen, im Halbdunkel, die "Lili Marleen" bei ihrer Laterne schemenhaft erahnen lässt?
Es sind ganz viele Einflüsse erkennbar. Über den Broadway (dem sie eine eigene Show gewidmet hat) schlendert ein "Circle Of Friends", 'ne "Femme Fatal" aus Dixieland wiegt sich zu den Klängen von Piano und Klarinette (? - im Line-up findet sich leider nur der allgemeine Begriff 'Woodwinds').
Ziemliches Rätselraten bescherte mir übrigens zunächst der Opener "High Hopes For You", der mich eine ganze Weile grübeln ließ, weshalb er mir irgendwie bekannt vorkommt. Die Melodieführung ist ziemlich ungewöhnlich und erinnerte mich sofort an irgendwas, aber ganz diffus. Irgendwann, nach sehr langem Überlegen fiel der Groschen und meine Ratlosigkeit wurde nur noch größer. Die "Hübschnerin" von Rabenschrey war die Parallele, die in meinem Hinterkopf Alarm geschlagen hatte. Vergleichshören war angesagt und es gibt durchaus Ähnlichkeiten im Songaufbau, allerdings nicht dergestalt, dass man die Vermutung anstellen müsste, hier hätte irgendeiner vom anderen gekl... ähm, sich inspirieren lassen. Der nächste Groschen fiel noch sehr viel später, bei intensiverem Stöbern auf Jans Homepage und dem Verweis auf ihre Yiddish Songs & Stories (u. a. "Dona", das als "Donna Donna" der großen Joan Baez wahrscheinlich jeder kennt). Diesen Einfluss tragen wohl beide Songs in sich, die in ihrer Herkunft nun wirklich kaum unterschiedlicher sein könnten.
Nach diesem Exkurs in Sachen Ratlosigkeit aber zurück zu "Siren Song" und dem gar nicht ratlosen Rat, dieser CD unbedingt eine Chance einzuräumen. Zumindest dann, wenn Ihr Euch für einen Mix aus Folk, Jazz, Klassik, Rock und Country mit ganz viel Eigenständigkeit und Atmosphäre erwärmen könnt. Als Anspieltipps stell' ich mal "Thinking Of You" und "Rachel's Sister" in den Salon.
Ich hol dann solange das Abendkleid raus, mach mich auf die Suche nach einem Grammophon und lasse das Kopfkino noch ein Runde weiterflimmern...
Line-up:
Jan Seides (vocals, acoustic guitar, piano)
Paul Pearcy (drums, percussion)
Glenn Fukunaga (bass)
Bradley Kopp (acoustic and electric guitar, harmony vocals - #12)
Jeffrey Barnes (harmonica - #1, woodwinds - #6,8,9)
David Webb (keyboards - #2,4,5,11)
Richard Bowden (fiddle - #10,12)
Lloyd Maines (pedal steel - #3)
Bryan Standifer (cello - #4,7)
Sue Young (harmony vocal - #12)
Tracklist
01:High Hopes For You
02:Dishonesty
03:Gotta Dance
04:Circle Of Friends
05:Behind Closed Doors
06:Femme Fatale
07:Thinking Of You
08:Flying To New York City
09:Rachel's Sister
10:Forgive Your Debtors
11:Every Now And Then
12:I Missed Texas
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