Kenny Wayne Shepherd
12.11.2011, Bluesgarage, Isernhagen
Bluesgarage
Kenny Wayne Shepherd
Bluesgarage, Isernhagen
12. November 2011
Stil: Blues, Blues Rock


Artikel vom 18.11.2011


Olaf 'Olli'Oetken
Eine Fata Morgana des Blues - oder die Metamorphose vom Loudness-Race zum Hochbegabten-Race
Loudness = laut, ist das wirklich statthaft?
Kenny Wayne Shepherds aktuelles Studioalbum ist laut, sehr laut, mit viel Kompression, Pegelspitzen oberhalb des technisch Einwandfreien und daraus resultierender sehr mauer Dynamik, ganz im Kontrast zur gebotenen Musik auf dem silbernen Tonträger, die wirklich mehr verdient gehabt hätte als kompletten Klangmatsch oberhalb der dezenten Zimmerlautstärke und außerhalb der iPod-/Phone-Welt.
Kenny Wayne Shepherds Live-Konzert in der vermutlich kultigsten Garage Deutschlands ist ebenfalls laut, ziemlich laut sogar, aber der Schreiberling dieser Zeilen vernimmt durch seine Ohrstöpsel diesmal klar und deutlich den Herrn Riley Osbourn an den Tasten, leider durch fehlende Bühnengröße ziemlich an den Rand gedrängt und zumindest am Anfang mit einem schon fast grotesk gelangweilten bis depressiven Gesichtsausdruck behaftet. Seine Soli sollten aber noch kommen und diese zaubern zu meiner Erleichterung die Sonne in sein Antlitz und wohlige Klänge in meine etwas angestrengten Ohren.
Für selbige sorgt der Meister himself, der uns eingequetschten Zeitzeugen eines denkwürdigen Ereignisses in der überfüllten Garage eindrucksvoll demonstriert, wie diverse Fender Stratocaster State of the Art geradezu entflammt werden kann, ohne dabei abzufackeln. Es ist einerseits sehr beeindruckend zu erleben, wie virtuos gefühlte 30 Noten in der Millisekunde im vermeintlich ausgelutschten Genre Blues Rock untergebracht werden können, andererseits ertappe ich mich wiederholt dabei, dem immer noch recht jungen Mann der 'Generation Bonamassa' zurufen zu wollen: 'Junge, lass ihn/sie doch mal stehen (den Ton, die Note)!'
Im Laufe des Konzerts wird uns KWS demonstrieren, dass er auch diese Disziplin beherrscht, und zwar mit einer geradezu aufreizenden Leichtigkeit, wie überhaupt sein Spiel die leichteste aller Übungen zu sein scheint, mich als reinen Luftgitarristen aber zunehmend heillos überfordert.
Es besteht kein Zweifel, hier agiert ein Hochbegabter, pulverisiert seine Vorbilder der Kategorie
Jimi Hendrix und Stevie Ray Vaughan und initiiert ein Spektakel ohne eigentliche Bühnenshow oder Pyrotechnik.
Doch selbst das größte Genie ist wenig ohne sein Team, und dieses ist geradezu sagenhaft besetzt. Neben meinem 'Freund' Riley wären das Chris 'Whipper' Layton, seines Zeichens Stöckeschwinger eines gewissen Stevie Ray Vaughan, später dann u.a. mit den Arc Angels und Storyville aktiv, Tony Franklin an den dicken Saiten, u.a. bei der 80er Supergroup The Firm zusammen mit
Jimmy Page, Paul Rodgers und Chris Slade zu Ehren gekommen und nicht zuletzt Sänger Noah Hunt, zwar nicht sonderlich variabel, aber dynamisch kraftvoll bis in die letzte Ritze der Garage. Ein Mikro braucht der Mann nicht wirklich und er versorgt diese Art Musik genau mit der dunklen, etwas angerauten Stimme, die KWS nicht zur Verfügung steht.
Im Gesamtergebnis ein Konglomerat der Extraklasse, welches typisch (?) amerikanische Extrovertiertheit, individuelles Können auf Top-Niveau und traumhaft sicheres Zusammenspiel kumuliert und damit den Blues als Spektakel ins Schaufenster stellt, freilich mit einer gehörigen Portion Rock. Auf der Strecke bleiben dabei der Blues in seiner emotionalen Schlichtheit und der Rock in seiner auch für Laien nachvollziehbaren Rock'n'Roll-Simplizität.
Diesen Weg beschritt schon Jimi Hendrix, nicht zuletzt mit seiner Paradenummer "Voodoo Chile", auch gerne interpretiert von der nachfolgenden Ikone Stevie Ray Vaughan, und am heutigen Konzertabend sollte genau das der definitive Höhepunkt als Rausschmeißer werden. Ein warm gespielter KWS geradezu als Waffe inmitten von gefühlt 30 Minuten "Voodoo Chile" vom anderen Stern, mit einem sensationell stoischen und federnden Chris Layton als Kontrapunkt, der aber gerade dadurch KWS und den ebenfalls entfesselten Tony Franklin erdet, Riley Osbourn mit Tastenläufen als Feuerlöscher und sagenhafte Saitenakrobatik auf höchstem Energielevel, ohne auch nur einmal in Fusionsgefilde abzudriften. Hier gibt es wahrlich ein High-Energy-Extrakt der vorangegangenen gut 1 ½ Stunden, der Song und seine eventuell vorhandene Seele gehen sinnbildlich in Rauch auf und entschwinden im Hochbegabtenkosmos - eine Fata Morgana in einer der selten gewordenen Oasen musikkultureller Ereignisse relevanten Ausmaßes.
Nach 125 Minuten müssen der Schreiberling und seine Mitstreiter das Ganze erstmal sacken lassen, die Anfangvierziger versinken im Sofa, verköstigen Fleischbrötchen und Bratwurst, nippen Hopfenkaltschale und schauen aus, als hätten sie eine Erscheinung gesehen. Nicht umsonst rief der Garagenchef nach den letzten verklingenden Tönen in aller staunenden Offenheit ins Mikro: »Wie geil war das denn?«
Und was sagt das Gästebuch der Bluesgarage?
»Seit den Rory Gallagher-Gigs in den 70ern kein Konzert von ähnlicher Güteklasse gesehen.«

»Wie geil war das denn? Das war im Falle von KWS nicht einfach nur so ein Spruch, diese Show war einfach einmalig!«

»Da schenkt einem die Tochter ein Ticket zum 60igsten - werde 450 km nach Hannover chaufiert -erlebe ein Hammerconcert - () Wahnsinn pur!!!!!!!«

»Im Saal waren mindestens 30 Grad gestern abend, trotzdem hatte ich Gänsehaut, großartig, einmalig, unübertrefflich, die weite Anreise hat sich auf alle Fälle gelohnt!!!!«

»Seit Jahren drauf gewartet, dann sofort Karten gebucht und alle Erwartungen noch übertroffen. Schörkellos, ohne Allüren, ein echter Virtuose mit einer tollen Band.«

»Mann, war das eine geiler Abend. Für mich das Konzert des Jahres. Er kam und rockte das Haus. Dies auch noch ohne Allüren, sondern sympathisch mit Spitzenband und Spaß an der Arbeit.«

»Ohne Worte... ich habe sooo lange auf ihn gewartet und dann kommt er und rockt die Blues Garage!!«
Nun, im Gesamtergebnis komme ich zu der Erkenntnis, dass Loudness = laut für Kenny Wayne Shepherd unbedingt zutrifft, aber letztlich nur eine Facette ist. Zu diesem Künstler gehören deutlich mehr Facetten. Allerdings hätte ich mir persönlich etwas mehr Seele statt imaginären Rauch gewünscht, aber vielleicht erkenne ich diese nur nicht in den Sphären von KWS, welchen ich in dieser Form wohl noch nie beiwohnen durfte.
Ein bemerkenswertes Konzert!
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