Savatage / Hall Of The Mountain King
Hall Of The Mountain King Spielzeit: 39:23
Medium: CD
Label: Atlantic Records, 1987
(1997/Edel, 2002/SPV, 2011/earMusic/Edel)
Stil: Prog Metal


Review vom 21.12.2008, Nachtrag vom 17.12.2011


Ilka Heiser
Seinen Anfang nahm das Kapitel Savatage bereits 1981, als die Brüder Christopher [Criss] und Jon Oliva in Clearwater, Florida die Band Avatar gründeten. Nach mehreren Line up-Wechseln kristallisierte sich mit den Oliva-Brüdern, Keith Collins (Bass) und Steve Wacholz (Drums) ein harter Kern heraus. In dieser Besetzung veröffentlichte man im selben Jahr die 7 Inch-Single "City Beneath The Surface", bevor man sich an die Aufnahmen für das Album "Sirens" wagt. Aus rechtlichen Gründen musste sich die Band zwei Jahre später umbenennen und es wurde Savatage geboren.
1984 erschien das Minialbum "The Dungeons Are Calling" und ein Plattenvertrag mit Atlantic konnte unterschrieben werden. Nachdem 1985 "Power Of The Night" veröffentlicht wurde, war es für die Band nicht nur ein Debüt auf dem neuen Label, sondern auch als Band Savatage.
Als dann aber im Jahr 1986 Johnny Lee Middleton den Bass von Keith Collins durchgereicht bekam, begann damit auch das sogenannte 'Bäumchen-wechsel-dich-Spiel'. Die einzigen Konstanten bei Savatage blieben die Gebrüder Oliva.
Criss Oliva war ein verkannter Gitarrengott, der auf Grund seines unverwechselbaren Lava-Sounds auf eine Stufe mit Eddie Van Halen oder auch Randy Rhoads gehört. Seine feinen Gitarrenlicks veredelten "Power Of The Night" natürlich genau so wie die nachfolgenden Scheiben "Fight For The Rock" (VÖ 1986, dieses Album wird von der Band auch heute noch wegen seiner kommerziellen Ausrichtung als Alptraum und von den Fans als einmaliger Ausrutscher bezeichnet), "Hall Of The Mountain King" (1987), "Gutter Ballet" (1989), "Streets - A Rock Opera" (1991) sowie "Edge Of Thorns" (1993).
Leider verstarb der Leadgitarrist im Oktober 1993 im Alter von nur 30 Jahren durch einen unverschuldeten Autounfall.
Zu Bruder Jon fand ich ein Zitat, welches mich sehr amüsierte: »Multi-Instrumentalist, Beatles-Maniac, humorvolle, große Persönlichkeit zwischen Genie und Wahnsinn, inspirierter Songwriter und Producer, der im Leben so ziemlich alles ausprobiert hat, was Mama und Papa verboten haben, Absolvent diverser Drogen- und Alkohol-Entzugskliniken« (das Album "Gutter Ballet" wurde übrigens in einer Entziehungsklinik aufgenommen - Anm. d. Verf.) »und last but not least einer der stilechtesten Heavy Metal Sänger aller Zeiten[]«. Erwähnen möchte ich noch, dass dieser Mann mit seinen irren Lead-Vocals das Markenzeichen von Savatage ist. Ab 1992 steigt jedoch Zachary Stevens als Frontman ein, nachdem es für Jon bereits nach der Mountain King-Tournee eine einzige, körperliche Tortur ist, auf seine Art zu 'singen'.
Von 1994 bis 2001 werden unter dem Banner Savatage auch weiterhin in schöner Regelmäßigkeit Platten veröffentlicht, wenn auch, wie bereits erwähnt, mit wechselnder Besetzung. Aber das ist eine andere Geschichte.
Warum ich mir aus dem reichlichen Savatage-Fundus nun gerade "Hall Of The Mountain King" rausgepickt habe, ist eigentlich relativ schnell erklärt: Es ist für mich, neben "Gutter Ballet", das stärkste Album der Band. Sicherlich mag mir der eine oder andere widersprechen, aber damit kann ich locker leben. Mit dieser Scheibe hat die Band um den 'Mountain King', die nur all zu deutlich die Handschrift des neuen Mannes, Producer Paul O'Neill trägt, Maßstäbe gesetzt. Und mit dieser Platte katapultieren sich Savatage - nach dem schweren Fiasko mit "Fight For The Rock" und der anschließenden katastrophalen Europatour (der Band wurde von ihren 'Betreuern' die Kasse geraubt und Jahre später sollte es ihnen noch einmal passieren - wieder einmal griffen Manager in die Kasse und verschwanden mit dem Geld auf die Bahamas - damit platzte die geplante "Handful Of Rain"-Tour) - zurück in den Rock-Olymp und selbst in den USA erreichen sie endlich den wohlverdienten Durchbruch.
Wesentlich härter als beim Vorgänger "Fight For The Rock" ist man hier zu Gange und vereint gekonnt Power Metal mit tonnenschwerem, symphonischen Bombast.
Diese Härte wird auch gleich mit dem stellenweise sehr komplexen - mit wummernden Doublebass-Salven gespickten - Opener "24 Hours Ago" demonstriert.
Das folgende "Beyond The Doors Of The Dark" haut, trotz seines getragenen Intros in die gleiche Pfanne. Pumpende Rhythmen legen das Fundament für genau getimte Gitarrenläufe und Jon Oliva 'kotzt' inbrünstig ins Mikro:
»Beyond the doors of the dark
Demon in your heart
Scream and thrash your head
Turn around now you're dead
Under the darkened haze
Lost here in glaze
Are you looking to be free
A never ending suicide
Of nightmares you have inside«
,
das Ganze immer wieder unterbrochen von Olivas wahnwitzigen, spitzen Schreien, veredelt mit passendem Chorgesang und feinen Gitarrensoli. Wie hoch ist der Wiedererkennungswert? Ich würde sagen - er tendiert gegen Null - aber gerade das macht die Nummer so interessant und zu einem Knaller auf der Scheibe.
Criss Olivas Interpretation der Komposition des norwegischen Romantikers Edvard Grieg aus der "Peer-Gynt-Suite" - "In der Halle des Bergkönigs" - nämlich das knapp dreiminütige "Prelude To Madness", dessen Intro wohl jedem, der sich auch nur ansatzweise mit Klassik beschäftigt, bekannt sein dürfte - gehört für mich neben dem powervollen Titeltrack zu den Savatage-Hymnen. Ja, ich gehe sogar so weit und wage zu behaupten, dass diese Stücke - "Gutter Ballet" aus der nachfolgenden, gleichnamigen Platte natürlich mit eingeschlossen - ohnehin absolute Savatage-Songperlen sind.
Keine Frage, die Band um das Songwriter-Duo Criss und Jon ist nun gereift und hat ihre Arrangements weiter perfektioniert. Man neigt mehr und mehr zu epischen Inszenierungen oder greift nach Anleihen des 60er und frühen 70er Prog Rock, was ganz besonders bei dem schon fast poppigen "Strange Wings" ersichtlich wird.
Aber zurück zum Titeltrack, "Hall Of The Mountain King". Ich glaube, bei der Komposition dieses Stückes wussten die Protagonisten selbst noch nicht, was für einen Überflieger sie hier in die Rille gießen werden: Mit tonnenschwerer Wucht groovt sich die Rhythmus-Sektion durch den Song, Axe-Man Criss setzt gekonnt seine Licks. Man lässt das Stück fließen, auseinanderdriften, um es am Ende Ton für Ton wieder einzusammeln und in geordnete Bahnen zu lenken. Damit wird ein hervorragendes Fundament für Sirene Jon O. geschaffen, der hier alle Facetten seiner stimmlichen Fähigkeiten ausreizt und sich damit selbst ein Denkmal setzt: The Mountain King was born! Hammer!
Wie gefühlvoll der Saitenhexer seine Klampfe bedienen kann, beweist Chris in dem Instrumental "Last Dawn", welches in den wuchtig nach vorn treibenden 'Rausschmeißer' "Devastation" überleitet und eine Platte abrundet, die für mich zu den absoluten Highlights meiner Sammlung gehört. Wer wollte Savatage jetzt noch die Krone der Prog Metal-Könige absprechen?
Zwischenzeitlich schreiben wir das Jahr 2008 und Savatage-Fans werden wohl auch weiterhin vergeblich auf neue Werke ihrer Götter hoffen müssen, denn der umtriebige Jon Oliva ist nach wie vor sehr erfolgreich mit seinen Projekten wie Jon Olivas Pain und Dr. Butcher, arbeitet auch schon mal mit Chris Caffery zusammen und auch Zak Stevens ist nicht untätig, so dass uns wohl nur noch eins bleibt: hoffen und warten und warten und hoffen...
[Nachtrag, 17. Dezember 2011]
Im Rahmen einer Zeitreise hatte ich mich 2008 für eine Besprechung von Savatages "Hall Of The Mountain King" entschieden, da das Teil zu meinen absoluten Faves gehört. Seit einiger Zeit wird der gesamte Backkatalog der Band, versehen mit dem einen oder anderen Schmankerl, als Release veröffentlicht.
Dieser Platte zum Beispiel wurden zwei Bonustracks beigefügt: jeweils eine Akustik-Version von "Castles Burninge" sowie "Somewhere In Time/Alone You Breathe". Geschmückt mit einem fetten Booklet, in dem nicht nur sämtliche Linernotes und Songtexte enthalten sind, denn Jon Oliva hat dieses noch durch ein paar Zeilen zur Entstehung von "Hall Of The Mountain King" ergänzt. Das Album erscheint in der vorletzten Runden des Re-Issue-Reigen.
Eine feine Sache für alle Savatage-Jäger und Sammler, denn sämtliche Veröffentlichungen des Backkataloges nebeneinander gestellt, ergeben den Schriftzug der Band. Macht sich hübsch im CD-Regal, kann jedoch zur Belastung der eigenen Geldbörse werden, wobei sich der Preis jeder einzelnen Platte mit um die 9,00 Euro (bei Amazon) im Rahmen hält.
Releases:
2001 Poets And Madmen
1997 The Wake Of Magellan
1996 From The Gutter To The Stage
1995 Dead Winter Dead
1995 Japan Live '94
1995 Ghost In The Ruins
1994 Handful Of Rain
1993 Edge Of Thorns
1991 Streets - A Rock Opera
1989 Gutter Ballet
1987 Hall Of The Mountain King
1986 Fight For The Rock
1985 Power Of The Night
1984 The Dungeons Are Calling
1983 Sirens
Tracklist
01:24 Hours Ago
02:Beyond The Doors Of The Dark
03:Legions
04:Strange Wings
05:Prelude To Madness
06:Hall Of The Mountain King
07:Price You Pay
08:White Witch
09:Last Dawn
10:Devastation
Externe Links: