Schandmaul / So weit, so gut
So weit, so gut Spielzeit: 68:00
Medium: CD
Label: F.A.M.E., 2013
Stil: Mittelalter

Review vom 13.08.2013


Sabine Feickert
Schandmaul ich muss ganz ehrlich gestehen, so ein bisschen hatte ich sie (wie überhaupt die ganze Mittelalterrockszene) aus dem Fokus verloren. Zum Teil mag das an mir liegen, ist doch verdammt viel passiert in meinem musikalischen Leben in den letzten fünf Jahren (Teufel nochmal, das ist ja tatsächlich schon fünf Jahre her, dass ich ihre Sinnbilder vorstellen durfte). Und seit dem Traumtänzer ist die 'fruchtbarste Band Deutschlands' in meiner Erinnerung vor allem durch neue Schandmäulchen und die Jungs auf ihrem Spielplatz in Erscheinung getreten. So 'ganz nebenbei' haben auch die Frauen noch musikalische Nebenprojekte laufen, Thomas bringt mit seinem Bruder Hörspiele raus und unterstützt auch mal junge Kollegen.
Klar war da im Hinterkopf die Ankündigung des großen 15-Jahre-Jubiläums in Köln, das schon vor etwa eineinhalb Jahren verkündet wurde. Aber so wirklich präsent waren sie für mich nicht in der letzten Zeit. Dazu mein Eindruck, dass sich die Mittelalterrockszene (zumindest in Teilen) gerade neu aufstellt, jeder für sich eine neue Ausrichtung sucht. Härter, metallischer werden viele. Andere wollen Geld verdienen um jeden Preis, wenn's sein muss sogar in der Schlagerparade.
Eine gewisse Portion Skepsis erfüllte mich, als wir die CD zum Bandjubiläum angeboten bekamen. Und ein bisschen Neugier....
...mit diesen Mixed Emotions legte ich die frisch eingetroffene Scheibe im Auto in den Player was gibt es besseres für einen ersten Eindruck, als 'ne lange Autobahnfahrt?
"So weit, so gut" also.... und ein paarundhundert Kilometer später? Hach, Erleichterung und Freude machen sich breit, zumindest wenn das die Ausrichtung für die nächsten 15 Jahre wird.
Stein-vom-Herzplumpser Nummer 1: Das mit der Schlagerparade wird wohl nix!!
Stein-vom-Herzplumpser Nummer 2: Fürrrrrchterlich böse und metallisch auch nicht!!
Wie dann??
Los geht's von Null auf Hundert mit "Folk'n Roll", einem bisher nicht veröffentlichten, reinen Instrumentalstück muss man laut hören!! Den Anfang macht Biggis Dudelsack, nach und nach setzen die anderen Instrumente ein, die Schandmäuler spielen sich warm für das, was die nächste gute Stunde die Boxen wackeln lässt. Da kommt Live-Feeling auf, wer Schandmaul mal mit der Rockshow auf der Bühne gesehen hat, weiß was ich meine...
für alle anderen: die Nummern kommen 'nen Tacken härter und rauer, mit mehr Schmackes. Als alte Bekannte (aus "Spitzbuben und andere Halunken"-Zeiten) holen die "Herren der Winde" dann Thomas Lindner mit auf die imaginäre Bühne ans Mikro. Hmm, ob es die Nachwirkung der Kehlkopfentzündung Anfang letzten Jahres ist oder einfach eine Weiterentwicklung? Mir kommt es so vor, als ob seine Stimme ein wenig rauchiger geworden ist. Passt aber gut zum Rest.
Es juckt mich dann aber doch in den Fingern und ich lege zum Vergleich ihren Erstling "Wahre Helden" und im direkten Anschluss "So weit, so gut" in die (gleiche) Anlage. Ohne jetzt Einzelsongs zu sezieren, mein erster Eindruck bestätigt und konkretisiert sich. Nicht nur die Stimme von Thomas, ganz besonders auch Anna Katharinas Geigenspiel fällt mir als kratziger und sperriger auf. Auch der Rest der Band zieht mit und das Ergebnis ist insgesamt weniger lieblich, hat durch die Ecken und Kanten aber für mein Empfinden enorm gewonnen.
Bis auf die "Sigfrid Trilogie" und "Der Clown" wurden alle Nummern neu eingespielt, bzw. im Fall von "Folk'n Roll", "Herz aus Gold" und "Orientexpress" handelt es sich um neues Material.
"Herz aus Gold", eine Ballade im typischen Schandmaul-Stil, fügt sich nahtlos in die Linie der neuinterpretierten 'Klassiker' ein, während der "Orientexpress" als weitere Instrumentalnummer wen wundert's? - orientalische Klänge an Bord hat und durch die gut gewählte Reihenfolge auch schön als 'Extended Intro' zur "Goldenen Kette" passt. Zumindest zu der neuen Version.
Apropos 'extended' "So weit, so gut" gibt es neben der hier besprochenen Version auch als Doppeldecker Extended Edition mit 17 weiteren Titeln (allerdings in den ursprünglichen Aufnahmen).
Die Aufteilung der Songs über die beiden CDs macht Sinn während sich auf der 'normalen' "So weit, so gut" die Neueinspielungen aus den ersten Alben tummeln, sind auf der Zweiten dann auch die neueren Sachen vertreten. Ob man sie nun wirklich unbedingt braucht und, wenn ja, in welcher Edition, darüber ließe sich wahrscheinlich trefflich streiten. (Es ist auch eine Limited Edition, die zusätzlich noch ein Shirt und einen Schandmaul-Joker als Temp-Tattoo enthält, exklusiv bei einem großen Onlineversand erhältlich).
Spaß macht die Zusammenstellung aber auf jeden Fall.
"So weit, so gut" also. Betrachten wir die Scheibe als ausgesprochen leckeren Appetithappen, der Lust auf das Jubiläumsevent in Köln und noch mehr Lust auf die für Anfang nächsten Jahres angekündigte neue Scheibe weckt.
"So weit, so gut", auf zu neuen Schandtaten!!
Line-up:
Birgit Muggenthaler-Schmack (Dudelsack, Flöten, Schalmeien, Gesang)
Matthias 'Hiasl' Richter (E-Bass, Fretless-Bass, Akustikbass)
Stefan Brunner (Schlagzeug, Percussion)
Martin 'Ducky' Duckstein (E-Gitarre, Akustik-Gitarre, Klassische Gitarre, Gesang)
Anna Katharina Kränzlein (Geige, Drehleier, Bratsche, Gesang)
Thomas Lindner (Stimme, Akustik-Gitarre, Akkordeon)
Tracklist
01:Folk'n Roll
02:Herren der Winde
03:Sigfrid Trilogie
04:Geisterschiff
05:Herz aus Gold
06:Teufelsweib
07:Orientexpress
08:Die goldene Kette
09:Der Clown
10:Vogelfrei
11:Trinklied
12:Walpurgisnacht
13:Der letzte Tanz
14:Dein Anblick
15:Willst Du
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