Seth / Same
Same Spielzeiten: 73:07 (CD 1), 77:03 (CD 2)
Medium: Do-CD
Label: Minotauro, 2014
Stil: Rock


Review vom 25.01.2015


Jochen v. Arnim
Menschenskinder, selten habe ich mich schwerer getan, substanzielle Informationen zu einer Band, deren Mitglieder und Vita oder Veröffentlichungen zu finden, als das hier bei unserem Trio der Fall war. Seth nennt sich die Formation und augenscheinlich schwirrt sie bereits seit 1974 durch das Rock-Universum, oder sollte ich besser nur irrt sagenů
Die einzige Konstante in unserem Dreigestirn ist seit Beginn der Gitarrist, Sänger und auch sonstiges Mastermind Gerard 'Gerry' Stafford. Daneben hat er in den vergangenen fast 41 Jahren sieben Trommler und acht Bassisten in seinen Diensten gehabt. Das u. a. Line-up bezieht sich auf die Angaben im Booklet und muss wohl in der Kernzeit um die Entstehung des ersten Albums ("Seth") irgendwann um 1980 liegen.
Dieses Album sei seinerzeit veröffentlicht worden und gehöre mittlerweile - längst 'out of print' - zu der Kategorie gesuchter Sammlerstücke, sagt man. Wie auch immer, die Karriere der Band muss eine jener Achterbahnfahrten (gewesen) sein, die immer wieder den richtigen Durchbruch und konstantes Bestehen verhindert haben. Unlängst jedoch soll eine maßgebliche Person namens Glenn Wrigley zufällig in einem Plattenladen in Boston gewesen sein, als dort ebenso zufällig einer der ganz alten Songs von Seth ("LZ 129") gespielt wurde. Und zufällig arbeitet jener Glenn bei Minotauro Records, einem Label, das sich u. a. auf die (Wieder-)Veröffentlichung von Obskurem spezialisiert hat. Wie das Leben dann manchmal so spielt, das Ergebnis dieses Plattenladenbesuchs rotiert nun in meinem Player.
Das erste Kompliment geht mal vorneweg an die Aufmachung. Ähnlich schön wie unlängst die Re-Releases von Jack Starr kommt auch "Seth" daher: Gatefold mit zwei separaten Innenschubern, in denen die beiden CDs stecken und dazu zwei Falt-Booklets mit ein wenig Info, Liner Notes und alten Fotos, Tickets und Plakaten als Collage. Dazu haben wir dann natürlich die zwei Scheiben, die mit jeweils über siebzig Minuten richtig voll sind.
CD Nummer 1 beinhaltet neben den Tracks des ursprünglichen Albums einige frühere Studioaufnahmen sowie eine alternative Version des bereits angesprochenen "LZ 129". Musikalisch erstreckt sich das Repertoire von seichtem Pop Rock (u. a. "Directly In Love"), dessen Gesangsharmonien stark an die späten Sechziger und Siebziger erinnern, über seichte Rock-Balladen (z. B. passenderweise "Murder 1" oder auch "The Sea / Falling") bis hin zu harten, subjektiv an eine Mischung aus Heart und MC5 erinnernde Tracks ("Allen Wants A Ride").
Man hört durch die Bank weg, dass die musikalische Sozialisation der Herren in den ausgehenden sechziger und den siebziger Jahren stattgefunden hat, deren Rockmusik sie auch immer wieder mal einige fast schon proggige Elemente einfügen. Bei den etwas knackigeren Songs kommt zudem ab und an des Meisters Neigung zu schneller und technisierter Frickelei zum Tragen. Aber auch die anderen Instrumente dürfen sich durchaus an die Oberfläche spielen, egal, ob es mal der Bass ist oder ein psychedelisch angehauchter Synthesizer.
Die zweite CD ist, wie auch der Rest auf der ersten, ein Potpourri aus über dreißig Jahren: Studio-Clips, Probeaufnahmen, unveröffentlichtes Single- und Album-Material und sog. Home Recordings. Man hört, dass einige dieser Takes ursprünglich wohl in der vorliegenden Form nicht für eine Veröffentlichung gedacht waren. "Race To Olympus" und "Caught In A Trance" (irgendwie musste ich hier denken, dass Alice Cooper in eine Probe-Session von Cheap Trick gestolpert ist), als nicht veröffentlichte Single, sind qualitativ höherwertig, aber immer noch weit davon entfernt, mit dem Prädikat eines Spitzenmasterings ausgezeichnet werden zu können.
Clips wie das "Guitar Solo" von 1983 sind eben genau das, nämlich Clips und runden die Urteilsfindung deutlich ab: CD 1 mit dem ursprünglichen Album und den weiteren Studioaufnahmen ist eine Werkschau über das musikalische Vermögen der Band, besser noch über das des Gerard Stafford. Sind doch in der Zeitspanne der hier vertretenen Aufnahmen neben dem u. a. Line-up noch weitere Musiker beteiligt gewesen. CD 2 ist eine ellenlange Sammlung über einen ellenlangen Zeitraum. Man kann als aufmerksamer Hörer aber durch eine interessante Entwicklung der musikalischen Ausrichtung bis heute verfolgen. Die Soundqualität der Tracks reicht von 'bescheiden' bis zu 'ordentlich'.
Laut Aussage von Stafford hat sich die Band Seth immer außerhalb der Norm bewegt, was die Entscheidungsträger in der Musikindustrie wohl ein wenig verschreckt haben muss. Ich gestehe, ich bin geneigt, dieser Argumentation zumindest in Teilen zu folgen. Da sind einige sehr coole Stücke vorhanden und am musikalischen Vermögen möchte auch gar nicht gerüttelt werden. Manchmal jedoch fehlt mir bei der etwas sprunghaft anmutenden, genreübergreifenden Songanordnung von Klassik über Jazz Rock, Pop Rock hin zu Prog Rock und Hard Rock ein wenig der rote Faden.
Dennoch ist dieser Release sicherlich ein wichtiges Dokument für die Geschichte der Band Seth, die ja mit neuem Line-up immer noch aktiv ist. Schön für die Fans ist natürlich auch die Tatsache, dass das gesuchte Album nun wieder erhältlich ist und wenn man die restlichen sechsundzwanzig Tracks auf diesem Doppelalbum als reine Boni auffasst, dann stimmt die Rechnung wieder. Zudem muss man natürlich das Minotauro-Label dafür loben, dass es sich solcher Raritäten annimmt und diese mit viel Aufwand für den Fan aufbereitet.
Line-up:
Gerard 'Gerry' Stafford (vocals, guitar, synthesizer)
Rich Santapaga (bass, synthesizer, vocals)
Dom Martignetti (drums, percussion, vocals)
Tracklist
CD 1:
01:Directly In Love (1980 Seth Album)
02:Murder 1 (1980 Seth Album)
03:The Sea / Falling (1980 Seth Album)
04:Allen Wants A Ride (1980 Seth Album)
05:Introduction (1980 Seth Album)
06:Rock Of Gibraltar (1980 Seth Album)
07:LZ 129 (1980 Seth Album)
08:Turn 9 (1980 Seth Album)
09:The Difference (1980 Seth Album)
10:LZ 129 (Alternate Album Version)
11:Rifle (1979 Studio)
12:Murder 1 (1979 Studio)
13:Gotta Get Home (1979 Studio)
14:Let's Be Close Again (1979 Studio)
15:Operation Red Dear (1979 Studio)
16:Bleeding From The Mouth (1979 Studio)
CD 2:
01:Race To Olympus (1982 Unreleased Single)
02:Caught In A Trance (1982 Unreleased Single)
03:Race To Olympus Version 2 (1982 Unreleased Single)
04:Guitar Solo (1983 Live Jumbo)
05:Concealed Weapon (1983 Live Jumbo)
06:In The Beginning (1986 Unreleased Cryer Album)
07:Entrance / Caught In A Trance (1986 Unreleased Cryer Album)
08:Dreams Of Waiting (1986 Unreleased Cryer Album)
09:Loud And Clear (1986 Unreleased Cryer Album)
10:She Talks (1986 Unreleased Cryer Album)
11:Bad News (1986 Unreleased Cryer Album)
12:Let Me Check (Under Your Hood) (1998 Everett Complex Rehearsal)
13:The Consequence Of Youthful Indiscretion (2001 Charlestown Complex Rehearsal)
14:Rotation (2001 Home Recording)
15:Useful One (2006 Bob Johnston Sessions)
16:The Blues Are Killing Me (2006 Bob Johnston Sessions)
17:World Is Closed Today (2006 Bob Johnston Sessions)
18:Christmas In Elyssium (2008 NU-ZU Studio Session, Providence)
19:The Abbey Of Thelema (2014 Recording Sessions)
Externe Links: