Seven Steps To The Green Door / Step In 2 My World
Step In 2 My World Spielzeit: 65:48
Medium: CD
Label: ProgRock Records/SPV, 2008
Stil: Crossover Prog


Review vom 17.12.2008


Ingolf Schmock
Vor zwei Jahren befand der Rezensent resümierend über die Ausbaufähigkeit des musikalischen Debüts, des hier zu besprechenden Bandprojektes aus dem Südwesten des Freistaates Sachsen.
Amtlicher Projektkoordinator und Multiinstrumentalist Marek Arnold hat diesen äußerst kreativen Zeitraum genutzt, um mit seinen brillanten Mitmusikern, einen vor stilistischer Vielfalt strotzenden Zweitling zu produzieren, welcher gerade meinem ersten Höreindruck Zucker einverleibt bzw. mich freudig überrascht.
Künstlerische Freiheit im progressiven Rockgenre gewinnt in "Step In 2 My World" nochmals an Bedeutung und bescheinigt dem Septett mit den drei Leadvokalisten Anne Trautmann, Ronny Gruber und Lars Köhler einen erweiterten musikalischen Horizont, ohne jegliche kalkulierte Schemata.
Die 'sieben Stufen zur grünen Tür' haben sich ganz selbstverständlich mit diesem Studiowerk einen hohen künstlerischen Rahmen geschaffen, welchen sie mit raffinierten und unterschiedlichen Zutaten glanzvoll auszufüllen vermögen.
Marek Arnold & Co. Ließen sich auch diesmal wieder vom Nuancenreichtum populärer Musik verführen, um daraus Kompositionen zu erschaffen, die trotzdem ein stimmiges Gesamtarrangement vermitteln. So verwursten diese eine nahrhaft aufbereitete Masse aus dem mit modernem Metal, Pop, Funk, Rap, Jazz, Singer/Songwriter und klassischen Progelementen angefüllten Bottich zu einem genüsslichen Endprodukt, welches sogar musikalischen Vegetariern keine Bauchschmerzen verursachen sollte.
Hier arbeiteten engagierte und souveräne Musikanten mit viel Liebe am Detail, um mit dieser Produktion deutsche Beliebigkeit und Oberflächlichkeit in der aktuellen Musiklandschaft ad absurdum zu führen.
Es ist schon merkwürdig: Da bastelt dieses mittlerweile preisgekrönte, ambitionierte Bandprojekt ein wirklich ausgeklügeltes Album mit vorbildhaften eigenständigen Songideen zusammen, muss aber trotzdem den Veröffentlichungsumweg über ein kleines kalifornisches Proglabel mit dementsprechend minimalem Budget wählen, weil hierzulande offensichtlich der Mut fehlt anstatt in musikalische Qualitäten, in Retortenbands und andere Goldesel zu investieren. Dabei besitzt diese tadellos produzierte Scheibe sogar ein Quäntchen kommerzielles Potenzial im positiven Sinne und hätte mit ihrem modernen Zeitgeist die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums verdient.
Vor allem die Songschreiberqualitäten und die Finesse in der Verschmelzung von Kreativität, zieht sich wie ein roter Faden durch alle zehn Kompositionen. Die Protagonisten zeigen sich als gereifte Gestalter bereit und in der Lage, ihre sehr verschiedenen Kabinettstückchen konsequent nach ihrem jeweiligen Ausdruck zu formen bzw. zu gestalten.
Bei seinem musikalischen Kreuzzug bedient sich das Ensemble, zur Freude der Prog-geneigten Zuhörer, maßvoll der Agogik, lässt aber auch reichhaltig elektronische Verzierungen und klassische Klangvignetten in den instrumentalen Farbencocktail mit einfließen. So erkunden sie ein beachtliches Terrain von experimentellen Sounds und knüpfen stellenweise zarte Bande zu jazzigen Variationen, was nicht zuletzt Musikus und Tonregler Marek Arnold auf den Leib geschrieben scheint, welcher dann auch ungeniert seine Fähigkeiten an allerlei Tasteninstrumenten unter Beweis stellen darf.
Den Begriff Crossover halte ich durchaus dafür angebracht, was dieses Multitalent, welcher übrigens nebenbei die Prog Metal-Kapelle Toxic Smile am Leben erhält, mit der erfahrenen Rhythmusfraktion der Ex-Funk Rock-Band Mother's Pride, Ulf Reinhardt (dr) und Heiko Rehm (b), dem gefragten Saitenvirtuosen Andreas Gemeinhardt nebst dem schon erwähnten Gesangstrio, auf diesen Tonträger zu bannen vermochte.
Dabei ist durchgehend hohe Musikalität angezeigt, aber nie auf Kosten der Melodien, bei deren Aspekt das ausgezeichnete Gespür für einprägsame Vokalharmonien keine unwesentliche Rolle übernimmt.
Die Sachsen überfordern den Konsumenten schon beim schillernden Opener "New Rising", ein symphonisches Mauerblümchen, welche alle Tugenden der Prog-Alchemisten - von süffigen Keyboards, beschwingten Klarinettenarppegios bis hin zu glissandierenden Gitarrenlinien über den variablen Grooves des Rhythmusfundaments - in das sechs Minuten-Format zu komprimieren vermag. Veredelt bzw. auffrisiert wird dieser musikalische Köder vom mehrstimmigen Vokalkolorit, wobei Anke Trautmanns Gesangsbeiträge häufiger positiv in den Vordergrund rücken.
Letztgenannte alterniert auch beim anschließenden "Stay Beside" im Dialog mit Arnolds ausladend dominanten Pianospiel und der melodieversessenen Gitarrenfraktion, welche sowohl beim Härtegrad, als auch solistisch vital brillieren darf.
Clevererweise beherrschen die Akteure die Arrangements, lassen den heftigeren Gitarrenausbrüchen und Rhytmusattacken, wie im Titeltrack, auch rechtzeitig fein gewobene Soundteppiche aus Melancholie und Weltschmerz, wie etwa bei der Edelkitsch-Ballade "Melissa" folgen, was den Hörer doch eher zu einem ansprechenden Stimmungswechsel verführen dürfte. Bekanntes und Fremdes harmoniert und kollidiert somit abwechselnd miteinander, hält sich letztendlich aber jedoch immer die Waage.
So benötigt man bei diesem Werk auch wieder einige Hördurchgänge, um das künstlerische Sebstverständnis dieser Combo sowie den knapp bemessenen, einprägsamen Momenten, den wahren musikalischen Wert abzugewinnen. Dies ist trotz stilistischer Breite nicht unbedingt jedermanns Geschmack, und sogar kein Futter für die komplexe Frickelfraktion oder den Progpuristen. Man muss den Beteiligten aber ein exzellentes Gespür für Abwechslung attestieren, ohne sich dabei jemals in egozentrischen Ausflügen zu verheddern.
Der tolerante Musikliebhaber dürfte aber seine Freude an einigen, mit typischem Jazz-Instrumentarium beseelten, Kompositionen, wie dem bruchlosen Fusion-Instrumental "My Lovely Mr.Singing Club" verinnerlichen, aber dagegen auch nicht während der rauen, aber substantiellen Rap-, Hardcore-, Funk-Variation von "Rising Shore" die Kopfhörer frustig in die nächstbeste Zimmerecke werfen. Die ekstatische Intensität und besondere Farbgebung im kollektiven, aber mitunter auch konservativen "Paid For Glance" wird hingegen das Proggieblut zum Überschäumen nötigen, vereinigt es doch, mit perlenden Synthiesounds der alten Schule, klassisch animierten Pianopassagen, mehrstimmigen Vokalharmonien, zelebrierten Breaks und einem expressiven Saxophon, welches sich am Ende in gewaltigen Akkordrepetionen zu einem beeindruckend dynamischen Höhepunkt aufschwingt, alle dazu notwendigen Zutaten.
Für jeden Einzelnen dürfte sich auf diesem Wege sein individuelles Juwel aus diesem musikalischen Portfolio herauskristallisieren. Die Einen mögen es lieber mehr verspielter und rockiger, mit dem Hauptaugenmerk auf Melodie, wie das von Gastsänger Larry B. (Ex-Toxic Smile und neuerdings bei der legendären Stern Combo Meißen) vorgetragene "Moon Talks To Me", den Anderen bringen vielleicht die süßlich liedhaften Hymnen mit Gänsehautgefühl, wie z.B. "Closer" die Erfüllung.
Mit welcher Professionalität dieses Ensemble den Hörer förmlich an die Hand nimmt und durch die zehn regulären Kompositionen geleitet, ohne dass dieser sich darin verirrt, verdient große Bewunderung.
Resümierend ist dieser Silberling ein treffendes Beispiel dafür, dass man Vielfalt nicht mit Beliebigkeit gleichstellen darf. An diesem eindrucksvollen Werk gibt es kaum etwas zu bemängeln, vielleicht nur, dass man sich die zwei obskuren Bonus-Tracks nun wirklich lieber hätte verkneifen sollen.
Für "Step In 2 My World" gilt in jedem Fall die höchste Empfehlungsstufe, und es dürfte mit seinem Melodienreichtum und den abwechslungsreichen Arrangements jeden Freund der anspruchsvollen Rockmusik begeistern.
Es sei mir noch erlaubt einen abschließenden Wunschgedanken anzumerken. Möge die heimische Musikindustrie doch zukünftig solchen beherzten und kreativen Bandprojekten, wie beispielsweise Seven Steps To The Green Door, eine größere Publizität einräumen, und Werbe-/Finanzkraft dazu benützen, der hiesigen musikalischen Spreu mehr Chancengleichheit einzuräumen, um eine Abwanderung und den Reimport derselben letztendlich abzuwenden.
Tracklist
01:New Rising
02:Stay Beside
03:Step Into My World
04:Melissa
05:My Lovely Mr. Singing Club
06:Attract Me
07:Paid For Glance
08:Moon Talks To Me
09:Rising Shore
10:Closer
11:Figures Out Of Clouds (Bonus)
12:Making Of (Bonus)
Externe Links: