Sólstafir / 27.10.2015 Wiesbaden, Schlachthof (Halle)
Plakat
Sólstafir
Support: The Ocean, Mono
Kulturzentrum Schlachthof (Halle), Wiesbaden
27.10.2015
Stil: Post Metal/Rock
Konzertbericht


Artikel vom 04.11.2015

       
Andrea Groh (Text)       Jens Groh (Fotos)
Obwohl sich Sólstafir (isländisch für 'sich ausbreitende Sonnenstrahlen') bereits Mitte der 90er gegründet haben, wurden sie von vielen nur am Rande wahrgenommen, auch von mir, dabei mag ich die Richtung, in die sich die Musik damals bewegte, nämlich Viking/Black Metal. Das änderte sich das erst so richtig 2011 mit der "Svartir Sandar" (isländisch für 'schwarzer Sand'). Darauf vereinigten sich Black Metal, Doom Metal, Psychedelic Rock und Post Rock. Mit dem Ohrwurm "Fjara" gab es sogar einen Hit (Platz Eins in den isländischen Single-Charts) und die Band wurde zum Geheimtipp.
2014 spielte sie dann beim Rock Hard Festival, wobei die Meinungen zu ihrem Auftritt auseinander gingen. Mir gefiel es (und anscheinend einigen anderen auch), so dass die folgenden Touren schneller ausverkauft waren als ich Tickets bestellen konnte. Was auch an der 2014er CD "Ótta" lag, die nicht nur überzeugend, sondern auch erfolgreich war. Nun, 2015, folgte der Schritt in größere Hallen, hier: der Schlachthof Wiesbaden, der allerdings in seiner kleineren, teilabgehängten Variante genutzt wurde.
Sind Sólstafir schon so groß? - mag man sich fragen. Wenn sie alleine nicht genug Publikum anziehen, dann vielleicht The Ocean, die von vielen als die führende deutsche Post Metal-Band angesehen werden oder die japanischen Post-Rocker Mono (von beiden passend zur Tour eine Split-CD). Klingt nach einer vielversprechenden, interessanten Kombination moderner Musik - so die im Vorfeld gehegte Hoffnung.
The OceanGegen Viertel vor Acht betraten The Ocean, die sich gerne als musikalisches Kollektiv bezeichnen, die Bühne, die mit den sieben Musikern (sechs Männern und einer Frau) gut gefüllt war. Die überlangen Songs haben wirklich etwas Ozeanisches. Sie sind auf- und abschwellend in ihrer Intensität, mal sanft plätschernd, mal aggressiv aufbrausend. Kombiniert mit Texten über vergangene Erdzeitalter oder die verschiedenen Schichten des Ozeans könnte man das als 'Geologischen Post Metal' bezeichnen, womit ich natürlich keine neue Schublade aufmachen, sondern ein wenig den Eindruck umschreiben will. Lange Instrumentalpassagen werden von variablem Gesang unterbrochen, wobei mir nicht jede der verwendeten Stimmlagen zusagt. Dies gilt beispielsweise für den neuen Song, der auf der Split mit Mono erscheinen wird: Einerseits bleibt er sofort im Ohr hängen, andererseits gefällt mir das Gekrächze darin nicht so.
MonoDas war dann die passende Überleitung für die zweite Band des Abends, Mono aus Tokio. Hier wurde es deutlich leerer auf der Bühne und Kritik am Gesang wäre nicht möglich, da es keinen gibt. Damit ergibt es sich ein stark soundtrackmäßiger Charakter der Musik, wobei leider die passenden Bilder fehlten. Mit im Hintergrund laufenden Videoclips, beispielsweise die von der Band-Homepage, wäre das Ganze aufgewertet worden. Eine Stunde (geschätzt, habe nicht auf die Uhr gesehen) Live-Musik ohne Gesang und ohne optische Auflockerung (das Gezappel der Bassistin, die nebenbei auch mal ein Glockenspiel [!] bediente, will ich mal nicht als eine solche bezeichnen) wirklich spannend zu gestalten, ist schon schwierig. Wobei es auch Mono gut gelang, in ihren Songs Intensität aufzubauen und immer wieder faszinierende Parts einzubauen. Etwas Besonderes sind die Japaner auf jeden Fall und das nicht nur wegen ihrer für europäische Fans exotischen Herkunft, man muss sich jedoch darauf einlassen und gegebenenfalls Bilder im Kopfkino erzeugen. Dennoch finde ich, ist das eher etwas um zuhause auf der Couch mit geschlossenen Augen auf Reisen gehenů wobei das Ganze durch die Wucht des Live-Auftrittes seinen Reiz hatte.
 SólstafirDie Isländer Sólstafir, die kurz nach Zehn loslegten, funktionieren sowohl auf CD als auch live sehr gut, erwartungsgemäß in einer dunklen Halle besser als im strahlenden Sonnenschein, aber bei einem Festival ist das Wetter eben nicht planbar.
Das stimmungsvolle Bühnenlicht unterstützte die Atmosphäre der Songs, wobei es nicht nur welche von der großartigen "Ótta" (die natürlich im Vordergrund der Auswahl stand), sondern auch ältere (englischsprachige) gab. Dabei durfte natürlich auch der Hit "Fjara" nicht fehlen. Die darin enthaltenen ruhigen, akustischen Parts sind genauso ein Teil der Bandbreite von Sólstafir wie die immer noch durchschimmernde schwarzmetallische Vergangenheit und eine gewisse epische Erhabenheit. Garniert mit dem teilweise floydig angehauchten Gitarrenspiel und dem gewollt etwas schräg wirkenden Gesang von Aðalbjörn Tryggvason ergibt sich daraus etwas Einzigartiges, das, wie bereits eingangs erwähnt, zu Recht immer mehr Fans findet, vom Metaller bis zum Hipster. Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Gruppen, die fast ausschließlich ihre Musik sprechen/wirken ließen, war hier zudem noch Unterhaltung und Humor angesagt. Aðalbjörn Tryggvason überzeugte als Frontmann und suchte den Publikumskontakt, sorgte für Stimmung und außerdem Verwunderung, als er nach ca. 80 Minuten meinte, sie müssten nun aufhören und die Band von der Bühne verschwand, ohne für Zugaben zurückzukehren. Gab es Auflagen, zeitig fertig zu sein? Auch auf der restlichen Tour waren sieben Songs Standard. Hm. Doch das konnte den Gesamteindruck nur unwesentlich trüben.
Trotz kleinerer Kritikpunkte war der Abend sehr gelungen. Drei Bands, die unterschiedliche Ausrichtungen des Post Rock/Metal präsentierten:
The Ocean mit einem kleinen Einschlag Richtung Alternative/Core,
Mono mit ihren instrumentalen Soundlandschaften, teilweise ins Noisige gehend,
Sólstafir mit Einflüssen von Black/Viking Metal bis Psychedelic Rock.
Allen gemeinsam jedoch ist das Hintersichlassen von einfachen, radiotauglichen Songstrukturen, diese zu ersetzen durch das Fließenlassen von Emotionen und die Aufforderung an das Publikum, darin einzutauchen. Wer dies fertigbrachte, bekam ein besonderes, intensives Konzert geboten, dessen Kraft in der Dynamik der Klänge lag. Wozu auch die Qualität der Location beitrug: guter Sound, professionelle Umsetzung der Lightshow und freundliches Personal. Ich habe den neuen Schlachthof nun in allen drei Varianten erlebt: die große Halle, die verkleinerte Halle und das Kesselhaus nebenan - alles sehr angenehm (und mit nahegelegenen Parkplätzen). Wenn dann auch noch hörenswerte Bands auftreten - wie in diesem Fall -, kann man wirklich von einem mehr als geglückten Event sprechen.
The Ocean    Mono    Mono
Sólstafir    Aðalbjörn von Sólstafir    Sólstafir
Sólstafir    Sólstafir
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