The Stranglers / 21.04.2012, Columbia-Club, Berlin
Columbia-Club The Stranglers
Support: Mike Marlin
Columbia-Club, Berlin
21. April 2012
Stil: Punk'n'Rock

Artikel vom 28.04.2012


Holger Ott
Mike Marlin Als ich mich der Columbiahalle nähere und nach einem Parkplatz Ausschau halte, wundere ich mich schon von weitem, wie leer es im Bereich der kleinen Halle ist. Ich parke direkt vor der Tür, und zähle gerade mal eine Handvoll Leute vor dem Eingang. Soll das etwa schon alles gewesen sein, so kurz vor Doors Open? Zum Glück bleibt es nicht dabei, denn als das Konzert beginnt, ist der Laden rappelvoll. Meine Hoffnung, ein paar echte alte Punks mit Irokesenschnitt und Sicherheitsnadeln in der Wange zu sehen, versiegt leider schnell im Sande. Der Altersdurchschnitt ist sehr hoch und das Publikum macht einen gesitteten Eindruck. Nichts mit Drängeln und Schieben vor der Bühne, keine biertrinkenden Rüpel, die ständig auf den Boden spucken und dabei den Stinkefinger in die Höhe strecken. Wo sind denn bloß die alten Werte geblieben? Ich bekomme schon Angst, dass die Stranglers ein weich gespültes Programm abfahren werden. Dabei bin ich doch hier, um zu erleben, wie mal wieder richtig die Sau rausgelassen wird. Wird sie auch, aber alles zu seiner Zeit.
Mike Marlin Der Merchandise-Stand hat schon im Vorfeld voll zu tun. Da drängelt sich eine Menschentraube drum herum, und der Rest der Menge nutzt das gute Wetter, um sich bis zum Konzertbeginn im Biergarten zu amüsieren. Schlag einundzwanzig Uhr beginnt der Abend mit einem Künstler im Vorprogramm, der anscheinend jedem im Saal völlig unbekannt ist. Mike Marlin ist sein Name, und im Schlepptau hat er weitere vier Musiker in der klassischen Besetzung mit Gitarre, Bass, Drums und Keyboard. Er selbst spielt ebenfalls das elektrische Brett und singt alle der zehn Songs, die er als Anheizer präsentieren darf. Seine Musik stufe ich als Melodic Rock ein, alles sehr harmonisch und angenehm. Manche seiner Stücke drücken dabei einen gewissen Grad von Melancholie aus. Dabei singt Mike Marlin ständig mit versteinerter Miene, und ich denke mir, wenn er schon so rüber kommt, wie werden es die Stranglers wohl machen? Der Auftritt hat mir aber trotzdem sehr gut gefallen, und die Band hat deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient. Wer ruhige Rock-Songs mag, ist mit Mike Marlin gut bedient. Er selbst ist sich auch nicht zu schade, um während der Umbaupause und nach dem Konzert durch die Reihen zu gehen, und seine CD anzubieten. Als ich am Ende des Abends durch den Ausgang gehe, steht er sogar dort, um sich beim Publikum zu verabschieden und natürlich wieder für sich zu werben. Von nichts kommt eben nichts, und er scheint zu den Fleißigen seiner Gattung zu gehören.
Stranglers Der Umbau in der Pause erscheint im kleinen Columbia-Club mal wieder etwas umständlich. Die Instrumente müssen durch den Publikumsbereich getragen werden, da die Bühne durch das Equipment der Hauptprotagonisten zugebaut ist. In diesem Zusammenhang muss ich meine einzige Kritik anbringen. Die Sicht auf die Bühne von den Seiten des Saales ist wie meistens mangelhaft. Ich weiß, irgendwo müssen die großen Boxen hin, und es hat schon immer so ausgesehen, aber dennoch sollte mal von den Verantwortlichen über eine bessere Lösung nachgedacht werden. Ebenso sind die kleinen Stufen im Saal eine echte Stolperfalle, die im Dunkeln von Ortsunkundigen generell übersehen werden.
Stranglers Pünktlich wie das Uhrwerk des Big Ben schieben sich die vier Stranglers auf die Bühne, und beginnen sofort und ohne Umschweife. Mein Verdacht auf einen geschmeidigen Abend wird auf der Stelle wieder verworfen. Die Band gibt gleich Feuer, und haut erst einmal "Burning Up Time" und "Sometimes" raus, zwei Stücke aus ihrer Anfangszeit in den Siebzigern. Stimmung kommt dabei zwar noch nicht auf, das wird sich aber im Laufe des Abends noch ändern. Auch als mit "Lowlands" der erste Track ihres neuen Albums Giants präsentiert wird, hält sich der Jubel noch in Grenzen. Nach diesen ersten drei Songs, die für Fotografen genehmigt sind, ziehe ich mich, der besseren Sicht wegen, etwas weiter zurück und fange an zu genießen. "Hanging Around" ist der erste Ohrwurm, und das Publikum wird endlich wach. In der Mitte vor der Bühne wird getanzt, geschubst und gedrängelt. Endlich sieht es danach aus, dass die alten Hasen an ihre Jugend erinnert werden. Und so geht es mir ebenfalls. Ich denke plötzlich daran, wie ich als Stranglers Zwanzigjähriger nächtelang durch die Berliner Halbwelt gezogen bin. Mit meinen Saufkumpanen von einer ranzigen Disco in die nächste, dazwischen immer in irgendwelchen versifften Kaschemmen eingekehrt, und aus Biergläsern getrunken, die ich heute nicht mehr mit der Kneifzange anfassen würde. Meistens endete die Nacht volltrunken am Ku-Damm in einer Spelunke namens Athena-Grill, um zum krönenden Abschluss eine vor Öl triefende Pizza zu verschlingen, die man hätte besser zehn Minuten auf einer Wäscheleine abtropfen lassen sollen. Das Ding hat jedes mal meinen Brechreiz gefördert, und bevor wir in irgend einem Taxi gelandet sind, hab ich immer im hohen Bogen gekotzt, was das Zeug hielt. Angesäuert darüber, dass die Taxi-Fahrer meistens keine Kassetten mit Musik der Ramones, der Sex Pistols oder den Stranglers hatten, die damals gerade aktuell waren, wurden die oft von uns traktiert.
War schon eine coole Zeit. Und nun, als die Helden von damals vor mir ihre Songs zum Besten geben, gehen mir alle diese Gedanken durch den Kopf.
Stranglers Gucke ich mir dabei die Musiker an, kann ich mir allerdings kaum noch vorstellen, dass diese Männer mal genau so waren. Keyboarder Dave Greenfield ist hinter seinem Turm kaum zu sehen. Ab und zu schaut sein Kopf hervor, und das war es auch schon. Drummer Jet Black prügelt auf sein Teil ein, befindet sich aber ebenfalls so weit im hinteren Bereich, dass er kaum wahrgenommen wird. J.J. Burnel, der sich mit seinem Kollegen und jüngstem Mitglied Baz Warne die Gesangsparts teilt, läuft permanent mit gesenktem Haupt und Blick nach unten über die Bühne, so als wenn er ständig nach Pennys auf dem Boden sucht. Baz hingegen hat den Punk im Blut. Mit verzerrtem Gesicht singt er die meisten Songs ins Mikrofon, und sein Ausdruck scheint mitteilen zu wollen, ich hasse euch alle, ihr kotzt mich an, ich gehe gleich in meine verlauste Bude, schmeiß mich auf die versiffte und bierdurchtränkte Matratze und kuschele mit meiner Ratte.
Stranglers Er verkörpert als einziger das Gefühl der damaligen Zeit. Wenn Baz die alten Klassiker anstimmt, dann flippt die Menge im Saal aus. Seine Stimme trifft auf den Punkt, und seine Gitarre hat den passenden Sound.
Die Songs der Stranglers sind fast alle sehr kurz, und da sich die beiden Frontmänner lediglich bei dem neuen Titel "Mercury Rising" vom aktuellen Album "Giants" eine kurze Ansage aus der Hüfte leiern, kommt es mir so vor, als wenn die Zeit unheimlich schnell vergeht. Ohne Pause wird ein Song nach dem Anderen abgefeuert, darunter natürlich der Mitschunkler "Always The Sun", einer ihrer größten Hits. Wie selbstverständlich steigt die Menge darauf ein, und singt textsicher mit. Mein erster persönlicher Favorit ist "Peaches", und da ich die Setliste im Voraus kenne, weiß ich, dass ich auch noch mein Lieblingsstück hören werde. Die Band bringt ein sehr gutes Stranglers Programm. Fast alle alten Gassenhauer, die in regelmäßigen Abständen mit den neuen Songs gemischt werden. Was ich dabei vermisse, ist "Golden Brown", oder besser gesagt, ich vermisse es nicht, zum Glück. Es würde nicht in den Programmablauf passen, der doch sehr schnell und heftig ist. Untermalt wird der Auftritt von einer klasse Lichtanlage, die die Stücke sehr schön betont. Ganze zwanzig Songs werden in einer Stunde und zwanzig Minuten runtergehauen, und die Band verschwindet erst einmal im Dunkeln, lässt sich aber nicht lange bitten, und legt mit "Nice & Sleazy" die erste Zugabe vor. Es ist der Song auf den ich gewartet habe, und es ist der Song des Abends. J.J. zupft den Bass in diesem Stück einfach göttlich, und als Baz die Textzeile »An angel came from outside, had no halo, had no father, with a coat of many colours« singt, ist Stranglers der Abend für mich perfekt, und ich möchte nach dem Song einfach nur gehen. Es gibt für mich keine Steigerung. Ich kann mich aber nicht lösen, zu neugierig bin ich auf das, was noch kommt. "Boom Boom" von der neuen CD folgt, und der Applaus hält sich in Grenzen. Die "Giants"-CD scheint beim Publikum nicht so anzukommen, und die Band hat gut daran getan, nur vier Stücke daraus zu spielen. Dafür geben sie den alten Kinks-Klassiker "All Day And All Of The Night" zum Besten, der bei keinem ihrer Shows fehlen darf. Noch ein Nachschlag mit "Tank", und die Stranglers, die letzten Überlebenden meiner alten Helden, verlassen mit einem kurzen »bye« die Bühne.
Toller Abend, tolles Konzert, und ich bin nicht völlig blau und habe mich nicht in irgendeiner Ecke übergeben. Aber dafür wurden schöne Erinnerungen geweckt.
Line-up Stranglers:
Jean-Jaques Burnel (vocals, bass)
Jet Black (drums)
Dave Greenfield (keyboards, vocals)
Baz Warne (vocals, guitar)
Setlist Stranglers
Burning Up Time
Sometimes
Lowlands
Robots
Hanging Around
Unbroken
Time Was Once On My Side
Go Buddy Go
Slug
Always The Sun
Walk On By
Giants
Peaches
Mercury Rising
Fife Minutes
Relentless
Control
Shuddup
Something Better Change
No More Heroes
Nice And Sleazy
Boom Boom
Duchess
All Day And All Of The Night
Tank
Stranglers     Stranglers     Stranglers     Stranglers
Stranglers
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