The Stranglers / Feel It Live!
Feel It Live! Spielzeit: 76:00
Medium: CD
Label: Ear Music, 2013
Stil: Rock

Review vom 10.08.2013


Sabine Feickert
Hatte ich erst vor kurzem das Vergnügen eine Zeitreise in das biblische Alter der Stranglers zu unternehmen, so lässt mir unsere 'Scheffin' jetzt das aktuelle Live-Album der Briten in den Briefkasten flattern. Aufgenommen auf der letztjährigen Giants-Tour, stellt es quasi das vorläufig andere Ende der fast vierzigjährigen Fahnenstange dar. Und soviel gleich vorweg ganz dick, fett und großgeschrieben VORLÄUFIG bitte. Denn wenn auch häufiger mal (berechtigt oder auch nicht) Forderungen aufkommen, Musiker mögen sich doch bitte dezent zurückziehen wenn das Rentenalter an den Horizont rückt, sehe ich die Stranglers davon noch lichtjahreweit entfernt.
1974 gegründet brachten mehrere Line-up-Wechsel zwar insgesamt eine Verjüngung der Truppe mit sich, doch Jet Black (75), der schon seit den Anfangstagen trommelt und zumindest Keyboarder Dave Greenfield (64) sowie Bassist und Sänger Jean-Jacques Burnel (61) könnten sich unter Umständen vielleicht schon im Liegestuhl räkeln. Lediglich Baz Warne (49), im Jahr 2000 dazugekommener singender Gitarrist hätte in einem bürgerlichen Beruf noch ein paar Jahre bis zum (Vor-)Ruhestand vor sich.
Gemächliche Altherrenriege? Weit gefehlt!! Und auch die Nummer der Berufsjugendlichen, die sich in die alten Kostüme zwängen und versuchen, dem Geist, Geld und Sexappeal der jungen Jahre nachzueifern, ziehen die Stranglers nicht durch. Stattdessen ist ihnen die Quadratur des Kreises gelungen, ihre alten Hits sehr stimmig und passend auf die aktuellen Gegebenheiten (vor allem auch die stimmlichen) anzupassen. Und das Chapeau! - wirklich vom Feinsten.
Hatten es mir in der "The Old Testament"-Box vor allem die ersten beiden Alben angetan, so zeigt sich auf "Feel It Live!" die überdauernde Qualität dieser frühen Hits. Soll heißen ich werd' nun garantiert nicht die alten Sachen in die Tonne kloppen, denn auch die jungen Stranglers machen noch immer Spaß. Ganz genauso wie die neue Scheibe dieser Rocker. Die nehmen sich nix, sondern ergänzen sich wunderbar!
In die Rubrik 'britischer Humor' lässt sich der drehorgelnde Opener "Waltz In Black" einordnen, bevor dann "Burning Up Time" den ersten kleinen Einblick in das erlaubt, was mich an dem Album so fasziniert. Nach ihrer poppig-wavigen Phase in den Achtzigern (die hier glücklicherweise ziemlich außen vor bleibt) und dem Weggang des Sängers Hugh Cornwell 1990 erfolgte eine Rückbesinnung auf ihren ursprünglichen, rockig-punkigen Stil. Absolut genial schaffen sie dabei den Spagat zwischen dem Sound ihrer Jugendjahre und einer authentischen Interpretation in der jetzigen Zeit.
Stellenweise erinnern die schaukelnden Keys noch ein bisschen an die (vorweggenommenen) Achtziger, doch insgesamt kommen die Songs rauer und dreckiger als damals - schönes Beispiel dafür "The Raven" vom gleichnamigen 1979 erschienenen Album. Frisch, peppig und spielfreudig - "Lowlands", der erste Song von Giants passt sich da stilistisch nahtlos ein.
"Hanging Around" gewinnt durch die in Würde gealterten Gesangsstimmen ebenso wie "Unbroken". Gerade dann wenn die Vocals brüchig, rau und versoffen rüberkommen, sind sie besonders ausdrucksstark und intensiv. 'Ne 'schöne' Stimme kann man keinem der Stranglers unterstellen, aber sowohl Gitarrist Baz als auch Basser J.J. singen einfach geil. Mal knarzig, mal aus den tiefsten Winkeln des Unterleibs und manchmal auch ganz kurz schmeichelnd, um dann gleich ins Ordinäre weiterzudriften.
Wenn man mal den Tausendmalgehört-Faktor außen vor lässt, fügen sich die Songs vom "Giants"-Album ziemlich nahtlos ins Gesamtgefüge von "Feel It Live!" ein, das wirkt wie aus einem Guss und gibt ne ziemlich runde Geschichte wenn auch mit reichlich Ecken und Kanten. Es hebt sich wohltuend von den Abkassierscheiben à la 'die wichtigsten Hits zur Tour' ab und kann wirklich als eigenständige Scheibe bestehen.
Denn gerade die alten Hits aus den Siebzigern wie "Hanging Around", "No More Heroes", "Nice 'N Sleazy" und vor allem die irre-gigantische "Peaches"-Version lohnen sich. Bei letzterer sehe ich vor meinem inneren Auge förmlich die (sorry, nicht bös gemeint) geifernden alten Säcke am Strand vor mir, denen angesichts der vielen 'Peaches' die Augen aus dem Kopf fallen und nicht mehr zu erkennen ist, ob die ausgestoßenen Laute nun Wolllustgrunzer oder die Nachahmung von Jetski oder anderer motorbetriebener Fahrzeuge sein sollen. Der Spaßfaktor dieses Albums steht beiden in nichts nach...
...was soll ich noch lang drumrumschreiben? Geiles Teil, kann man kaufen!!
Line-up:
Jean-Jacques Burnel (vocals, bass)
Baz Warne (vocals, guitar)
Jet Black (drums)
Dave Greenfield (keyboards)
Tracklist
01:Waltz In Black
02:Burning Up Time
03:The Raven
04:Lowlands
05:Hanging Around
06:Unbroken
07:Time Was Once On My Side
08:Sometimes
09:Giants
10:Peaches
11:Mercury Rising
12:5 Minutes
13:Relentless
14:Lost Control
15:Something Better Change
16:Freedom Is Insane
17:No More Heroes
18:Boom Boom
19:Nice 'N Sleazy
20:Duchess
21:Tank
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