Es wird von uns kein "Troublegum 2" geben
Therapy? Am Rande des 'Eier mit Speck'-Festivals in Viersen/Niederrhein führten wir mit der Band Therapy? ein Interview.
In entspannter Atmosphäre plaudern die Jungs mit uns über Punk im Kinderkanal, Reunions und über James Joyce.

Fotos: ©Katrin Tielmann



Interview vom 01.08.2009


Udo Gröbbels
Mindestens genau so spannend wie Interviews bestenfalls sein können sind manchmal auch die Umstände, unter denen man eine Band trifft. Sehr oft wird der Termin kurzfristig zeitlich etwas verschoben, und auch heute wurde aus der angesetzten Zeit zunächst nichts. Erst gegen 22.00 Uhr (Stagetime war 23.30 Uhr) wurden wir von Manager Richard am Backstage-Eingang abgeholt und zu einem Container hinter der großen Festivalbühne gebracht, wo bereits Bandkopf Andy Cairns und Bassist Michael McKeegan bestens gelaunt gemütlich zusammen saßen. Später kam noch Drummer Neil Cooper dazu. Da teilweise alle drei unsere Fragen (gleichzeitig) beantworteten, habe ich im Folgenden nur Therapy? geschrieben, da die Herren Musiker stellenweise auch durcheinander reden und ich im Nachhinein auf dem Diktiergerät nicht immer nachvollziehen konnte, wer genau was zum jeweiligen Thema zu sagen hatte.
Therapy? RockTimes: Schön, dass ihr es doch noch zeitlich einrichten konntet. Ich habe mich eh schon gewundert, denn ihr habt ja gestern Abend noch in Banja Luka (Bosnien-Herzegowina) auf einem Festival gespielt und jetzt noch halb Europa durchquert bis an die niederländische Grenze. War da nicht vorab schon Stress absehbar?
Therapy?: Eigentlich war das alles ganz anders geplant. Wir sollten gestern gegen 23.00 Uhr auf die Bühne und dann haben wir gedacht sind wir gegen 1.00 Uhr im Hotel. Dann Nachmittags entspannt den Flug nehmen und um 19.00 Uhr sollten wir in Düsseldorf landen. Aber in der 'Real World' sah das ganz anders aus. Wir mussten dann doch erst um 1.00 Uhr nachts auf die Bühne und waren erst gegen 4.30 Uhr im Hotel. Dann hatte der Flug zwei Stunden Verspätung, aber letztendlich haben wir es ja noch pünktlich geschafft. Ist zwar stressig, aber wir machen den Job ja schon lange und das ist für uns nichts Besonderes mehr.
RockTimes: Ihr spielt sehr oft auf Festivals und kommt bei den unterschiedlichsten Fans immer gut an. Seid ihr so eine Art Konsensband, auf die sich die Festivalbesucher einigen können?
Therapy?: Das kann ich dir leider nicht sagen, aber es stimmt schon, dass es uns auf Festivals oft gelingt, dass wir das gesamte Publikum ansprechen. Viele Bands spielen ja gar nicht oder nur sehr ungern auf Festivals. Dann kommen Begründungen wie 'zu kalt, alles matschig und wir haben dann nur 40 Minuten Spielzeit'. Aber wie bereits gesagt, wir lieben Festivals und das hier heute Abend scheint meinem ersten Eindruck nach auch ganz gut zu sein.
RockTimes: Ändert ihr denn eure Setlist für Festivals ab, denn es sind ja nicht nur Therapy?-Fans da, die alle neuen Songs kennen. Spielt ihr hier mehr Hits?
Therapy?: Natürlich wissen wir mittlerweile nach all den Jahren genau, mit welchen Songs wir das Publikum auf unsere Seite holen können. Bei unseren Clubshows haben wir das neue Album komplett gespielt und dazu alte Sachen, die auch dazu passen. Heute Abend werden wir von "Crooked Timber" fünf Songs spielen und von allen anderen Alben auch ein paar Stücke beisteuern. Wir haben ja auch heute 90 Minuten Zeit und da kann man schon ein buntes Set spielen.
RockTimes: Euer aktuelles Album "Crooked Timber" empfinde nicht nur ich als etwas sperrig und bei weitem nicht so eingängig wie die Scheiben aus der Zeit Mitte der 90er. Würdest du mir da recht geben?
Therapy?: Ja, absolut. Wir wollten einfach nicht mehr diese catchy Punk-Pop-Songs machen. Das war unsere volle Absicht und gerade hier in Deutschland sind die Reaktionen sehr geteilt. Viele mögen die Platte sehr, aber auch vielen Leuten ist sie zu noisy und es fehlen Ihnen die Hooklines oder die großen Refrains. Aber aus der Band gefällt die Musik zumindest drei Leuten (die anderen Beiden lachen) und das ist doch am wichtigsten. Siehst du, das ist doch so: (Anm.d.V.: Andy lehnt sich etwas zurück und ist kaum noch im Redefluss zu bremsen) Ich habe einen Sohn, und wenn ich schon mal Kids TV schaue (Anm.d.V.: So etwas wie hier der Kinderkanal), dann sehe ich dort Bands wie z.B. die Jonas Brothers, die nichts anderes spielen als poppige Punksongs. Wir hatten auch ein paar Songs im "Troublegum"-Stil geschrieben, aber die passten nicht zum Rest und daher sind sie im Mülleimer gelandet. Wir machen das jetzt schon so lange und haben einfach einen gewissen künstlerischen Anspruch an uns selber. Daher war es Zeit mal wieder den Sound etwas zu ändern, um uns nicht ständig zu wiederholen und die Sache auch interessant zu halten.
Therapy? RockTimes: Manche Bands fahren ja auch ihren selbst kreierten Stil immer weiter, ohne Veränderungen.
Therapy?: Ja und das klappt auch nur in den wenigsten Fällen. Als Ausnahmen fallen mir jetzt eigentlich nur Motörhead und AC/DC ein, die ihren alten Stil unverändert weiterspielen, aber in den meisten Fällen langweilen sich dann sowohl die Band als auch die Fans darüber.
RockTimes: Ein Stück sticht aber besonders aus dem neuen Album raus. "Magic Mountain" ist eine 10-minütige Instrumentalnummer, die sehr ungewöhnlich klingt. Das hat doch schon fast etwas von Progressive Rock oder erinnert mit den cleanen Gitarren auch an alte Cure-Platten.
Therapy?: Progressive Rock würde ich nicht direkt sagen. Wir haben uns hier ganz deutlich an einigen deutschen Bands der 70er orientiert wie z.B Kraan oder Neu!. Das Stück hat diesen typischen deutschen Rhythmus der damaligen Zeit (Andy imitiert einen minimalistischen Drumbeat). Das wollten wir einfach mal machen. Zusammen mit den cleanen Gitarren ist dann diese Nummer entstanden.
RockTimes: Nachdem uns in den vergangenen Jahren die 80er-Bands mit diversen Reunions beehrt haben, kann man in letzter Zeit feststellen, dass es langsam zu einer 90er-Reunion kommt. Viele Bands, die damals mit euch groß rausgekommen sind, waren dann lange weg und sind jetzt wieder da, wie z. B. Skunk Anansie, Rage Against The Machine oder Faith No More. Wie denkt ihr über diese Reunions?
Therapy?: Ich persönlich habe mich sehr über die Reunions von Helmet und Faith No More gefreut. Wir waren damals einmal mit Faith No More auf Tour und das sind einfach unheimlich nette Typen. Mike Patton ist ein hervorragender Sänger und ich glaube auch, dass die Band auch heute noch ihre Berechtigung hat. Bei den meisten Reunions steht aber sicher das Finanzielle im Vordergrund. Es ist doch meistens so, dass die Soloalben alle Müll waren und die Jungs einfach wieder Kohle brauchen. Wir hatten wirklich Glück zu der damaligen Zeit, denn unser Promoter in England hat uns nie hängen lassen und steht seit dem ersten Tag hinter uns. Daher ist uns eine Reunion zum Glück bisher erspart geblieben und wir haben einfach immer weiter gemacht.
RockTimes: Wenn man sich mit Leuten über eure Band unterhält, fällt früher oder später immer "Troublegum" als DAS Album, u.a. mit Hits wie "Screamanger", "Die Laughing" oder "Nowhere". Es war ja mit Abstand eure erfolgreichste Scheibe. Siehst du das Album im Nachhinein vielleicht sogar als Fluch an, der seit 15 Jahren über euerer Bandkarriere liegt?
Therapy?: Nein, ganz im Gegenteil. Es gibt genug sogenannte Kult-Bands, die kein "Troublegum" hatten und wir sind immer noch stolz darauf. Wir hatten aber auch Glück. Wir waren zur richtigen Zeit mit den richtigen Songs am Start und der Rest lief dann von alleine. Auch heute verkauft sich das Album immer noch gut. Manchmal ist es allerdings etwas frustrierend, wenn dich immer wieder Leute ansprechen und sagen: Warum macht ihr nicht mal wieder ein neues "Troublegum"-Album? Aber wie bereits gesagt, haben wir kein Interesse daran, und wenn wir da nicht von unserer Seite dahinter stehen, kann ich das auch nicht mit gutem Gewissen als unser Album verkaufen. Es wird von uns kein "Troublegum 2" geben.
Therapy? RockTimes: Glücklicherweise war es ja nicht euer Debütalbum, denn sonst wäre das wohl eine sehr schwere Bürde gewesen.
Therapy?: Ja, das stimmt. "Troublegum" war unser viertes Album, und wenn es unser erstes Album gewesen wäre, hätten wir wohl direkt unter großem Druck gestanden. Heute wäre es, glaube ich, dann nochmals schwerer, denn die meisten Bands werden heute so verheizt, dass sie maximal zwei Scheiben aufnehmen, bevor die von der Plattenfirma wieder gedroppt werden. Daher war es wie gesagt das richtige Album zur richtigen Zeit. Wir haben uns damals von unseren Lieblingsbands stark beeinflussen lassen. Das wären z.B. die irische Punk-Band Stiff Little Fingers oder auch Thin Lizzy. Beide Bands verbanden auf unterschiedliche Weise harte Gitarren mit tollen, poppigen Melodien. Das haben wir damals auch umgesetzt - mit Erfolg.
RockTimes: War das damals also eine besondere Zeit, Anfang/Mitte der 90er?
Therapy?: Ja, absolut. Nirvana und andere Grunge-Bands hatte kurz vorher die Tür für 'lärmende Gitarrenmusik' geöffnet und wir hatten damals das Album "Nurse" gerade draußen. Da alles was nach Grunge aussah gesigned wurde, kamen die dann auch auf uns, denn ich hatte damals noch lange Haare (lacht). Man erwartete also eine Grunge-Platte, aber als sie dann "Teethgrinder" hörten, der ja fast ein Techno-Song ist, waren sie doch arg irritiert.
RockTimes: Ich habe gelesen, das Andy und Neil zuletzt ein DJ-Set in Nottingham gespielt haben. Macht ihr das öfters so zwischendurch, just for fun als Abwechslung?
Therapy?: Das Wort 'DJ-Set' ist etwas irreführend. Wir haben keine waghalsigen Stunts an den Turntables hingelegt, sondern es war ein Club und die Leute waren so nett und haben uns den kranken Kram spielen lassen, den wir gut finden (großes Gelächter). Wir machen das aber auch schon immer im Tourbus. Einer sucht Songs aus und legt diese im hinteren Teil des Busses auf.
RockTimes: Was mich ja persönlich schon lange interessiert, ist die Geschichte hinter der hypnotisch vorgetragenen Zeile »James Joyce is fucking my sister«. Was genau verbirgt sich hinter dieser Zeile aus dem alten Song "Potato Junkie"?
Therapy?: Den Song habe ich Anfang der 90er geschrieben und genau zu dieser Zeit fing die kommerzielle Ausschlachtung des irischen Kulturguts an. Das war die Zeit, als man vor allem Touristen aus den USA mit allem was 'Irish' (Anm.d.V.: Andy betont es extra mit sehr starkem irischem Akzent) war, überhäufte und es z.B. auch Stadtführungen zum Thema 'James Joyce' gab. Die ganze irische Kultur wurde damals für die Touristen total verkitscht und auf gängige Klischees beschränkt.
Therapy? RockTimes: Wie die rothaarige Dame mit der Harfe als Bild für irische Kultur?
Therapy?: Ja, ganz genau. Bands wie die Hothouse Flowers liefen damals wie Zigeuner rum und alle wollten dann auch diese bunten Tücher und Ketten haben. Mir ging das damals so gegen den Strich, dass ich die Zeile »James Joyce is fucking my sister« in das Lied einbrachte. Das war das Obszönste, was ich damals machen konnte. Trotzdem mag ich die Werke von James Joyce und eine Schwester habe ich auch nicht, aber das war damals einfach ein klares Statement gegen die kommerzielle Ausschlachtung der irischen Kultur.
RockTimes: Nächstes Jahr gibt es Therapy? schon 20 Jahre. Zum 10-Jährigen gab es eine "Best of"-CD. Was gibt es zum 20-Jährigen Jubiläum?
Therapy?: Wir haben uns entschieden, dass wir endlich mal ein Live-Album rausbringen. Es wird ein Doppel-Album, was einen Querschnitt der letzten 20 Jahre bieten soll. Es wird aber keine Best-Of-Live-CD, sondern soll vor allem die Songs enthalten, die sich live anders anhören wie z.B das
Joy Division-Cover "Isolation" oder eben auch "Potato Junkie". Bis auf die Bonus-CD unserer DVD "Scopophobia" gibt es noch kein offizielles Live-Album von uns, und nach 20 Jahren wird es dann auch mal Zeit dafür.
RockTimes: Vielen Dank für das Interview und viel Spaß in einer Stunde auf der Bühne.
Wir danken an dieser Stelle ganz herzlich Tobias Dühlmeyer von cmm-Promotion, der uns das Interview mit der Band möglich gemacht hat.
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