Trigon / Herzberg 2004
Herzberg 2004 Spielzeit: 76:48
Medium: CD
Label: Eigenproduktion, 2004
Stil: Psychedelic Fusion Jam

Review vom 24.08.2008


Ulli Heiser
Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, sagt der Volksmund. Meine 'kleine Sünde' bestand darin, Trigon, bzw. deren Musik erst 2007 in Form der Zappanale-DVD kennengelernt zu haben. Wie sich aber nun zeigt, hat Volkes Schnauze nicht immer recht, denn anstelle einer Bestrafung schickte mir die Band zwei CDs: Vorliegendes Live-Album "Herzberg 2004" sowie die Studioscheibe Emergent aus dem Jahr 2005.
"Herzberg 2004", das wird eigentlich bereits nach den ersten Takten klar, ist ein Hammerteil. War die Band auf der DVD für mich bereits irre, so toppt vorliegendes Werk das Ganze in einer Art und Weise, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Ein Grund ist sicherlich Udo Gerhards (ja, genau, der von den Babyblauen) Mitwirken. Die Keys umspannen die packende Musik des Stammtrios, fügen ein weiches Retrogerüst hinzu und lassen das ein oder andere Mal an alte, selige Krautrockzeiten denken.
Rainers Gitarrenspiel ist stellenweise wie von einem anderen Stern. Die Soli fügen sich perfekt in den trigonomischen Kosmos. Mal spacig verzerrt, dann als herrliche Läufe oder Wah Wah-Gemetzel. Manchmal liegt ein jazziger Touch in der Luft, oder es klingt nach süßlichem, psychedelischem Jam. Die Gitarre ist aber, wenn auch ein größeres, nur Teil des Konglomerats, dem Bass und Drums unbedingt angehören. Die Fähigkeiten von Stefan und Tihomir an den dicken Saiten und den Fellen habe ich ja bereits auf "Live 2007" hervorgehoben. Die drei Musiker räumen sich gegenseitig genug Raum ein, sind gleichzeitig aber stets omnipräsent. Organisch, wie eine lebende Pflanze, deren Blüten und Haltung sich mit dem Licht oder dem Wetter verändern, wälzten, stampften, rollten und jammten die Klänge den 2004er Herzbergjüngern entgegen - so wie mir beim Schreiben dieser Zeilen.
Absolut unnötig, einzelne Stücke besonders hervorzuheben - obwohl jedes von ihnen angesagt wird, sehe ich diesen Gig als Gesamtwerk. Ja eigentlich muss ich gestehen, dass ein nahtloser Übergang zu Hause im bequemen Sessel die Krönung wäre, weiß aber, dass es live vor der Bühne anders ist.
Zu sagen, 'Trigon machen Musik' , wird der Sache nicht ganz gerecht. Sie schaffen es, eine ganz spezielle Atmosphäre zu erzeugen. "Wunder werden billigend in Kauf genommen" - ein Stück, welches mich fast in an den Sessel fesselt - unfähig zur Gegenwehr, könnte mir nun jeder fast den Kopf rasieren. So fesselnd einerseits und beruhigend andererseits ist die Nummer.
"Coitus Trigonus Continuum" und "Aural-Verkehr mit Frickelposition" (sind die Titelnamen nicht auch herrlich?) geben mir eindeutig den Rest, weil da Nick Lieto von Frogg Cafe dermaßen überzeugend in sein Flügelhorn stößt, dass es die wahre Freude ist. Klingt manchmal auch wie 'ne Trompete und sein Spiel katapultiert die beiden Nummern in andere Dimensionen. "Herzberg 2004" begleitet mich jetzt bereits seit einigen Tagen und die letzte Mittagspause sah man mich mit Kopfhörer und auf dem Schreibtisch liegenden Füßen. Mein anscheinend lautes »Damm da damm da da damm« als Begleitung zum Flügelhorn in Verbindung mit Tremor-artigen Bewegungen von Kopf und Nacken, ließen meine Kollegin für einen kurzen Moment darüber nachdenken, ob sie vielleicht den Betriebsarzt informieren sollte.
Der super relaxte "Hummelflug" hat mit gleichnamigem Insekt von Rimsky-Korsakow übrigens nichts zu tun. Ich höre eine Flöte im Duett mit der Gitarre. Steht nicht im Line-up, sollten die Töne vom Keyboard kommen? Der Hummel wird's egal sein, auf jeden Fall ist es schön.
Das Album bekommt 'nen Ehrenplatz und hätte, wenn es keine Nachbesprechung wäre, die RockTimes Tipp-Grafik bekommen. Ist natürlich aber auch ohne diese Grafik eine ganz dicke Kaufempfehlung.
Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort. Vielleicht ist es eine, die Band Frogg Cafe mit Nick nicht zu kennen. Nun wartet aber erst mal "Emergent", um mir den nächsten trigonomischen Genuss zu verschaffen, so hoffe ich zumindest.
Line-up:
Rainer Lange (Gitarre, Schrei)
Stefan Lange (Bass, Gummihuhn)
Tihomir Lozanovski (Drums)

Sowie:
Udo Gerhards (Keyboards, Samples)
Nick Lieto (Flügelhorn - #6, 8)
Tracklist
01:Trigonometrie
02:Archaische Extasetechniken
03:Ein kleines brachiales Machwerk
04:Wenn wir Dich rauchen, schreien wir
05:Peitscht das Kamel
06:Coitus Trigonus Continuum
07:Verbiegt die Kontrollen zum Herz der Sonne
08:Aural-Verkehr mit Frickelposition
09:Wunder werden billigend in Kauf genommen
10:TanZEN
11:You do fräsend
12:Tückischer Tonterror
13:Blue Time
14:Hummelflug
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