Die Chronik der Unsterblichen - Blutnacht
21.01.2012, Pfalztheater, Kaiserslautern
Live Die Chronik der Unsterblichen - Blutnacht
Rockoper nach dem gleichnamigen Romanzyklus von Wolfgang Hohlbein.
Text: Wolfgang Hohlbein, Dieter Winkler
Andy Kuntz
Komposition: Stephan Lill, Andy Kuntz
Günter Werno
Premiere, Pfalztheater Kaiserslautern
21. Januar 2012
Premierenbericht
Stil: Rockoper
Fotos: ©Hans-Jürgen Brehm-Seufert



Artikel vom 30.01.2012


Boris Theobald
5000 Seiten Fantasy in drei Stunden - knapp 20 Minuten Schlussapplaus einschließlich zweier kleiner Zugaben.
Das wäre die XXS-Version des Premierenberichts zu "Die Chronik der Unsterblichen - Blutnacht" im Pfalztheater Kaiserslautern. Für die XL-Version müssen wir zwei bis drei Jahre in die Vergangenheit reisen. Der Lektor und Freund von Fantasy-Kultautor Wolfgang Hohlbein, Dieter Winkler, sieht "Christ0" im Münchner Gärtnerplatztheater und ist begeistert. Anruf bei Hohlbein, der überzeugt sich von der Vanden Plas'schen Bühnenkunst bei "Ludus Danielis" im Pfalztheater Kaiserslautern. Und noch am gleichen Abend heckt er mit VP-Fronter und Bühnenstar Andy Kuntz etwas Großes aus ...
... Der Zyklus "Die Chronik der Unsterblichen" soll das sein, was auf die Bühne kommt. Rockoper-Veteran Kuntz überzeugt den Epos-Autor schnell davon, dass die - bis dato - zwölf Bände einfach zu viel sind. Hohlbein entwickelt aus der Quintessenz von 5000 Seiten eine neue Geschichte und nennt sie "Blutnacht". Im April 2011 (!) gibt das Pfalztheater grünes Licht für eine Premiere im Januar 2012 (!!). In Rekordzeit schreiben Hohlbein, Winkler und Kuntz die Texte und - besonders beeindruckend - die 'üblichen' Vanden Plas-Verdächtigen S. Lill, Kuntz und Werno (zugleich musikalischer Leiter der ganzen Chose) die Musik für drei Stunden Fantasy-Rockoper.
Es ist das 'übliche' Lauterer Rockopern-Publikum - ein heterogenes Allerlei aus Metalfans und Theaterpublikum, homogenisiert durch schicken Abendfummel. Plus Hohlbein-Jünger ... wobei Fantasy und Metal bekanntlich herrlich harmonieren. Hohlbein ist zudem schon Manowar-gestählt. Die drei Stunden "Blutnacht" beginnen mit der Vorstellung der Charaktere. Die projizierten Gesichter samt Begleitsatz helfen jenen, die es nicht ganz geschafft haben, das Libretto genau zu studieren. Von Hohlbein selbst gesprochen kommt ein einleitender Text aus dem 'Off'. Der ist sehr kryptisch, macht aber ungeheuer Lust auf historisch-sagenhafte Heldengeschichten!
Blutnacht Die Sorge, dem Stoff nicht folgen zu können, weicht... vorerst... mit den ersten instrumentalen Klängen der Ouverture. Die Prog Metaller im Orchestergraben zeigen ganz schnell, dass die Eile der Qualität nicht geschadet hat. Der Soundtrack zum Geschehen ist noch ein Stückchen eingängiger als bei "Christ0". Aber das ist gut so, denn erstmals bei einem Vanden Plas-Bühnenstück feiert ja auch die Musik selbst Premiere - das muss sofort ins Ohr! Und dennoch verzichtet die Band keinesfalls auf harte Riffs und technische Feinheiten. Ja, wir hören Vanden Plas, nicht bloß banale Begleitmusik. Ein bisschen komplex ist es auch: Die klasse Ohrwurm-Hooks sind zunächst so schnell vorbei, kehren aber in kleinen und großen Reprisen zurück.
Andy Kuntz spielt Andrej Delãny. Das erste Bild ist ein 'stummes', eindringliches. Die Hauptfigur des Stücks kniet vor einem Grab. Sein komplettes Heimatdorf wurde niedergemetzelt. Im Hintergrund erhebt sich geisterhaft ein 'Chor der Toten' und deutet an, dass auf der Bühne sehr, sehr viel los sein wird... und dass der ewige Kreis aus Leben und Tod im Mittelpunkt der Handlung stehen wird. Andrej Delãny ist ein Unsterblicher. Doch von Odins Schwert getroffen muss er selbst zum Gott aufsteigen - oder sterben. Er entscheidet sich für Variante Nummer drei: Weiterleben, um bei seiner geliebten Maria bleiben zu können.
Zwei Gottheiten greifen ein: Meruhe bezirzt Andrej. Mit ihm will sie ein starkes Duo bilden. Gegenspieler Loki will das verhindern. Auf kleinen Podesten mit Treppen, ähnlich wie Schiedsrichterstühle im Tennis, haben die beiden links und rechts der Bühne ihren Platz. Sie beobachten und kommentieren, wenn sie nicht gerade manipulativ aktiv sind - anschaulich und überzeugend gelöst! All zu irdisch und mit ganz anderem Gottesbezug trachtet Inquisitor Domenicus nach Andrejs Leben.
Blutnacht Es beginnt eine rasante Reise durch Raum und Zeit. Per Zaubertrank kann der Held sein irdisches Leben verlängern und im Nu Hunderte von Jahren und Kilometern zurücklegen, auf der Suche nach Sinn und Unsinn von Unsterblichkeit. Hohlbeins Schauplätze sind ein Streifzug durch Geschichte und Legenden: Graf Draculs [sic!] Schloss in Transsylvanien, der 'Narrenturm' in Venedig, die Wallfahrtskirche der Blutgräfin Bathory in Cachtice, der Große Brand von London im Jahr 1666. Wenig Zeit, um all die jähen Sprünge hinlänglich zu motivieren...
... aber ganz großes Kino, was dort überall geschieht! Andy Kuntz spielt famos und eindringlich, wirkt nie wie eine 'Figur', sondern unheimlich echt - man fühlt mit! Sein Solo-Song "Son Of Utopia" ist ein Beispiel dafür, wie viel Vanden Plas-Essenz hier trotz des progressiven Abspeckfaktors bleibt - dieser hypnotische, intensive Chorus ist so typisch und so gut! Für sein Duett "Waiting For You" mit der lyrisch-anmutvoll singenden Julia Steingaß alias Maria verdient Balladen-Schreiberling Günter Werno ein Sonderlob, das wenigen Rockopern zukommt: Balladenhaft, aber eben nicht kitschig!
Ein echtes Highlight ist aber "Meruhes Seduction" - Kuntz mit Astrid Vosberg als Göttin Meruhe - quasi die Power-Variante im Duett-Bereich. Die Stimmen der beiden ergänzen einander so perfekt, dass es kribbelt! Einen weiteren Höhepunkt liefert Maciej Salamon als Graf Dracul mit der Power-Hymne "In My Universe" - an dem Mann ist ein Metal-Fronter verloren gegangen! Auch klasse: Manuel Lothschütz als Andrejs totgeglaubter Sohn Marius - das gemeinsame Finale ("Last Fight") der beiden ist richtig schön episch und dramatisch! Noch eine schauspielerische und Sanges-Entdeckung: Der junge Denis M. Rudisch als Kinderbanden-Chef Frederic - das geht unter die Haut!
Eher gewöhnungsbedürftig sind der schräge Auftritt Geertje Nissens als Blutgräfin Bathory ("Blood Of Eden") in tiefstem 'Denglisch' und manche Solo-Parts des ansonsten überzeugenden Alexis Wagner. Seine Bass-Stimme passt perfekt zum Inquisitor Domenicus, wirkt aber in manchen Gesangsparts zu hölzern. Passt das Gebrumme einfach nicht zum Heavy Metal mit seinen sonst so hohen Stimmen? Bin ich einfach nur anderes gewohnt? Mag sein. Bei ihm kommen jedenfalls die Sprech-Parts (wie bei allen Rollen auf Deutsch) besser rüber als der (durchweg englischsprachige) Gesang.
Blutnacht Fürs Auge wird durchweg großes Theater-Kino geboten. Die Requisiten sind verhältnismäßig einfach gestaltet und bestehen meist aus recht schlichten Holzwänden. Durch die brillante Beleuchtung entstehen aber mystisch-authentische Szenerien, so zum Beispiel beim Großen Brand von London. Auch filmische Elemente kommen zur Anwendung. Die Projektionen auf transparente Vorhänge in unterschiedlichen Tiefen der Bühne funktionieren so gut und 'unaufdringlich', dass man hier und da schon einmal von der Existenz des eines Vorhangs überrascht wird und den Eindruck hat, es erscheine ein Bild mitten im Nichts.
Es sind unwahrscheinlich viele Ebenen, die auf der Bühne erschaffen werden, und die werden teils heftig bevölkert! Das Ballett macht mächtig Eindruck in gruseliger Vamp-Montur. Der Extrachor des Pfalztheaters füllt die ohnehin starken Song-Refrains mit Atmosphäre. Einmal führt der Abgang ins Off links und rechts entlang der Zuschauerreihen, und plötzlich kommt dieser raumfüllende, dramatische Chorgesang von überall! 5.1 im Pfalztheater - faszinierender Effekt. Lobend erwähnt werden muss unbedingt auch der Kinderchor, dem in Form einer Londoner Kinderbande sogar eine größere Rolle zukommt. "Children Of London" ist ein klasse Stück - keine Spur von Kitsch!
BlutnachtAm Ende ist das Publikum begeistert - nicht gar so euphorisch wie bei Abydos oder Christ0, aber fast. Nach drei Stunden bleibt der Eindruck einer schon fast erwartbar großen Show mit überwiegend überzeugenden Auftritten und nur ganz wenigen Durchhängern. Auch musikalisch war "Die Chronik der Unsterblichen - Blutnacht" eine echte Premiere und damit sehr spannend für Vanden Plas-Fans. Für die ist die Show nicht weniger ein Muss als fürs Hohlbein-Volk. Die Story bleibt für Newbies eine Herausforderung - zwar entschlackt genug, aber etwas sprunghaft. Es fehlt ein bisschen logisches 'Kitt' zwischen den Szenen. Es tut dem sehr positiven Sinneseindruck aber keinen Abbruch.
Blutnacht Nach der Show hatte ich Gelegenheit, im Rahmen der Premieren-Sause mit einigen Haupttätern zu reden. Der sehr sympathische Wolfgang Hohlbein war ein kritischer Beobachter - sehr zufrieden, nicht euphorisch, analytisch. Viele Bilder habe er so im Kopf gehabt, manche seien anders gewesen. Nicht daneben - anders, eben. Er habe den Blick 'von außen' genossen und fragt mich interessiert nach meiner Meinung. Co-Autor Dieter Winkler ist spürbar erleichtert, dass die Premiere prima lief, glaubt aber gleichzeitig, dass man es hier und da dem Zuschauer leichter machen könnte.
Andy Kuntz ist noch erleichterter und richtig in Feierlaune. Er erklärt mir nochmal, wie knapp die Zeit und wie spannend der Endspurt war. Es habe sich gelohnt... stimmt. Auch von Günter Werno fällt viel Anspannung ab. Ganz der Perfektionist ärgert er sich sogar noch über komplizierte Prog-Passagen aus seiner Feder, die er letztlich nicht habe unterbringen können. Aber vielleicht kommt das noch? Er kündigt mir das Werk als CD an und lächelt verschmitzt: »The Chronicles Of The Immortals«...
Die feststehenden Aufführungen bis Ende Juni sind schon am Premierenabend fast ausverkauft. Aber es sind Zusatztermine in Planung. Und das Theater hat die Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit schon fest im Blick. Dann könnte es sogar sein, dass Hohlbein himself eine kleine Rolle übernimmt (man achte auf die drei Typen in London, die den Bettler schikanieren...). Das war von vornherein geplant. »Ich hatte sogar meinen Text schon auswendig gelernt. Die ganzen vier Sätze«, erzählt er mir und lacht. »Aber dann hätte ich den kompletten zweiten Teil hinter der Bühne verbringen müssen, in der Maske und so. Und weil es als schlechtes Omen gilt, wenn ein Schauspieler geschminkt im Publikum sitzt... also da bin ich egoistisch. Zumindest die Premiere wollte ich sehen!« Hat sich ja auch gelohnt, Herr Hohlbein!
Besetzung:
Andrej Delãny - Andy Kuntz
Abu Dun - OJ Lynch
Meruhe - Astrid Vosberg
Loki - Alexander Franzen
Der Schwarze Ritter / Marius - Manuel Lothschütz
Maria - Julia Steingaß
Domenicus / Dr. Scalsi - Alexis Wagner
Frederic - Denis M. Rudisch
Graf Dracul - Maciej Salamon
Die Blutgräfin - Geertje Nissen
Finnley, Archie, Rightbourg - Alexis Wagner, Manuel Lothschütz, Maciej Salamon
Bess - Tabea Floch
Kija, Nefra (Begleiterinnen Meruhes) - Anna Port, Gabriele Rusch
Vlad (Diener von Graf Dracul) - Stephan Müller
Der Extrachor und der Kinderchor des Pfalztheaters
Das Ballett des Pfalztheaters
Die Statisterie des Pfalztheaters

Einleitungstext gesprochen von Wolfgang Hohlbein
Geisterstimmen: Elif Esmen, Marion Fuhs, Susanne Ruppik, Dominique Bals, Jan Henning Kraus

Die Band Vanden Plas:
Andreas Lill (drums)
Stephan Lill (guitar)
Torsten Reichert (bass)
Günter Werno (keyboard, piano)
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